Die Freiheitsangst und ihre Folgen. Lebenslust – Lebensneid | Zu Wilhelm Reich und Jean-Paul Sartre

Bild oben: Mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle verfilmte Regisseur Antonin Svoboda
mit „Der Fall Wilhelm Reich“ die letzten Lebensjahre Wilhelms Reichs in den USA.
(Agenturfoto: @ Andreas Lepsi / picturedesk.com)

Die Freiheitsangst und ihre Folgen
Lebenslust – Lebensneid

von Huhki Quelcun

[Vollversion des Artikels, der im Brennstoff Nr. 56 in gekürzter Fassung abgedruckt wurde]

„Es gibt nichts außer diesem: das Leben gut und glücklich zu leben! Folge deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt. Verhärte nicht, auch wenn dich mal das Leben quält.“ (Wilhelm Reich)

„Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht!“ verdichtet Schiller seine Freiheitssehnsucht in „Worte des Glaubens“.  Doch den Menschen tatsächlich Freiheit zu ermöglichen, ist gefährlich. Lebensgefährlich. Viele hassen die direkte Liebe zum Leben, weil sie im Lebensneid gefangen sind.

 

Die Inquisition der Gepanzerten

Mai 1933 Berlin: Tausende Studenten, begleitet von ihren Professoren, SS- und SA-Verbänden sowie berittener Polizei geleiten LKWs mit einer Ladung von zehntausenden Büchern vom Hegel(!)- zum Opernplatz. Dort wird das Schrifttum,  unter bombastischen Reden, rituell verbrannt. Da es in Strömen regnet, muß die Feuerwehr immer wieder kräftig mit Benzin nachhelfen. (Wen erinnert das nicht an Ray Bradburys „Fahrenheit 451“; verfilmt von Truffaut mit Oscar Werner in der Hauptrolle?) Unter den Autoren, deren Werke den Flammen übergeben werden: Wilhelm Reich, der einzige „gemeingefährliche“ Psychoanalytiker Nazideutschlands, welcher offiziell ausgebürgert wurde. Sämtliche Bücher und Aufsätze Reichs bleiben bis Kriegsende auf der Schwarzen Liste.

Juni 1956 Rangeley (Maine/USA): Ein machtvolles Aufgebot von Beamten der Food&Drug-Administration (FDA), FBI-Beamten sowie örtlicher Polizei stürmt ein ländliches Anwesen, in dessen Zentrum sich ein als „gemeingefährliches“ geltendes Forschungsinstitut befindet. Sämtliche Bücher und Schriften des Leiters, eines immigrierten österreichischen Forschers namens Wilhelm Reich werden mithilfe erfahrener Firemen (sic!) zu einem Scheiterhaufen geschlichtet und verbrannt. Bis März 1960 werden von den amerikanischen Bundesbehörden zig Tonnen weiterer Werke Reichs aufgespürt. Noch als die „Sexuelle Revolution“ ausgerufen wird, ist in den USA jeglicher Besitz von Werken Reichs ein Vergehen, das verfolgt und bestraft wurde…

Und vom Beginn seines Wirkens an, 1920 in Wien, wird Reich öffentlich geschmäht. In Österreich, Deutschland, Dänemark, Norwegen, den USA … von Linken und Rechten, Nazis und Kommunisten, Religiösen und Atheisten, Psychoanalytikern und orthodoxen Psychiatern, ja von seinem ehemaligen Mentor Freud selbst …

“Sittenverderber der deutschen Jugend“ (Völkischer Beobachter); „Er macht aus unseren Jugendbewegungen Vögelorganisationen“ (KPD); „Gefährlich für unsere revolutionäre Arbeit“ (Dänische KP); „Der Verrückte“ / “Ein Quacksalber“ / “Ein eigeschleuster Psychoanalytiker vom jüdischen Geist durchtränkt“ / “Herrscht an der Universität“ / “Wird von dekadenten Intellektuellen gepriesen“ (Norwegische Zeitungen); „The man who boxed sex“ (US-Presse); „Befreien sie mich von Reich“ (Sigmund Freud 1933 zum neuen Nazi-Führer der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft“); „Und der Fall Wilhelm Reich zeigt, wie unzuverlässig hohles öffentliches Ansehen sein kann, soll es die Last öffentlichen  Schutzes tragen“ (Die Journalistin Mildred Edie Brady in ihrem Artikel „The strange case of Wilhelm Reich“ 1947 in New Republic abgedruckt – es war dieser „Essai“, welcher Reichs Reputation in den USA untergrub und letztendlich zum Verbot seiner Schriften und dem Tod ihres Autors im Gefängnis führte);  „Der brilliante Egomane trampelte über alles hinweg „ und wurde „immer wirrer und manischer“ (die ZEIT 2013). Wer sich die Mühe macht, Reichs Schriften zu studieren und die Beschreibungen seiner Person durch unvoreingenommene Zeitzeug/inn/en kennt, weiß, dass all diese Beschuldigungen sowie hunderte weitere konstruiert sind. Doch warum?

