„Frau Gertrude“ erinnert sich – und mahnt vor Ausgrenzung

Gertrude Pressburger wurde im Jahr 1927 in Wien in eine zum Katholizismus konvertierte jüdische Familie geboren. Im Holocaust verlor sie ihre gesamte Familie. „Frau Gertrude“ wurde weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt, als sie im November 2016 in einer Videobotschaft vor Ausgrenzung und Hass warnte. Das Video wurde in den sozialen Netzwerken millionenfach angeklickt und geteilt. Am kommenden Montag erscheint im Zsolnay-Verlag nun ihre Autobiographie.

„Halt hoch den Kopf, was dir auch droht, und werde nie zum Knechte.“ Diesen Satz schrieb Gertrude Pressburgers Vater der knapp Elfjährigen im Jahr 1938 in ihr Stammbuch. Es scheint, als hätte sich die heute 90jährige diesen Spruch als ihr Lebensmotto auserkoren. Nach jahrelanger Flucht vor den Nazis wurde sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert, überlebte als einzige ihrer Familie und baute sich im Nachkriegsösterreich eine neue Existenz auf. Stets blieb es ihr unauslöschlicher Drang, gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen.

Pressburger wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihre Mutter verbrachte die Kindheit im Waisenhaus; eine Ausbildung blieb ihr verwehrt. Der Vater war das jüngste von zwölf Geschwistern und verdiente das Brot für die Familie als Tischler. Auf Drängen des Vaters konvertierte das Ehepaar Anfang der 1930er Jahre zum Katholizismus. Gertrude sowie ihre beiden jüngeren Brüder, Heinrich, genannt „Heinzi“ und Josef, der nur nach seinem Spitznamen „Lumpi“ gerufen wird, werden getauft. Doch selbst dieser Akt der Assimilation schützte die fünfköpfige Familie nicht vor Verfolgung.

Im Jahr 1937, noch vor dem „Anschluss“, entging Gertrudes Mutter nur knapp einem Anschlag: Als sie im Hof die Wäsche aufhängt, schleuderte jemand aus einem der oberen Stockwerke eine gußeiserne Pfanne nach ihr. Die Familie beschloss, umzuziehen und sich in eine kleine Gemeindebauwohnung bei der Wiener Reichsbrücke einzumieten. Wie so viele andere konnten auch Gertrudes Eltern nicht glauben, das sich die politischen Verhältnisse bald auf so brutale Weise zuspitzen würden.

Gestapo-Haft und Flucht nach Jugoslawien

Gertrude Pressburger kann sich noch an die Kolonnen an Militärautos erinnern, die beim Einmarsch der deutschen Truppen Anfang März 1938 die Reichsbrücke überqueren. Im Zimmer der Pressburgers ist es stockdunkel und stickig: Da ihnen als Juden untersagt wird, ihre Wohnung zu beflaggen, hat man aus dem oberen Stockwerk von außen eine riesige Hakenkreuzfahne über das Fenster gespannt. Auf diese scheinbar bedeutungslose Demütigung folgen weitere: Gertrude und ihr Bruder dürfen die Schule nicht mehr besuchen, der Vater verliert seine Arbeitsstelle.

Wenig später erfolgt der erste brutale Angriff der Nazi-Schergen: Gestapo-Männer stürmen die Wohnung und nehmen Gertrudes Vater „wegen Betätigung im Untergrund als Kommunist“ gefangen. Der Vorwurf ist unhaltbar, hat er sich doch niemals politisch betätigt. Der Schock des Überfalls ist für die Kinder so schlimm, dass der vierjährige „Lumpi“ zu stottern beginnt; der achtjährige Heinzi bekommt graue Haare. Flucht ist nicht selbstverständlich – nur die Reichen, die sich Urlaube leisten können, haben damals einen Pass. Kolonnen von Menschen stehen vor den Botschaften jener Länder, die bereit sind, Juden als Flüchtlinge aufzunehmen.

Bevor die komplizierten Behördengänge Erfolg zeigen, wird der Vater in die Gestapo-Zentrale am Morzinplatz vorgeladen und schwer gefoltert. Über seine Entlassung erinnert sich Gertrude Pressburger: „Erst 34 Jahre alt ist mein Vater 1938, doch er sieht aus wie ein alter Mann.“ Nur durch einen glücklichen Zufall gelingt es der Familie im September 1938, ein Visum für Jugoslawien zu ergattern. Die Pressburgers erreichen Zagreb. Doch schon bald wird die Lage auch dort unsicher – die Aufenthaltspapiere werden nicht verlängert.

Kein sicheres Asyl

In Zagreb dürfen Flüchtlingskinder die Schulen nicht besuchen, legale Arbeit ist ausgeschlossen. In Caprino, einer kleinen Stadt beim Gardasee, wird die Familie „frei interniert“ und dürfen den Ort nicht verlassen. In Ventimiglia, das nur zehn Kilometer von der französischen Grenze entfernt liegt, versucht die Familie illegal nach Frankreich überzusetzen. Heute sind es eritreische oder sudanesische Flüchtlinge, die unter gefährlichen Bedingungen von Ventimiglia nach Frankreich gelangen wollen.

