Edouard Louis: ‚Wer hat meinen Vater umgebracht‘. Eine literarische Rückbesinnung auf den „kleinen Mann“

Artikel-Bild: Ausschnitt des Buchcovers E. Louis: „Wer hat meinen Vater umgebracht“
(© S. Fischer Verlag)

Edouard Louis: ‚Wer hat meinen Vater umgebracht‘

Eine literarische Rückbesinnung auf
den „kleinen Mann“ als Opfer der Gesellschaft

Edouard Louis wurde für sein neuestes Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“ von der großen Presse in Deutschland und Österreich sehr gelobt. Der französische Jungschriftsteller (1992 geboren) sei „ein unerhört kluger Autor, der weit über individuelle Empfindlichkeit ins Gesellschaftliche hinausdenkt“, schrieb z.B.  Stefan Hochgesand von der Berliner taz. Die Erzählung, nur 77 Seiten lang, ist vor kurzem im Verlag S. Fischer auf Deutsch erschienen; nach der Erstauflage 2018 in Paris.

Der „kleine Mann“ als ein gesellschaftliches „Nichts“

Louis erzählt in seinem neuen Buch mit tiefem Mitgefühl von seinem Vater, in dessen Haus er in einem kleinen Städtchen im Norden Frankreichs aufgewachsen ist. Er bringt dessen Leben schmerzlich auf den Punkt: Als einfacher Arbeiter galt sein Vater der Gesellschaft und der Politik stets nur als ein „Nichts“. Die Politik hat für ihn als „kleinen Mann“ niemals mehr als ein kaltes, beengtes, entleertes, entwürdigtes Leben vorgesehen, ja, seinen seelischen und körperlichen Ruin, seine Zerstörung als Mensch.

»Begreift man Politik als die Regierung von Lebewesen über andere Lebewesen, und gehören die Individuen jeweils Gemeinschaften an, denen sie zugewiesen wurden, dann besteht Politik in der Abgrenzung jener Bevölkerungsteile, die ein komfortables, geschütztes, begünstigtes Leben genießen, von solchen, die Tod, Verfolgung, Mord ausgesetzt sind.«
(aus: „Wer hat meinen Vater umgebracht“)

Der verhinderte Mensch – „ein Dasein gegen eigenen Willen“

Louis beschreibt skizzenhaft kurz und sehr pointiert. Selbst in seiner Erinnerung, der Erinnerung des Sohnes, bleibt vom Vater nicht viel zu sagen, so kärglich war ihre Nähe, so karg ihre gemeinsam erlebte Welt. Und so bedrückend schamhaft lastete es auf dem Vater, nur ein „einfacher Arbeiter“ zu sein.

Glücklich war sein Vater wohl gewesen, doch einmal nur, ein einziges Mal, auf kurzer Jugendreise, Freiheit in vollen Zügen, bevor ihn Arbeitswelt und Familienleben in grauer, erstickender Monotonie (aufgrund größter finanzieller und materieller Beengheit) für immer verschlangen. Nur noch daran, an diesem kurzen Glück seiner Jugendfreiheit, vermochte er sich jahrelang noch zu erfreuen.

Louis führt seine Erzählung wie ein Zwiegespräch, in dem er seinen Vater mit „du“ anspricht. Dessen Leben war nur ein Leben des Verzichts. Von seiner Herkunft, seiner geringen Schulbildung, seinem Beruf und seinen beruflich bedingten Lebensverhältnissen wie automatisch erzwungen. Von gleichgültiger Politik und Gesellschaft  in Wahrheit gewollt und herbeigeführt. Ein Leben als kompletter Verzicht auf sich selbst. Das Ich nur als das, was alles nicht möglich war.

»Wenn ich heute darüber nachdenke, so finde ich, dein Dasein war gegen deinen Willen – und eben gegen dich – ein Dasein ex negativo. Du hattest kein Geld, du hast keine Ausbildung machen können, keine Reisen unternehmen, keine Träume verwirklichen können. Dein Leben beweist, dass wir nicht sind, was wir tun, sondern im Gegenteil sind, was wir nicht getan haben, weil die Welt oder die Gesellschaft uns daran gehindert hat.«
(aus: „Wer hat meinen Vater umgebracht“)

Ausgepresst für die Oberschichten als Billigstlöhner

Louis‘ treffende literarische politische Sozialkritik macht deutlich: Durch Geburt und familiäre Prägung blieb der Vater als ungelernter Arbeiter in einer sozialen Schicht gefangen, für die die Politik längst überhaupt kein Interesse mehr hat. Außer dem einen, dass diese Menschen als Billigstlöhner für das Wohlergehen der Oberschichten ausgepresst werden – für die sog. „Profite“ der Wirtschaft und fürs Steuernsparen bei Reichen und Großkonzernen.

