Globaler Wildtierhandel: „Tickende Zeitbombe“ für neue Pandemien

(Bild oben:) Seitenhalle eines Wildtiermarkts in Guangzhou, Südchina
(Agenturfoto: © Paul Hilton / EPA / picturedesk.com)

Globaler Wildtierhandel: „Tickende Zeitbombe“ für neue Pandemien

Stammt das Corona-Virus von Fledermäusen und waren Pangoline („Schuppentiere“) tatsächlich die Überträger? — Zwölf deutsche Tier- und Artenschutzverbände fordern ein striktes Verbot des Wildtierhandels nach Europa. Denn der milliardenschwere, wachsende globale Wildtierhandel trägt maßgeblich zum weltweiten Artensterben bei und birgt auch hierzulande das unabsehbare Risiko weiterer epidemischer Wildtier-Mensch-Infektionen (wie bei Corona). Schließlich ist Deutschland ein europäischer Hauptimporteur.

Ein Artikel von Andreas Wagner (Brennstoff)

Ein „umfassendes und sofortiges Einfuhrverbot für lebende Wildtiere“ fordern zwölf deutsche Tier- und Artenschutzverbände. Unter ihnen Pro Wildlife, der Dt. Tierschutzbund, der Dt. Naturschutzring, Vier Pfoten und die Aktionsgemeinschaft Artenschutz. In einem Offenen Brief an Bundesministerien in Berlin weisen sie (wie auch die Berliner taz  berichtete) auf große gesundheitliche und ökologische Risiken hin.

Corona – ein Virus von Fledermäusen?

Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Viruserkrankung und Pandemie (COVID-19) „ist mutmaßlich auf den Handel und dem damit verbundenen engen Kontakt mit bzw. dem Verzehr von Wildtieren zurückzuführen“, argumentieren die Verbände in ihrem Offenen Brief. Folglich bestehe auch hierzulande ein erhebliches Risiko, dass der massive jährliche Import exotischer Wildtiere nach Deutschland und in die EU zu vergleichbar gefährlichen „Zoonosen“ (wie COVID-19) führen kann. D.h. zu schweren Infektionskrankheiten, die in ihrem Ursprung von Wildtieren auf den Menschen übertragen werden.

Die Argumentation bezieht sich auf die folgende Tatsache: Das neue Corona-Virus war erstmals im Dezember in Wuhan, China, aufgetreten, wo es auf einem Markt für Wildtiere zur ersten Ansteckung gekommen sein dürfte. Wie Wissenschafter und Medien in den letzten Monaten berichteten, stammt das Virus wahrscheinlich von Fledermäusen, von denen es möglicherweise über Pangoline („Schuppentiere“), die in China und Südostasien als Delikatesse auf Wildtiermärkten verkauft werden, als Zwischenwirt auf Menschen gelangte.

Fledermäuse oder Pangoline als Überträger, oder doch nicht?
Evolutionäres oder gentechnisch fabriziertes Virus?

Eine sehr differenzierte Analyse zum Corona-Virus (SARS-CoV-2) hat im März z.B. das renommierte amerikanische „Scripps Research (Institute)“ (Kalifornien) vorgelegt, wonach (1.) das Virus evolutionär (also nicht im Labor) entstanden ist bzw. aufgrund seiner Strukturmerkmale nicht im Labor entstanden sein kann, vielmehr evolutionär entstanden sein muss; (2.) das CoV-2 einem Fledermaus-Coronavirus sehr stark ähnelt, aber bisher keine Direktübertragung von Viren von Fledermaus zu Mensch belegt ist (weshalb ein Zwischenwirt zu vermuten wäre); und (3.) es auch in Pangolinen ein sehr ähnliches Coronavirus gibt, das aber erst im menschlichen Körper pathogen (d.h. zum aggressiven Krankheitserreger) mutiert sein müsste oder aber eines anderen Zwischenwirts bedurft hätte, wie Schleichkatzen oder Frettchen (Iltis).

