Grete Dutschke – »1968«

Grete Dutschke – »1968«

Mit einer „Kulturrevolution“ wollte die „1968er“-Bewegung
eine neue, solidarische und menschliche Gesellschaft schaffen.
Rudi Dutschkes Frau, Grete, erzählt in ihrem Buch »1968«, was los war

von Andreas Wagner (Brennstoff)

 

Im Jahr 1964. Lange Überfahrt mit einem schäbigen Frachtdampfer über den Atlantik. Grete Klotz, bald Dutschke-Klotz, betrat erstmals Deutschland. Grund ihrer Reise aus den USA: Deutsch lernen, um den Philosophen Immanuel Kant im Original lesen zu können. Sie war Studentin der Theologie; und 22 Jahre jung.

„Ich heiße Rudi, Rudi Dutschke“

In München kurz, dann West-Berlin. In der „Frontstadt des Kalten Kriegs“ liegt der Mauerbau erst drei Jahre zurück; das Kriegsende noch keine zwanzig Jahre. Grete verdient sich anfangs als Tellerwäscherin   ihr Geld; mietet ein Zimmer in einem Haus, dessen oberste Etage bei alliierten Luftangriffen weggebombt worden war. Überall in Berlin noch die Spuren des Zweiten Weltkriegs.

Nur Monate später. Grete im überfüllten „Café am Steinplatz“. Sie ergattert einen letzten freien Platz. »Ich heiße Rudi, Rudi Dutschke«, sagt der unbekannte junge Mann am Tisch zu ihr; einen Stapel Bücher vor sich; mit kurzer Lederhose. Man kam ins Gespräch.

Das Private ist politisch!

Es war damals eine Zeit der „großen, optimistischen Fortschrittsideologien“, blickt Grete in ihrem Buch zurück. Es gab großen Bildunghunger; es wurde ungeheuerlich viel gelesen. „Natürlich auch von Rudi, der Bücher verschlang wie andere belegte Brötchen“, erzählt sie. 1963 hatte Rudi Dutschke in Berlin sich (mit Bernd Rabehl) der kleinen Gruppe der »Subversiven Aktion« angeschlossen. Ihr Hauptanliegen war: durch Protestaktionen den »Verblendungszusammenhang« (Adorno) aufzubrechen, der die Menschen hindert, ihre wahren menschlichen Bedürfnisse zu erkennen; ihre eigene Unfreiheit in einer Welt des totalen Konsums, die in Wahrheit autoritär (bevormundend) und zerstörerisch ist.

Im März 1966 feierten Grete und Rudi Dutschke ihre Hochzeit. Das bereitete den Freunden Sorgen, denn Kleinfamilie und Ehe galten den anti-autoritären »68ern« als „Keimzelle repressiver Gesellschaft“; d.h. als Lebensform, die den obrigkeitshörigen und autoritären Charakter der Bürger erzeugt; durch psychische Prägung.

Ganz in diesem Sinne – „Das Private ist politisch!“ – gründeten Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel u.a. in West-Berlin die berühmte „Kommune 1“, die die sexuelle Revolution mit Eifer zelebrierte, lustig-„verrückte“ politische Protestaktionen inszenierte und die Selbst- und Gruppenkritik in der Kommune zum Programm erhob, um sich zu befreien.

Vietnamkrieg

Am 30. Jänner 1968 begann in Vietnam die „Tet-Offensive“ des Vietcong: Zehntausende prokommunistische Guerrillakämpfer schlugen mitten in Südvietnam los – gegen das dortige prowestliche Militärregime und die kriegführende US-Armee. Unter dem Banner des „Antikommunismus“ hatten die USA seit 1965 den Vietnamkrieg brutal eskaliert. »Bombt sie in die Steinzeit«, hatte der Stabschef der US-Luftwaffe gefordert. Napalm und Agent Orange, Flächenbombardements und Massaker – die grausame US-Kriegsführung in Vietnam wurde zum Zündstoff für die große „1968er“-Studentenrevolte weltweit.

„Der Muff von tausend Jahren“

„Die Verwandlung Deutschlands in eine lebendige demokratische Gesellschaft ist vor allem das Verdienst der »1968er«-Generation“, fasst Grete Dutschke die historische Wirkung von »1968« zusammen. Zugleich hält sie fest: Das große Projekt der demokratisierenden, antiautoritären Kulturrevolution ist längst nicht vollendet. Bis heute nicht.

Schon ab dem Jahr 1964 stieg der Pegel. Sich schrittweise anbahnend, erfasste die »1968er«-Studentenrevolte nicht nur Westdeutschland. Sie fand genauso in den USA, in Frankreich, Italien, Japan, Brasilien, Mexiko, Uruquay statt.

Bereits 1966 war es zum ersten großen »Sit-in« und »Teach-in« in der Bundesrepublik gekommen. 3000 Studenten besetzten im Juni den Henry Ford-Bau der Freien Universität Berlin. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren«, hieß die berühmte Parole bald darauf. Die Studenten griffen von nun an immer häufiger mit ihren Protesten die erzkonservativen, autoritären Strukturen der Universitäten an; die »geistlose« Bildung, die nicht mehr nach dem guten, menschlichen Leben fragt. Und sie begannen eine Gegenkonzption umzusetzen, die „kritische Universität“: Bildung sollte nicht länger nur ein „Instrument“ für die Herrschaft der „Eliten“ sein.

Antikoloniale Befreiungsbewegungen

Korrupte, brutale, CIA-gestützte Diktatoren und Militärjuntas bedrückten in den 50er- und 60er-Jahren vielerorts die Menschen in der Dritten Welt. Zahlreiche antikoloniale Befreiungsbewegungen lehnten sich weltweit dagegen auf. Der US-Invasionsversuch gegen Fidel Castros Kuba 1961 („Schweinebucht“) scheiterte. Che Guevarra ging 1965 in den Kongo und dann nach Bolivien. Seine und Frantz Fanons Schriften über den Kolonialismus (»Die Verdammten dieser Erde«), die gnadenlose wirtschaftliche Ausbeutung der (früheren) Kolonialstaaten durch Europa und Amerika, wurden von den »68ern« viel gelesen. Die Solidarität mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt war ein weiterer Treibsatz der »1968er«-Bewegung.

Schon Dutschkes (und Bernd Rabehls) erste „illegale“ Demonstration im Dezember 1964 hatte dem gegolten: Beim Staatsbesuch des damaligen Diktators im Kongo, Moise Tschombé, setzten sich die Berliner Studenten über die polizeilichen Demonstrationsverbote hinweg. Tschombé wurde erfolgreich mit faulen Tomaten beworfen. „Es war der Beginn unserer Kulturrevolution“, notierte Rudi Dutschke später dazu, bezogen auf den Mut, die behördlichen Verbote übertreten und so das öffentliche Stillschweigen über die Diktatur im Kongo durchbrochen zu haben. Denn die liberale Presse griff das Ereignis nun auf.

Tod Benno Ohnesorgs

Der 2. Juni 1967 wurde zur „dramatischsten Wendung der Protestbewegung“ in der Bundesrepublik. Am Vorabend versammelten sich 3000 Studenten im Henry Ford-Bau der Freien Universität Berlin. Der Exiliraner Bahman Nirumand berichtete dort über den Schah von Persien (Iran), wie dieser in Luxus schwelgt, seine Bevölkerung hungert und sein Geheimdienst SAVAK jede Opposition auf brutalste Weise unterdrückt. Selbst einem abtrünnigen Minister hatte der Schah lebendig die Augen ausreissen lassen.

Am 2. Juni 1967 wurde der Schah von Persien, M. Reza Pahlavi, als hoher Staatsbesuch im Rathaus von Berlin empfangen. SAVAK-Leute stürmten auf die Studenten los, die dort gegen den Schah demonstrierten; schlugen mit schweren Holzlatten und Stahlruten auf sie ein. Die Berliner Polizei aber ließ die SAVAK gewähren.

Am Abend staatspolitischer Empfang des Schahs in der „Deutschen Oper“ in Berlin. Dann stürmte die Berliner Polizei los. Eine Prügelorgie gegen die demonstrierenden Studenten hob plötzlich an. Chaos. Jeder rannte. Der 26-jährige Student Benno Ohnesorg, Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, flüchtete in seinen „Jesuslatschen“. Er trug ein rotes Hemd.

Ein Schuss. Benno Ohnesorg lag blutend da. Er war in einen Hinterhof gerannt. Polizisten knüppelten ihn dort nieder, dann schoss ihm der Polizist K.H. Kurras (wie später gerichtlich belegt) aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Er starb noch im Krankenwagen.

„Am 2. Juni hatte sich ein Abgrund aufgetan“, schreibt Grete Dutschke. Das Ereignis schockierte zutiefst, gab dem »68er«-Studentenprotest aber bald riesigen Auftrieb. Mit der Ermordung Benno Ohnesorgs war erstmals eine absolute rote Linie überschritten. „Vier Wochen später war es mit der Ruhe und der Ordnung endgültig vorbei. Die Revolte, die so sehr mit der Jahreszahl 1968 verbunden ist, begann am 2. Juni 1967.“

1967 – The Summer of Love

Von Anfang an war die »68er«-Studentenrevolte Teil einer großen Jugendrevolte in den 1960er-Jahren, die sich schließlich in der Musik, in Literatur, Kleidung, Lebensstil und Haarpracht bunt, schrill und intensiv zum Ausdruck brachte. Anfangs machten Jazz (als »Negermusik« bei den Älteren verpönt) und der philosophische Existenzialismus großen Eindruck auf junge Leute. Man las Sartre und Camus, trug schwarze Rollkragenpullis und rauchte französische Zigartten.

Bereits im Juni 1962 hatten die „Schwabinger Krawalle“ in München für Aufsehen gesorgt. Zwei barfüßige Jazzer musizierten im lauen Frühlingsabend auf einer Straße, ein Pärchen tanzte dazu spontan. Kurz darauf: Polizeiaufgebot wegen „Ruhestörung“. Es folgte eine Straßenschlacht zwischen Polizei und Jugendlichen, die mehrere Tage dauerte; mit 200 Festnahmen und zahlreichen Verletzten. „Es war ein erstes Vorzeichen der Jugend- und Studentenrevolte“, so Grete.

Spätestens 1967 schwappte aus den USA die Hippiebewegung (die „Flower Power“) auf Westdeutschland über. Scott McKenzies Hippie-Hymne – »If you‘re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ – machte die Runden. „1967 war auch ein Sommer fantastischer Musik, die so noch nie zu hören war“, schreibt Grete. Janis Joplin, Rolling Stones, Procol Harum, John Lennon u.v.a.m. Die neue Musik der »1968er« begeisterte viele junge Leute.

Ein starkes Lebensgefühl von neuer Freiheit, Lebenslust, Aufbruch, Selbstbestimmung und offener Sinnlichkeit und Erotik beflügelte die junge Protestgeneration. Ganz neue Frauenbilder traten hervor. Der französische Regisseur Roger Vadim hatte seit Mitte der 50er-Jahre in seinen Kinofilmen mit Brigitte Bardot, Catherine Deneuve und Jane Fonda ein ganz neues Bild starker, auch sexuell selbstbewusster Frauen geschaffen.

Die Bücher von Henry Miller, Anais Nin, aber auch von Wilhelm Reich („Die Funktion des Orgasmus“) befeuerten ihrerseits die sexuelle Erotik; während Oswald Kolle ab den 60er-Jahren als eifriger Journalist die sexuelle Aufklärung in die bundesdeutschen Illustrierten trug. Die sexuelle Prüderie der 50er-Jahre und davor wurde abgeschüttelt.