Der bis heute Verleumdete kennt den Grund: Es liegt an seiner doppelten Offenheit; der rückhaltlosen Öffnung für alles Lebensbejahende, Lustvolle, Spontane – und die rücksichtslose Offenherzigkeit, wenn es um die Parteinahme für das Leben geht! Denn Reich betont von Anfang an, dass nicht nur „Neurotiker“, vielmehr ein Großteil der scheinbar „normalen“ Menschenwesen in einem Charakterpanzer stecken, ein Zustand, der ihnen nur halb bewusst ist …

Der angeblich „wahnsinnige Wissenschaftler, bei dem wirklich ein paar Schrauben locker saßen“ (die WELT vor geraumer Zeit), löste diese Panzerung gegen das strömende Erlebnis der eigenen Lebendigkeit massenhaft auf. Denn er zog die Massen an. Zeitzeug/inn/en berichten, dass er der beste freie Redner war, dem sie je begegneten. Und während Freud und seine Gefolgschaft bevorzugt begüterte Bürger oft jahrelang erfolglos auf der Couch „analysierten“, verhalf Reich in seinem Ambulatorium Menschen aus der Arbeiterklasse oft in kurzer Zeit zu einem Sprung in die psychosomatische Gesundheit. Er lebte Freiheit, predigte Freiheit und stellte Freiheit her. Dies brachte ihm jubelnde Zustimmung ein, wo immer er wirkte – aber auch das, was er selbst als Freiheitsangst bezeichnete, die oft in mörderischen Hass umschlägt.

 

Freiheit als Lebensform

Ich will hier nicht die Denkwege Jean-Paul Sartres aufrollen, sein gewichtiges (1 kg!) philosophisches Monument „L’être et le néant“, die unzähligen Theaterstücke, Romane, Drehbücher, Aufrufe. Sie haben alle einen gemeinsamen Nenner, durch den die ewigen Spießer von links&rechts, die ewig Gestrigen und ewig Morgigen, welche keine Präsenz ertragen, das Leben kürzen möchten: die unverbrüchliche Freiheit, immer gegenwärtig, für viele stets bedrohlich. Auch Sartre wird verfolgt, weil er die Freiheit nicht nur leidenschaftlich liebt, vielmehr Millionen Menschenwesen ihren Geschmack zu kosten gibt, wie Reich. Sartre ist ein freigiebiger und freigebender Charakter, als Philosoph wie als Mensch. Sein Motto: „Glück macht nicht das, was du willst, sondern will das, was du tust.“

Und er strotzt – im autodidaktischen Studium, in der Kriegsgefangenschaft; ja selbst als er im Alter das Augenlicht verliert – wie seine Gefährtin Simone de Beauvoir vor „ungeheurer Vitalität und überschäumender Lebenslust“ (NZZ). Sartre hat vieles vorausgesehen und schon als Kind phantasiert: „Ich werde im Alter so blind sein, wie Beethoven taub.“ Das trifft schließlich ein. Und trotzdem schreibt er, sichtlos, sein letztes Werk in der inneren Dunkelheit, aber heiter und optimistisch, wie Beethoven, praktisch gehörlos, Schillers Ode an die Freude zum Angelpunkt der „Neunten“ macht.

Der „Existentialismus“ ist mitnichten die „Weltabschauung“ derer, die schwarz umhüllt in düsteren Kellern murmeln und der Weltverneinung frönen. Sie saßen bunt – was Anschauung, Kleidung, Herkunft, Sprachstil umfasst – auf den Straßen der Pariser Cafés und predigten ein unbedingtes JA zum Leben! Sartre bringt – sogar wenn es um „ernste“ philosophische Probleme geht – die Massen seiner Zuhörer liebend gern zum Lachen. „Es sollte eine Reportage werden“, schrieb der SPIEGEL 1960 über die Kuba-Reise von Jean-Paul&Simone 1960. „Nun, es ist keine geworden. Eher das Reisetagebuch eines glücklichen Philosophen.“ Glücklich sein, heißt glücklich machen. Aber auch sich für alle Unglücklichen bis zur Erschöpfung engagieren.

‚Poulou‘ trat Heideggers ‚Sein-zum-Tode‘ so löwenhaft entgegen wie sonst nur Wilhelm Reich Freuds „Todestrieb“! Er bietet allen behördlichen Anordnungen heiter die Stirn, beugt sich nicht einmal symbolisch, bis de Gaulle, seine Gefängnisstrafe wegen Wiedersetzlichkeit mit den Worten aufhebt: „Einen Voltaire verhaftet man nicht!“ Noch kurz vor seinem Weggang bekennt er: „Ein Alter fühlt sich nie als Alter!“ Und knapp vor seinem Tod erwacht der scheinbar Demente und tatsächlich Blinde zu einer unfassbaren und tatkräftigen Vitalität. Zusammen mit Benny Lévy verfasst er „L’éspoir maintenant“ (sinngemäß übersetzt: „Jetzt aber Hoffnung!“), eine erhellendes und reflektiertes Bekenntnis zu den Fundamenten  des Judentums.

Und was haben Sartre & de Beauvoir mit ihrem Ja zum guten und glücklichen Leben provoziert? Die „emotionelle Pest“. Wieder nur ein paar „Stimmen“. Der Chef des renommierten Le Figaro, Pierre Brisson: „Es ist höchste Zeit, Sartre zu exorzieren, mit Schwefel einzureiben und vor Notre-Dame anzuzünden, die mitleidigste Art, seine Seele zu retten“; Raymond Las Vergnard, Uni-Rektor von Paris: „Sartres Philosophie ist eine Kloake, die man nur auf Stelzen durchqueren kann“; Emile Henriot: „Seine Leserschaft ist eine von Trieben gesteuerte Schafherde, ein Gefolge von naiven jungen Leuten und impotenter Alter, die gemeinsam an ihm schnüffeln, wenn er ein Bein hebt“; Louis Althusser: „Ich sehe keine andere Möglichkeit, als diesem Scharlatan die Peitsche ins Gesicht zu knallen, um ihn zum Schweigen zu bringen“; Malaparte: „Der Geruch schmutziger Hintern und ungewaschener Genitalien – diese Anhänger Jean-Paul Sartres war eine Schafherde  (sic!) . Und der Geruch, den diese wilden ‚Neger‘ verströmten: den von Sex und Haaren, die von Sperma verklebt waren.“ Viele Gäste verließen ein Restaurant, wenn – wie ihn „Qualitätszeitschriften“ apostrophierten – „das Krebsgeschwür der Nation“, „der mit einem Stift bewaffnete Schakal“, „die Giftkröte“, „die Hyäne an der Schreibmaschine“ nur eintrat.

Dreimal wurden auf Sartre Sprengstoffanschläge verübt. Viele seiner Stücke erhielten – nach dem Weltkrieg – in etlichen europäischen Ländern Aufführungsverbot. (Etwa Hinter Geschlossenen Türen – heute weltweit ein Standard-Bühnenwerk – in England.) Es bleibt die Frage: Warum ernteten Reich und Sartre, die die Botschaft von Authentizität, Aufrichtigkeit und Lebensfreude säten, so enormen Hass?

 

Freiheit ist „gefährlich“

Wilhelm Reich „wurde von Vertretern sämtlicher parteipolitischer Richtungen angefeindet“, wie er selbst in einem autobiographischen Rückblick schreibt. „Meine Publikationen wurden von den Kommunisten ebenso verboten wie von den Faschisten, von polizeilichen Instanzen ebenso angeklagt wie von Sozialisten und Bürgerlich-Liberalen. Sie fanden dagegen Anerkennung in allen Schichten und Kreisen der Bevölkerung.“

Welch Parallele zu Sartre, dessen Biograph Bernard-Henri Lévy zusammenfasst: „Man attackierte ihn im Namen Gottes und der Wissenschaft, der Moral und des Anstands, der Jugend, des Alters, der Rechten, der Linken, der extremen Rechten, der extremen Linken, des verspotteten Konformismus, des Kommunismus und des Antikommunismus, der nationalen Ehre und der mit Füßen getreten Nationalfahne, der notwendigen Überschreitung, des Widerstandes, der Kollaboration.“

Woher die Ablehnung beider Vordenker, welche trotz lebenslanger Verfolgung die Vortragssäle aufgrund ihrer glänzenden und belebenden Rednergabe weltweit massenhaft füllten und ihre Zuhörer spontan begeisterten? Es war der gemeinsame Nenner, die Bejahung von Leben, Freude und Freiheit. Reich sah die übliche „Politik“ immer mehr als krankhafte Äußerung der emotional Verunglückten an, die zwischen Freiheitsangst und Freiheitssehnsucht zerrissen wurden – und werden. Sein erklärtes Ziel: Den Massen die Freiheitsfähigkeit zurückzuerobern.

Genau das war auch das Ziel Jean-Paul Sartres, welcher dafür die „existentielle Psychoanalyse“ begründete. Er scheiterte ebenso an der allgemeinen Freiheitsangst. Die Wählerschaften der „Demokratien“ bevorzugen noch immer „starke Männer“, welche die Wirtschaftsbedingungen verschlechtern, das Gesundheitswesen untergraben, Religionen und Ethnien gegeneinander ausspielen, wenn sie nur eines eintauschen können: echte Freiheit gegen falsche Sicherheit.

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Artikelbild: Agenturfoto: @ Andreas Lepsi / picturedesk.com

 

 

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