Laut „Science ORF.at“ lautet eine jüngste Hypothese chinesischer Wissenschafter, dass streunende Hunde der Zwischenwirt des Corona-Virus gewesen sein könnten. Zudem, so „Science ORF.at“ davor, bestehe Zweifel an der Hypothese der Pangoline als Zwischenwirt. Wobei das dort vorgebrachte Argument, man gefährde die Pangoline, indem man sie im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nenne, doch sehr abstrus und absurd ist. Denn es ist der traditionsbedingte Verzehr der Mangoline als Delikatesse in China und Südostasien, der den Handel mit ihnen antreibt und sie dadurch bereits mit dem Aussterben bedroht. Ihren Bestand schützen könnte nur ein strikt durchgesetztes Handelsverbot. Während die Öffentlichkeit ein absolutes Recht und Interesse hat, von der Wissenschaft transparent über den Stand der Forschung zu den Ursachen (der Pandemie) unterrichtet zu werden.

Die Unterschiede – ist vielleicht noch hinzuzufügen – in den Erklärungen der Wissenschafter bedeuten aber nur, dass auch die Naturwissenschaften zäh und langwierig arbeiten und hinterfragen und diskutieren müssen, um Erkenntnisse zu gewinnen, und dass sie oft auch nur annähernde oder wahrscheinliche oder nur vorläufige Ergebnisse liefern können.

— awa —

Wildtierimporte nach Deutschland: Hunderttausende pro Jahr

Die Gefahr einer Wildtier-Mensch-Infektion sei durchaus gegeben, argumentieren die Tier- und Artenschutzverbände, da gerade Deutschland eines der europäischen Hauptländer des Wildtierimports ist. „Deutschland ist seit vielen Jahren eines der Schlüsselländer im Handel mit Wildtieren, die jedes Jahr zu Hunderttausenden aus aller Welt für den europäischen Heimtiermarkt importiert werden. Darunter sind auch frisch importierte Wildfänge aus Asien, Afrika und Südamerika, die aufgrund der i.d.R. tierschutzwidrigen Fang- und Handelsbedingungen besonders anfällig für Infektionen sind“, stellen sie in ihrem Offenen Brief dazu fest.

Laut Berliner taz  wurden in den Jahren 2017-2019 alleine aus China 200.000 Lebendreptilien (wie z.B. Schlangen oder Echsen) nach Deutschland importiert. Pro Wildlife zufolge wurden in den Jahren 2014-2018 insgesamt 2 Millionen lebende Reptilien aus China, 1,8 Mio. aus den USA sowie insgesamt rund 700.000 aus Usbekistan, Togo und Vietnam in die EU-Staaten eingeführt. Für alle anderen Wildtierimporte (wie z.B. Flughunde, Hörnchen, exotische Vogelarten) gibt es in der EU aber noch nicht mal eine Importmengen-Zählung.

Globaler Wildtierhandel: eine „tickende Zeitbombe“

„Der internationale Handel mit Wildtieren ist eine tickende Zeitbombe“, sagt es Sandra Altherr, die Sprecherin von Pro Wildlife, klar heraus. In den EU-Staaten gebe es bislang nur „sehr punktuelle“ Importbeschränkungen und -auflagen. „Dabei wäre ein generelles Importverbot von Wildfängen nicht nur aus Tier- und Artenschutzgründen überfällig, es würde auch das Risiko immer neuer Zoonosen einschränken.“

Geteilt wird die Sorge vor Wildtier-Mensch-Krankheitsübertragungen seit langem auch von der „Weltorganisation für Tiergesundheit“ (OIE), die mit WHO und FAO (der „Weltgesundheits-“ bzw. der „Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation“ der UNO) zusammenarbeitet. Die OIE war 1924 gegründet worden, nachdem ein Schifftstransport von Zebus (Buckelrindern) aus Indien über Antwerpen zu einer Rinderpest in Belgien geführt hatte. „One Health“, heißt das strategische Konzept der OIE, das besagt: „Menschliche und tierische Gesundheit hängen voneinander ab und sind an die Gesundheit des Ökosystems gebunden, das sie umgibt.“

Drei von fünf neuen menschlichen Krankheiten sind tierischen Ursprungs

Auf ihrer Website streicht die OIE das Problem der „Zoonosen“ deutlich heraus. Schätzungsweise mindestens 75 Prozent, schreibt sie, der in unserer Zeit weltweit auftretenden menschlichen Infektionskrankheiten seien tierischen Ursprungs. Ebenso drei der fünf menschlichen Krankheiten, die jedes Jahr im Durchschnitt weltweit neu entstehen.

Auch der Offene Brief der Tierschutz- und Artenschutzverbände macht sich das Argument der OIE zu eigen: „Die Anzahl neu auftretender Infektionskrankheiten ist stark gestiegen – und 75 Prozent dieser Krankheiten haben einen tierischen Ursprung. Beispiele für Viren, die tödliche Erkrankungen erzeugen und die in den letzten Jahren von Tieren auf Menschen übertragen wurden, sind SARS, MERS, Ebola, HIV, Bornaviren, Affenpocken und die Vogelgrippe.“

Zwischenhandel und Wildtiere im Haus als Überträger

„Die Bedingungen im Wildtierhandel mit vielen verschiedenen Arten und gestressten Tieren auf engem Raum begünstigen die Übertragung von Pathogenen [Krankheitserregern; d. Red.] auf neue Arten und damit gegebenenfalls auch neue Zoonosen“, beschreibt Pro Wildlife den zusätzlich verschärfenden Aspekt des nicht tiergerechten Transports und der Zwischenhaltung.

Pro Wildlife macht an Beispielen deutlich, dass auch aus diesem Grund die Haustierhaltung von Wildtieren alle Risiken birgt: Im Jahr 2003 erkrankten in den USA mehr als 70 Menschen, die Präriehunde als Haustiere hielten, an Affenpocken, die zuvor in einer Tierhandlung von afrikanischen Nagern und Hörnchen auf diese übertragen worden waren. Das Vogelgrippevirus H5N1 ließ sich auch bei Papageien im Tierhandel nachweisen. In Sachsen-Anhalt starben 2012 und 2013 drei Züchter asiatischer Schönhörnchen, die sich über diese mit Bornaviren infiziert hatten.

Aber auch für heimische Tiere besteht Gefahr: So führte z.B. im Jahr 2008 ein eingeschleppter Hautpilz (über den asiatischen Schwanzlurch, der als Haustier gehalten wird) zum Massensterben von heimischen Salamandern in Belgien, den Niederlanden und der Eifel in Deutschland.

Wildtierhandel: Eine Hauptursache der Zerstörung der Artenvielfalt

Schließlich ist noch das Hauptargument ins Treffen zu führen: Der globale Wildtierhandel trägt weltweit massiv zum Aussterben von Tieren bei und gefährdet überall auf der Welt die evolutionäre Biodiversität, die als Grundlage der Biosphäre die Lebensgrundlage des Menschen bildet. „Zudem bedroht“, heißt es dazu im Offenen Brief, „der Wildtierhandel die Artenvielfalt – laut Weltbiodiversitätsrat (IPBES) ist die direkte Ausbeutung der Natur einer der Hauptgründe für das Artensterben.“

Alarmierend ist auch eine letzten Oktober neu erschienene wissenschaftliche Studie, die in „Science“ publiziert wurde. Demnach sind (lt. „phys.org“) mehr als 5.500 Tierarten an Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien vom weltweiten Wildtierhandel betroffen. Das sei „ein Volumen, das 50 Prozent höher liegt, als bisher geschätzt“ wurde. „Der legale und illegale Handel mit Wildtieren als Haustieren oder zu ihrer [gastronomischen, industriellen, handwerklichen oder wissenschaftlichen] Verarbeitung ist eine multimilliardenschwere Industrie und ist als eine der schwersten Bedrohungen für die Biodiversität zu sehen.“ Doch die Nachfrage steigt weiter.

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Artikelfoto: Wildtiermarkt in Guangzhou, Südchina
(Agenturfoto: © Paul Hilton / EPA / picturedesk.com)

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