NS-Zeit und antiautoritäre Bewegung

Die Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ des SDS, der „Eichmann-Prozess“ in Israel von 1961 und die „Auschwitzprozesse“ in der Bundesrepublik ab 1963 brachten ein weiteres Thema ins Rollen: die NS-Verbrechen und den Holocaust. Die NS-Greuel und die Mittäterschaft waren bis dahin in der Bundesrepublik totgeschwiegen worden. Zugleich saßen Tausende einstiger Naziverbrecher nun als Staatsbeamte in Justiz, Polizei und Staatsverwaltung. Die autoritäre Haltung – der Universitäten, der Polizei, des Staates, der Politiker, der Boulevardpresse, aber auch der Eltern – wurde für die »68er«-Generation zum Beweis einer ungebrochenen Tradition des Faschismus, die allein durch eine antiautoritäre, demokratisierende Kulturrevolution zu überwinden war.

1968 – Vietnamkongress

Die Sympathien der deutschen Bürger für die „antiautoritäre Studentenbewegung“ waren Anfang 1968 auf erhebliche 27 Prozent Zustimmung gestiegen. Das zeigten Umfragen. Ende 1967 hatte der „Spiegel“ ein Foto Rudi Dutschkes auf der Titelseite gebracht. „Revolutionär Dutschke“ stand darauf zu lesen. Innerhalb eines Jahres war Rudi Dutschke zu einer „Figur der Zeitgeschichte“ geworden; zur Symbolfigur der antiautoritären Studentenbewegung und antiautoritären „Neuen Linken“. Bis in die höchsten Kreise des Establishments sympathisierte das linksliberale und das linksintellektuelle Milieu der Bundesrepublik inzwischen mit ihm. Günter Gaus diskutierte live im TV mit ihm. Rudolf Augstein und Ralf Dahrendorf im Audimax der Hamburger Universität.

Aber auch die wirklich großen Intellektuellen waren präsent: Herbert Marcuse gastierte 1967 bei den rebellierenden Studenten in Berlin. »Wir sind diejenigen, die die Demokratie verteidigen«, stellte sich der kritische Sozialphilosoph hinter sie.

Im Februar 1968 füllten 5000 Studenten, Schriftsteller und Intellektuelle den Audimax der TU Berlin. Der legendäre „Vietnam-Kongress“ gegen den US-Vietnamkrieg hatte begonnen. Erich Fried und Peter Weiss waren gekommen. Es brodelte gewaltig in Berlin; und in Deutschland. Rudi Dutschke schloss seine Rede mit der Utopie einer „freien Gesellschaft freier Individuen“ überall auf der Welt – durch Weltrevolution.

Das Attentat auf Rudi Dutschke

Gründonnerstag, 11. April 1968. Rudi Dutschke am Ku‘damm in Berlin. Ein junger Mann tritt heran. »Sind Sie Rudi Dutschke?« Dann schoss er auf ihn.

Zwei Kugeln trafen Rudi Dutschke in den Kopf. Nur knapp rettete eine Notoperation sein Leben. Elf Jahre später jedoch starb Rudi Dutscke an den Spätfolgen dieses Attentats am Weihnachtsabend 1979.

Noch am Abend des Tags schnaubten 5.000 Demonstranten wütend und entsetzt zum Axel-Springer-Haus in Berlin. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. In den Ostertagen darauf sprangen Wut und Empörung auf zahllose Städte Westdeutschlands über. Rund 50.000 nahmen an den großen »Osterunruhen“ teil. „Es kam zu Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte“, schrieb der „Spiegel“. Es gab 1000 Festnahmen. Und wie der Bundesinnenminister Ende April berichtete: den »Osterunruhen« der Studenten hatten sich viele Schüler, junge Angestellte und junge Arbeiter angeschlossen. Die »antiautoritäre Kulturrevolution« war 1968 längst keine Sache nur von Studenten mehr. Wie auch in Paris im heißen Mai 1968, wo sich die Arbeiter aber in riesiger Zahl den Studentunruhen anschlossen.

Andreas Wagner

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Artikelfoto: © Buch Armin Fuhrer: 1968.
Ein Jahr verändert die Welt.
Palm Verlag (Ausschnitt Buchcover)

 

 

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