Die Familie Pressburger plant, sich von örtliche Fischer, die Fluchthilfe leisten, versteckt unter einer Plane auf die andere Seite der Grenze bringen zu lassen. In der Nacht vor der geplanten Flucht fängt ein Kind während einer Überfahrt zu weinen an – von da an sind die Fluchthilfeaktionen unmöglich. Nachdem es im faschistischen Italien zu gefährlich wird, flieht die Familie zurück nach Jugoslawien. Doch dort werden die Pressburgers festgenommen – es droht die Abschiebung nach Hitlerdeutschland. Gertrude erinnert sich, dass der Bischof von Ljubljana in dieser extrem gefährlichen Situation die Freilassung erwirkt und die Abschiebung verhindert.

Als Mitte April 1941 die jugoslawische Armee vor den Deutschen kapituliert, muss die Familie ein weiteres Mal flüchten – diesmal ist ein Bauer aus der Gegend Fluchthelfer und bringt die Pressburgers versteckt auf einem Heuwagen von der deutschen in die italienische Zone. Doch die Rettung ist nicht von Dauer: Als auch Italien von Hitler okkupiert wird, gibt es kein Entrinnen mehr: Im März 1944 wird die Familie nach Auschwitz deportiert. Noch vor dem Lager wird Gertrude von ihren Eltern, sowie von Lumpi und Heinzi getrennt.

Auschwitz und die Pflicht, nicht zu vergessen

Dort geschieht das Unsagbare. Mutter und Brüder werden nach der Ankunft ermordet, der Vater stirbt auf einem späteren Transport in ein anderes Lager. Frau Pressburger sagt, dass sie die Zeit in Auschwitz nur überlebt habe, weil sie sich in ihrer Brust einen Panzer aus Stahl gebaut habe, einen, der ihr als Schutzmauer diente. Nach der Befreiung gelangt Gertrude Pressburger über Dänemark nach Schweden. Zu diesem Zeitpunkt wiegt sie 34 Kilogramm. Auf Initiative des schwedischen Königs werden ehemalige KZ-Häftlinge dort versorgt.

Nach ihrer Gesundung lernt Gertrude Pressburger in Stockholm an ihrem 18. Geburtstag Bruno Kreisky kennen, der zu dieser Zeit Vorsitzender der „Österreichischen Vereinigung in Schweden“ ist. Die Rückkehr nach Wien fällt Gertrude Pressburger nicht leicht. Zu tief sitzen die Traumata von Ausgrenzung und Verfolgung. Nur ein einziges Mal, so Gertrude Pressbaumer, sei sie nach dem Krieg durch die Belghofergasse in Wien Meidling gefahren – dem Ort, an dem sie mit ihrer Familie bis zu ihrem zehnten Lebensjahr lebte. „Ausgestiegen bin ich nicht. Ich will nicht, dass Erinnerungen aufkommen.“

Marlene Groihofer, die Gertrude Pressburger vor wenigen Jahren über ihr privates Umfeld kennengelernt hat, hat die langen Interviews für das Buch auf einfühlsame Weise verschriftlicht.

Eine äußerst wertvolle Arbeit – denn nach dem Erfolg des Videoappells gab es auch Anfeindungen und Zweifel an der Authentizität der Erzählung. Als das Video einen Werbepreis erhielt, hieß es, man habe „Frau Gertrude“ lediglich einen Text vorgelegt, den sie aufgesagt hätte. Marlene Groihofer widerspricht vehement. Alles, was Gertrude Pressbaumer in dem Video sagt, sei authentisch, sie ließe sich von niemandem etwas vorschreiben.

Am meisten störe sie, so Pressburger in ihrem damaligen Appell, wenn politische Parteien erneut „nicht das Anständige, sondern das Niedrigste aus den Leuten herausholen“ würden. Heinz-Christian Straches Sager, dass „mittelfristig ein Bürgerkrieg nicht unwahrscheinlich“ sei, war der Auslöser für ihre Videobotschaft. Mit dem nun vorliegenden Buch hat Gertrude Pressburger ihrer Familie ein Andenken gesetzt – zugleich ermahnt sie die Politik zur Einhaltung der menschenrechtlichen Mindeststandards, die für ein friedliches Zusammenleben unabdingbar sind.

Videoappell von Gertrude Pressburger:

Weiterführendes zum Thema

Meistgelesene Artikel
InterviewLisa Bolyos, Alexander Behr

»Die Kleinen werden von der FMA sekkiert«

15 Minuten

InterviewManuel Gruber

»Unser Ziel ist es, Macht zu entflechten!«

10 Minuten

EditorialHeini Staudinger

Ausgabe 52

2 Minuten

Short CutsJiddu Krishnamurti

Die Schlange im Zimmer

2 Minuten

EssaiUrsula Baatz

Kriterien für die Wachsamkeit

3 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen