Die Fabel vom Affenmeister

Im Feudalstaat Chu überlebte ein alter Mann, indem er Affen hielt, die für ihn sorgten. Die Men­schen in Chu nannten ihn »ju gong«, den Affen­meister. Jeden Morgen versammelte der alte Mann die Affen im Hof seines Hauses und befahl dem ältesten von ihnen, die anderen in die Berge zu führen, wo sie von Sträu­chern und Bäumen Früchte sammeln sollten. Die Regel lautete, dass jeder Affe ein Zehntel des von ihm Gesammelten an den alten Mann abzugeben hatte. Wer das nicht tat, wurde brutal ge- schlagen. Alle Affen litten bitterlich, wagten es jedoch nicht, sich zu beklagen.

Eines Tages fragte ein kleiner Affe die anderen: »Hat der alte Mann all die Sträucher und Bäume gepflanzt?« Die anderen antworteten: »Nein, sie sind ganz natürlich gewachsen.«

Der kleine Affe fragte weiter: »Kön­nen wir die Früchte nicht ohne Erlaubnis des alten Mannes nehmen?« Die anderen erwiderten: »Ja, das können wir alle machen.« Der kleine Affe fuhr fort: »Warum sollten wir dann von dem alten Mann ab­hängig sein; warum müssen wir ihm alle dienen?«

Noch bevor der kleine Affe seine Ausführungen beenden konnte, ging allen Affen plötzlich ein Licht auf und sie erwachten.

Noch in der gleichen Nacht warteten die Affen, bis der alte Mann eingeschlafen war, und rissen dann die Um­zäunungen des Geheges nieder, in dem sie eingesperrt waren, und zerstörten das Gehege vollständig. Sie nahmen zudem die Früchte, die der alte Mann gelagert hatte, mit sich in die Wälder und kehrten nie mehr zurück. Der alte Mann starb schließlich an Hunger.

Yu-li-zi sagt: »Manche Menschen auf dieser Welt re­gie­ren ihr Volk durch Hinterlist und nicht durch rechtschaffene Prinzipien. Sind sie nicht genauso wie der Affenmeister? Sie sind sich ihrer Wirrköpfigkeit nicht bewusst. Sobald ihrem Volk ein Licht aufgeht, funktionieren ihre Hinter­lis­ten nicht mehr.«

 

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Ausgabe 51

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