Ausgabe 44

Ich habe 50 Mal das Buch mit der Enzyklika von Papst Franziskus »Laudato si« gekauft. 49 mal habe ich es in der Hoffnung verschenkt, Bündnispartner für diesen Weg der Verbundenheit zu finden.

In dieser Enzyklika sagt Franziskus, dass die globalen öko- logischen Probleme und die globalen sozialen Probleme bloß zwei Seiten derselben Medaille seien, nämlich: einer- seits glaube der Mensch, er könne Herrscher sein über die Natur und andrerseits glaube er, er habe das Recht, Herrscher zu sein über andere, schwächere Menschen.

Ich finde diese Beschreibung sehr treffend, gibt sie doch einen Hinweis auf unsere fehlende (oder zumindest beschädigte) Verbundenheit zur Natur und zu den Armen. Die eine Seite der Medaille ist ganz einfach: wenn wir ein Stück Natur besonders gern haben (ich glaube, jede/r kennt so ein Plätzchen), dann tut es uns weh, wenn es zerstört wird. In dieser Verbundenheit sind wir sofort bereit, »dafür« zu kämpfen.

Nun zur anderen Seite der Medaille. Fatimas Mann ist im Krieg umgekommen. Ihr Leben mit ihren zwei Kindern ist zwischen den Fronten rivalisierender Kriegsbanden immer unerträglicher und gefährlicher geworden. Irgendwie gelingt ihr die Flucht. Ihr letztes Geld gibt sie einem Schlepper, der sie mit einem desolaten Boot übers Mittelmeer bringt. Schwimmend, die beiden Kinder hängen an ihr, erreicht sie den rettenden Steg an der Südküste Europas. Diese Geschichte erzählt der Bürgermeister einer Mittelmeerhafenstadt und er fragt: »Würden Sie es schaffen, diese Frau mit ihren Kindern ins Meer zurückzustoßen?« Nein. Natürlich nicht. Nicht einmal die Ängstlichen, die sich vor den großen Flüchtlingsströmen fürchten, würden es schaffen. Warum nicht? Weil allein durch den Anblick dieser Mutter eine Verbundenheit entsteht, die alles wendet. Nicht einmal die Radikalsten würden es schaffen, sie ins Meer zurückstoßen, auch wenn sie täglich mit den Ängsten agitieren, die die Ängstlichen noch ängstlicher machen.

Der Weg der Verbundenheit weist in eine andere Richtung. Nicht die Angst sei unser Handlungsmotiv, sondern das Wissen, dass wir nur eine Erde haben und dass wir mit Kooperation statt mit einem alles vernichtenden Wettbewerb ( Handwerk und Kleingewerbe ist entweder schon kaputt oder ist in Gefahr) unser Geschick in den eigenen Händen halten.

Ich habe das feste Vertrauen, dass in jedem von uns, in dir, in mir, das Talent für diese Verbundenheit wohnt. Vielleicht ist es verschüttet. Vielleicht schlummert es. Aber es ist immer da. Ganz sicher.

Das meint im Ernst,

dein/euer Heini Staudinger

Artikel dieser Ausgabe
EditorialHeini Staudinger

Ausgabe 44

2 Minuten

EssaiThich Nhat Hanh

Interbeing

2 Minuten

EssaiUrsula Baatz

Vertrauen

3 Minuten

BuchauszugReimer Gronemeyer

Urvertrauen

4 Minuten

InterviewHartmut Rosa und Wolfgang Endres

Vertrauen schafft Resonanzen

4 Minuten

EmpfehlungHeini Staudinger

Eine Kraft der Hoffnung

3 Minuten

EssaiMichel Reimon

Vertrauenskrise

3 Minuten

EssaiHuhki Henri Quelcun

Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

6 Minuten

ReportageHeini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika

3 Minuten

EmpfehlungSylvia Kislinger

Adjus.table – auf der Höhe der Zeit

2 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen