Die „Biokalypse“ droht! | Interview mit Michael Schrödl zu Artensterben und Klimawandel

Die „Biokalypse“ droht!
Interview mit Michael Schrödl
zu Artensterben und Klimawandel

In seinem Buch „Die Natur stirbt“ prognostiziert der Münchner Zoologe Michael Schrödl den Kollaps der globalen Biosphäre noch vor dem Jahr 2050 – aufgrund des dramatischen Artensterbens in Wechselwirkung mit dem Klimawandel.
Damit würde auch die Menschheit in den Untergang gerissen.
Die Hauptursache für das dramatische Artensterben sieht Schrödl in der industriellen Landwirtschaft, wie wir in unserer [–>] Buchbesprechung auf Brennstoff darlegten.

 

Brennstoff:  Herr Schrödl, Sie sind Zoologe an der Universität München. Sie sagen, das Artensterben schreitet so dramatisch voran, dass das globale Ökosystem schon bald zusammenbrechen wird …

Michael Schrödl:  Was ich auf meinen Reisen und bei meinen Forschungen sehe, macht mich wütend und traurig: Vor der Haustür und global vergiften und vernichten wir moderne Menschen gerade so ziemlich alles, was lebt. Wir zerstören gerade die Natur, das vielfältige Leben auf der Erde, und damit unsere eigene Lebensgrundlage.

Zigtausende von WissenschaftlerInnen aus so gut wie allen Ländern und Fachdisziplinen warnen, pochen auf schnelles Umdenken und präsentieren konkrete Lösungswege – doch nichts passiert. Problembewusstsein und Gegenmaßnahmen reichen bisher hinten und vorne nicht.

 

Brennstoff: Sie prognostizieren die „Biokalypse“, das Ende der Natur und der menschlichen Zivilisation bis spätestens 2050 …

Michael Schrödl:  Es ist höchste Zeit für Klartext! Wir steuern auf biologische Kipp-Punkte zu, in denen riesige Ökosysteme versagen, die uns alle mit Luft, Wasser und Nahrung versorgen. Der Dürresommer 2018 war nur ein zartes Vorspiel. Ohne sofortige und umfassende Gegenmaßnahmen wird der Kollaps globaler biologischer und gesellschaftlicher Systeme viel schneller und heftiger eintreten, als man sich das vorstellen mag. Wohl noch vor dem Jahr 2050!

Werden erst Kipp-Punkte erreicht, werden riesige Regenwälder vertrocknen, Nadelwälder auch in Europa großflächig abbrennen, Böden degradieren, Korallenriffe erodieren, auch die marinen Nahrungsketten samt Meeresfischerei zerbrechen: Milliarden Menschen werden hungern und alles verlieren. Es drohen Völkerwanderungen und der Zusammenbruch ökonomischer und politischer Systeme. Das ist die Apokalypse bzw. die „Biokalypse“.

Das alles nur aufgrund getöteter Organismen, zerstörter Lebensräume, dysfunktionaler Ökosysteme? Ja, weil wir die Schlüsselkomponenten der Böden, Weiden, Wälder und Meere gefährden: Mikroben, Pflanzen und Tiere! Es sind biologische Stoffkreisläufe, die uns ernähren, die auf Lebewesen beruhen, und die nicht mehr funktionieren, wenn diese Lebewesen sterben oder verdrängt werden.

Auch ohne Klimawandel hätten wir eine schwere biologische Krise, gegen die wir unbedingt etwas unternehmen müssen! Zur biologischen Krise kommt jetzt aber noch der Klimawandel samt Ozeanversauerung durch CO2 erschwerend und beschleunigend dazu. Eine gefährliche „biogeophysikalische“ Rückkopplung entsteht.

 

Brennstoff: Neben dem Klimawandel wird das Artensterben als große Bedrohung also noch viel zu wenig wahrgenommen …

Michael Schrödl:  Das Artensterben ist schneller und hat bereits katastrophale Ausmaße erreicht. Es entwickelt zudem eine fatale Eigendynamik und es ist irreversibel. Die zunehmend schnellere Erderwärmung samt Versauerung der Ozeane gibt der verbleibenden natürlichen Vielfalt dann noch den Rest. Übrigens ist es auch umgekehrt: Die Klimaziele sind ohne Eindämmung der biologischen Krise nicht zu erfüllen, zu viel biologisches CO2 würde frei oder nicht mehr von Organismen gebunden. Es wird allerhöchste Zeit, die Biologie als Kernelement des Klimaschutzes zu betrachten!

Andererseits: Wir müssen das 1,5°C-Ziel beim Klimaschutz unbedingt erreichen. Denn Regenwälder und Riffe sterben auch bei einem 2°C-Erwärmungslimit. Momentan sieht es aber nicht danach aus. Bei der Erderwärmung sind wir bis 2100 derzeit auf Kurs +4°C oder darüber.

 

Brennstoff: Wie vollzieht sich das Artensterben?

Michael Schrödl:  Aussterben funktioniert so: Lebewesen wandern aus oder sterben, wenn die Lebensräume verschwinden und die Umweltbedingungen nicht mehr passen. Arten werden seltener, die genetische Vielfalt und damit die Reaktionsmöglichkeiten auf Umweltveränderungen schwinden, örtliche Populationen erlöschen. Schließlich verschwindet die Art – für immer! Insgesamt, über alle Tiere, Pflanzen und Mikroben hinweg, ein tragischer, irreparabler Verlust an Naturgeschichte, direkt vor unserer Nase und durch unser Tun und Unterlassen!

 

Brennstoff: Was ist dringend zu tun?

Michael Schrödl:  Wir brauchen schleunigst einen globalen Sinneswandel. Landwirtschaftswende, Forst- und Fischereiwende, Energiewende, Industriewende, Verkehrswende – eine allgemeine, massive und rapide Wende hin zur Nachhaltigkeit, Vermeidung von Treibhausgasen, Schonung von Ressourcen und zum großflächigen Schutz von Leben und Lebensräumen samt Renaturierung riesiger Gebiete. Gifte gehören vom Acker, aus der Luft und aus dem Wasser. Externe Kosten müssen in Produkte und Dienstleistungen eingepreist werden, Transparenz für VerbraucherInnen muss hergestellt werden, ökosoziale Ziele müssen formuliert und Bonus-Malus Systeme eingeführt werden: Wer nachhaltig konsumiert oder produziert, wird mit dem Geld belohnt, das Umwelt- und Sozialsünder bezahlen müssen.

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Das Interiew wurde uns vom Komplett-Media Verlag zur Verfügung gestellt.
Und von Andreas Wagner redaktionell überarbeitet.

Artikelfoto: enviromantic / istock

 

 

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