Der Stein, ein guter Lehrer

Der Steinbildhauer Christian Koller ist ein besonderer, ein herausragender Seminarleiter der GEA Akademie. Bei Fritz Wotruba hat er studiert, bei Henry Moore war er Assistent, sein wichtigster Lehrer jedoch war – und ist nach wie vor – der Stein. Mit Umsicht und Können schafft er eine kreative Atmosphäre, in der die KursteilnehmerInnen wachsen und
blühen können.

Deine jährlichen Seminare sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Nicht nur hier bei uns in Schrems, sondern in ganz Österreich. Sag, woran liegt das?
Viele Menschen sind in dieser Zeit des Innehaltens (Lockdown) zur Ansicht gekommen, dass das Hamsterrad des Müssens nicht ihre wirkliche innere Heimat darstellen kann. Sie spüren, dass sie eigentlich was zu sagen hätten, aber niemanden hat die Ruhe zuzuhören. Und was sie erzählen möchten, kommt in der Arbeit mit dem Stein aus ihrer eigenen Mitte heraus. Loslassen ist gefragt. Die Menschen möchten sich mitteilen und einiges festschreiben. Genau das machen wir in unseren Seminaren. Wir überantworten unsere unverwechselbare, ureigene Geschichte einem Archiv, dass sie auf Dauer bewahrt – dem Stein.

Jedes Jahr beobachten, wie jede/r in der Gruppe in seiner eigenen Welt der Kreativität versinkt; alles andere rundherum scheint völlig vergessen. Alle wirken so zufrieden und entspannt. Wie kommt das?
Ausgangspunkt ist folgender: jede/r gönnt sich in den 4 Tagen des Seminares eine Zeitspanne, in der alles Belastende des Alltages hinter sich gelassen wird, ohne genau zu wissen, – wie. Und dieses Wie, das so gut funktioniert, entdecken sie – ein/e jede/r mit sich selbst – mit ihren Händen und den Werkzeugen. Der Stein leitet sie behutsam an, den eigenen Rhythmus zu finden und es entsteht ein unerwartetes Pulsieren, das dauernd im Inneren anklopft. Seltsamerweise finden so manch innere Probleme zu Lösungen.

In deinem, gerade erst herausgebrachten Buch sprichst du deutlich aus, wie sehr die mentale Raserei unserer Zeit die Menschen seelisch verarmen lässt.
Genau. Mein Buch jedoch gibt Hinweise, wie die Arbeit mit dem Stein „automatisch“ den inneren Dialog fördert. Wir sollen innehalten – mit und ohne Lockdown – und sollen spüren, dass ein Weitermachen im Rhythmus des Mainstreams nicht zielführend sein kann.

Und was hat das mit deinen Seminaren zu tun?
Das Heilsame und Wohltuende an der Arbeit mit dem Stein ist die Langsamkeit. Damit haben viele Menschen große Schritte in Richtung Lebensfreude und Wohlbefinden gemacht.

Kann sich dies nachhaltig auswirken?
Oh ja. Im Idealfall führen die Erlebnisse mit dem Stein zu einer Selbsterfahrung in der Langsamkeit. Diese Erfahrung wird zu einer neuen Ausgangsbasis für das Leben danach. In den letzten Monaten sind viele alte, ausgetrampelte Wege an ihr Ende gelangt. Dieses unendliche „nicht-genug-bekommen-können“ hat sich erschöpft.
So seltsam es auch klingt: aus der Erschöpfung wächst das Schöpferische.
So, wie aus dem Apfel, der am Boden verrottet, Wurzeln für ein neues Bäumchen kommen.

Termine siehe:  www.gea.at/akademie

Artikel dieser Ausgabe
Heini Staudinger

Editorial zur Ausgabe Brennstoff No. 59

2 Minuten

Museum Humanum

1 Minute

Christian Koller

Der Stein, ein guter Lehrer

2 Minuten

Fabian Scheidler

Wer wir sind, bleibt offen

2 Minuten

Felwine Sarr

Afrotopia

2 Minuten

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