Der Tod des Lao-Tse | Tschuang-Tse

Der Tod des Lao-Tse

Tschuang-Tse

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Als Lao-Tse starb, ging Thsin-Shih, um ihn zu beklagen. Er seufzte dreimal und kehrte heim.
Ein Schüler fragte ihn: »Wart Ihr unseres Meisters Freund oder wart Ihr es nicht?«
»Ich war es«, antwortete er.
Der Schüler fragte weiter: »Wenn Ihr es wart, betrachtet Ihr dies als einen hinreichenden Ausdruck des Grams?«

»Ja«, sagte Thsin-Schih. »Ich hatte gemeint, er sei der Mensch der Menschen, und jetzt sehe ich, daß er es nicht war. Als ich kam, um ihn zu klagen, fand ich alte Leute, die um ihn weinten wie um ein Kind, und junge Leute, die um ihn jammerten wie um eine Mutter. Um so große Liebe zu gewinnen, muss er Worte gesprochen haben, die nicht gesprochen werden sollten, und muss Tränen vergossen haben, die nicht vergossen werden sollten, ewige Grundsätze verletzend, die Menge menschlicher Erregung vermehrend und die Quelle vergessend, aus der sein Leben empfangen war. Die Alten nannten solche Erregungen die Fangnetze der Sterblichkeit.

Der Meister kam, weil seine Zeit war, geboren zu werden; er ging, weil seine Zeit war, zu sterben. Für einen, der die Erscheinung der Geburt und des Todes also annimmt, gibt es nicht Klage und Trauer. Die Alten sagten vom Tode, Gott schneide einen Menschen los, der in der Luft hing. Der Brennstoff ist verzehrt, aber das Feuer wird weitergegeben; und wir wissen nicht, dass es je ende.«

*****

 

Textauswahl: Andreas Wagner
aus: Tschuang-Tse: Reden und Gleichnisse.
Auswahl und Übersetzung von Martin Buber.
Verlag Manesse. 1951

Foto: Fotocostic / istock-photo

 

 

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