Zum Schluss hin wird das Buch von Edouard Louis auch ganz konkret: Nachdem sein Vater, der seiner Familie als Hilfsarbeiter finanziell kaum „etwas bieten“ konnte, einen Arbeitsunfall erleidet und arbeitsunfähig wird, – wird er von der sozialen Sparpolitik der französischen Regierungen noch weiter „in den Dreck“, ins Elend hinabgedrückt.

Die Gesundheit des Vaters, der Körper seines Vaters, wird durch die staatlichen Sparmaßnahmen nun komplett ruiniert: keine lindernden Medikamente mehr, da die Sozialzuschüsse gestrichen werden (Regierung J. Chirac – 2006); Arbeitszwang (als Straßenkehrer) trotz Arbeitsunfähigkeit, da die Mindesthilfe reformiert wird (Regierung N. Sarkozy – 2009); die Zahl gesetzlich zulässiger beruflicher Überstunden wird erhöht (Regierung F. Hollande – 2016); die Wohnbeihilfe wird gekürzt (Regierung E. Macron – 2017).

Der Vater wird in der Folge noch kränker, verliert immer mehr die Kontrolle über seinen kranken Körper, zerstört von der Politik und der von ihr organisierten Arbeitswelt; zerstört von einer Politik, die sozial Schwache als „Faulenzer“ verleumdet (auch seitens E. Macron), um sie staatlicher Hilfe zu berauben.

Später erzählte mir die Frau, mit der du jetzt lebst, dass du fast gar nicht mehr gehen kannst. Und auch, dass du nachts ein Gerät benötigst, um Luft zu bekommen, ohne das dein Herz stehenbleibt. Du erklärtest, du littest unter einer schweren Form von Diabetes. Du kannst dich nicht mehr hinters Steuer setzen, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen, darfst keinen Alkohol mehr trinken, kannst dich nicht mehr allein duschen. Du bist gerade mal über fünfzig. Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.
(aus: „Wer hat meinen Vater umgebracht“)

„Literatur muss kämpfen“

Edouard Louis‘ Erzählung „Wer hat meinen Vater umgebracht“ ist leicht zu lesen; und sprachlich sehr gekonnt. Sie ist als Buch-Lektüre unbedingt zu empfehlen, denn sie dringt ungewöhnlich tief in die Fragen von menschlicher Not, den wirklichen sozialen Lebensverhältnissen der unteren Einkommensschichten und sozialer Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft ein. Auch Heini sieht es so.

Voller Gefühl, Erlebnissen, genauer sozialer Wahrnehmung, menschlichem und sozialem Mitgefühl wird Louis‘ junge Literatur von vielen als – im besten Sinne – junge, wilde und dennoch „intellektuelle“ Literatur gesehen. „Literatur muss kämpfen, für alle jene, die selbst nicht kämpfen können“, lautet Louis‘ Credo. Er will die „konfrontative Literatur“.

Edouard Louis, noch keine 27 Jahre alt, studierte Soziologie bei Didier Eribon in Frankreich und schrieb zum Studienabschluss über den Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002), dessen großes Werk noch die sozialökonomische Analyse kannte – als Fundament der Erkenntnis sozialer Herrschaft. Wer Eribon und Bourdieu kennt, sieht, dass in Louis‘ Literatur ältere Theorien sozialer Analyse wieder wirksam und fruchtbar werden.

Nur dass seine Vater-Bilder manchmal wie Zerrbilder erscheinen, die vielleicht seine Mutter ihm unreflektiert und unbewusst vermittelte, stört den Eindruck seiner neuen Erzählung. Und dass er – dem heutigen Zeitgeist (von monopolartigem Gender- und Diversity-Denken) noch nicht entronnen – die Homophobie als Motiv seines Vaters manchmal unverhältnismäßig übertreibt.

Groß aber ist, dass er darin letztlich wieder zu seinem Vater findet; zum „kleinen Mann“, diesem „Niemand“ der sozialen Welt. Denn ohne unser Verständnis und ohne unsere Sorge auch für ihn, den „kleinen Mann“, wird dieser sich weiter den rechtspopulistischen „Seelenverkäufern“ der Politik zuwenden – in seiner Ohnmacht, Enttäuschung, Unkenntnis und Wut.

Auch Edouard Louis sieht es wohl ganz genau so. Denn er hat öffentlich über seinen Vater geschrieben, als dieser den „Front National“ wählte; und er hat positiv zur Unterstützung der Proteste der französischen „Gelbwesten“ aufgerufen.

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Artikel-Bild: Ausschnitt des Buchcovers E. Louis: „Wer hat meinen Vater umgebracht“
(© S. Fischer Verlag) – vollständiger Buchcover siehe unten

 

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