Freiheit liegt außerhalb. Über Anpassung und Auflehnung | Jiddu Krishnamurti

Jiddu Krishnamurti
Freiheit liegt außerhalb.
Über Anpassung und Auflehnung

Unser Geist ist Spiegel der Gesellschaft, ist die Gesellschaft selbst.
Wahre Bildung ist, den Geist aus den Gefängnismauern der Gesellschaft, ihren Mustern des Denkens und Fühlens, zu befreien. Veränderung setzt die Selbstbeobachtung des Geistes voraus.

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»Haben Sie je mit geschlossenen Augen völlig still gesessen und die Bewegung Ihres eigenen Denkens beobachtet? Haben Sie die Funktionsweise Ihres Geistes beobachtet – oder hat sich vielmehr Ihr Geist bei seiner Tätigkeit selbst beobachtetet, einfach um zu sehen, was Ihre Gedanken sind, was Ihre Gefühle sind, wie Sie Bäume, Blumen, Vögel und Leute anblicken, wie Sie auf einen Vorschlag antworten oder wie Sie auf eine neue Idee reagieren? Haben Sie das je getan? Falls nicht, haben Sie sehr viel versäumt. Zu erkennen, wie der eigene Geist arbeitet, ist grundlegender Sinn von Bildung. Wenn Sie nicht wissen, wie Ihr Geist reagiert, wenn Ihr Geist sich nicht seiner eigenen Aktivitäten bewusst ist, werden Sie nie herausfinden, was Gesellschaft ist.

Sie lesen vielleicht Bücher über Soziologie, aber wenn Sie nicht wissen, wie Ihr eigener Geist arbeitet, können Sie tatsächlich nicht verstehen, was Gesellschaft ist, weil Ihr Geist Teil der Gesellschaft ist; er ist die Gesellschaft. Ihre Reaktionen, Ihre Glaubensanschauungen, Ihr Gang zum Tempel, die Kleidung, die Sie tragen, die Dinge, die Sie tun und lassen, und was Sie denken – die Gesellschaft besteht aus all dem, sie ist die Spiegelung dessen, was in Ihrem eigenen Geist vorgeht. Ihr Geist ist also nicht getrennt von der Gesellschaft; er ist nicht verschieden von Ihrer Kultur, von Ihrer Religion, von Ihren Klassenschranken, vom Ehrgeiz und den Konflikten der vielen. Es gibt kein „Sie“, das von der Gesellschaft getrennt ist.

Die Gesellschaft versucht immer, das Denken der Jugend zu kontrollieren, zu gestalten. Sobald Sie geboren sind und beginnen, Eindrücke zu empfangen, erzählen Ihnen Vater und Mutter in einem fort, was zu tun und zu lassen ist, was Sie glauben und was Sie nicht glauben sollen; man sagt Ihnen, dass es Gott gibt oder dass es Gott nicht gibt, dass ein Staat existiert, und dass irgendein Diktator sein Prophet ist.

Von Kindheit an werden Ihnen diese Dinge eingetrichtert, was bedeutet, dass Ihr Geist – der sehr jung, leicht zu beeindrucken, wissbegierig, neugierig und entdeckungsfreudig ist – allmählich eingeschlossen, konditioniert und formiert wird, so dass Sie in das Muster einer bestimmten Gesellschaft hineinpassen und keine Revolutionäre sein werden. Da die Gewohnheit des musterhaften Denkens bereits in Ihnen etabliert wurde, werden Sie sogar mit Ihrer „Auflehnung“ innerhalb des Musters bleiben.

Es ist wie bei Gefangenen, die rebellieren, um besseres Essen und mehr Annehmlichkeiten zu bekommen – aber innerhalb des Gefängnisses. Wenn Sie Gott suchen oder die richtige Regierungsform herausfinden wollen, geschieht das immer innerhalb des Musters der Gesellschaft, die sagt: „Dies ist wahr und das ist falsch, dies ist gut und das ist schlecht, dieser ist der echte Führer und diese sind die Heiligen.“ So wird Ihre Revolte, genauso wie die so genannte von ehrgeizigen oder sehr cleveren Leuten durchgeführte Revolution, immer durch die Vergangenheit begrenzt. Das ist keine Auflehnung, das ist keine Revolution: Das ist lediglich erhöhte Aktivität, ein tapferer Kampf innerhalb der Struktur. Wirkliche Revolte, wahre Revolution ist der Ausbruch aus der Struktur und ein Forschen außerhalb derselben.

Alle Reformer – es spielt keine Rolle, wer sie sind – beschäftigen sich nur mit der Verbesserung der Bedingungen innerhalb des Gefängnisses. Sie raten Ihnen nie, sich nicht anzupassen, sie sagen nie: „Brechen Sie durch die Wände ihrer Tradition und Autoritäten, schütteln Sie die Konditionierung ab, welche den Geist festhält.“ Aber das ist wahre Bildung: nicht nur zu verlangen, Prüfungen zu bestehen, für die Sie sich vollgestopft haben mit Kenntnissen, oder etwas niederzuschreiben, das Sie auswendig gelernt haben, sondern Ihnen zu helfen, die Gefängnismauern zu erkennen, in denen Ihr Geist festgehalten wird.

Die Gesellschaft beeinflusst uns alle, ständig formt sie unser Denken, und dieser äußere Druck der Gesellschaft wird allmählich in einen inneren Druck verwandelt. Jedoch, so tief er auch eindringt, er kommt immer noch von außen, und es gibt kein Inneres, solange Sie nicht diese Konditionierung durchbrechen. Ihnen muss klar sein, was Sie denken und ob Sie als Hindu oder Muslim oder Christ denken, also in Kategorien der Religion, der Sie zufällig angehören. Ihnen muss bewusst sein, was Sie glauben und was Sie nicht glauben. All dies ist die Struktur der Gesellschaft, und solange Sie sich nicht des Musters bewusst sind und sich davon losreißen, bleiben Sie ein Gefangener, selbst wenn Sie vielleicht meinen, frei zu sein.

Aber Sie sehen, die meisten von uns beschäftigen sich mit einem Aufbegehren innerhalb des Gefängnisses; wir wollen besseres Essen, ein bisschen mehr Licht, ein größeres Fenster, damit wir ein wenig mehr vom Himmel sehen können. Wir kümmern uns darum, ob der Kastenlose den Tempel betreten darf oder nicht. Wir wollen diese spezielle Kaste beseitigen, und gleichzeitig schaffen wir eine andere Kaste, eine „bessere“ Kaste; also bleiben wir Gefangene, und im Gefängnis gibt es keine Freiheit.

Freiheit liegt außerhalb der Mauern, außerhalb der Muster der Gesellschaft; aber um von diesem Muster frei zu sein, müssen Sie seinen ganzen Inhalt verstehen, das heißt, Ihren eigenen Geist verstehen. Es ist der Geist, der die derzeitige Zivilisation geschaffen hat, diese an Vertrautes, Gewöhntes und Traditionen gebundene Kultur oder Gesellschaft – und ohne Verstehen des eigenen Geistes, nur als Kommunist, als Sozialist, als dies oder das aufzubegehren, hat sehr geringe Bedeutung. Deshalb ist es sehr wichtig, Selbsterkenntnis zu haben, sich aller eigenen Aktivitäten, Gedanken und Gefühle bewusst zu sein; erst das ist Bildung, nicht wahr? Denn wenn Sie sich Ihrer selbst ganz bewusst sind, wird Ihr Geist sehr empfindsam, sehr wach.«

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(Textauswahl & Redaktion: Andreas Wagner (Brennstoff)
aus: Jiddu Krishnamurti: Das Wesentliche ist einfach. Herder Verlag)

 

Artikelfoto: Zuberka / istock-photo

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