Der »Seneca-Kollaps« unserer Gesellschaft

Langfassung

Langsames Wachstum, schneller Ruin – der »Seneca-Kollaps« unserer Gesellschaft

Wer kann sich noch an den Club of Rome erinnern? Genau, es handelt sich um den in späten 1960er -Jahren gegründeten Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die schon damals vor der Übernutzung der natürlichen Ressourcen des Planeten durch Raubbau und Ausbeutung warnten. Der erste Bericht an den Club of Rome mit dem Titel »Die Grenzen des Wachstums« aus dem Jahr 1972 rief enorme Resonanz hervor. Mittlerweile ist der 42. Bericht an den Club of Rome erschienen. Der Verfasser, der italienische Chemiker Ugo Bardi, versucht darin zu erklären, warum komplexe Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können.

Die Gründer des Club of Rome schufen in den 1970er Jahren ein Modell, mit dem die „Grenzen des Wachstums“, die auf steigenden Ressourcenverbrauch zurückgehen, berechnet werden sollten. Ugo Bardi, selbst langjähriges Mitglied des Club of Rome, entwickelt die Thesen des bahnbrechenden Werks weiter und legt mit seinem Buch „der Seneca-Effekt – Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können“ seine neuen Studien zum Thema vor.

Bardi interessiert sich besonders für den Zusammenbruch des antiken Römischen Reiches und die Übertragbarkeit dieses historischen Ereignisses auf die heutige Zeit. Den titelgebende römische Philosophen Seneca zitiert Bardi mit dem denkwürdigen Satz: „Das Wachstum schreitet langsam voran, während der Weg zum Ruin schnell verläuft.“ Seneca, im Jahre 4 vor Christus geboren, war zunächst einflußreicher Berater von Kaiser Nero und fiel später in Ungnade. Er sah den Zusammenbruch des Römischen Reiches weit vor seinem tatsächlichen Eintreten voraus.

Wenn man bedenkt, dass Rom im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gegründet wurde und im 2. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung den Höhepunkt seiner Machtentfaltung erreichte, kann man dem Römischen Reich einen rund tausend Jahre langen Aufstieg attestieren, dem ein nur zwei bis drei Jahrhunderte währender Verfall gegenüberseht – dieses Phänomen nennt Ugo Bardi den „Seneca-Effekt“. Doch warum kollabieren komplexe Systeme? Bardi unternimmt den Versuch, den „Seneca-Effekt“ anhand der gegenwärtigen Weltordnung zu prüfen.

Er geht der Frage nach, ob es denkbar wäre, dass das heutige, komplexe Weltsystem aufgrund sich wechselseitig verstärkender Effekte einen mehr oder weniger abrupten Zusammenbruch erfahren könnte. Laut Bardi können in komplexen Systemen kleine Ursachen zu großen Wirkungen führen. Das Problem sei, dass die moderne Industriegesellschaft, sobald sie in die Krise gerät, meist versucht, die Probleme, vor denen sie steht, durch Ausweitung ihrer Steuerungsstrukturen zu lösen – mit anderen Worten: Sie betreibt ein fatales „more of the same“, anstatt einen Wandel einzuleiten.

Das Silber geht aus

So kommt es unvermeidlich zu so genannten „Tipping Points“ (Kipppunkte), die es komplexen Gesellschaften enorm erschweren, auf eine Störung mit Anpassung zu reagieren. Ein wesentlicher Grund für den Zusammenbruch des Römischen Reiches lag darin begründet, dass die Bergwerke in Nordspanien das für die Münzproduktion notwendige Silber nicht mehr in den gewohnten Mengen liefern konnten. Die Kosten für die Kontrolle der beherrschten Territorien wurden zu hoch. Außerdem verschlang der Handel an der Seidenstraße große Mengen des begehrten Edelmetalls.

Auf die Erschöpfung der Gold- und Silberminen folgte eine Kaskade von Rückkoppelungen, die weitaus sichtbarer und spektakulärer waren als die Einflüsse, durch die sie verursacht wurden. Das Römische Reich erlebte politische Unruhen, interne Konflikte und den Zerfall seiner Armee. Ugo Bardi geht davon aus, dass uns dieser „Seneca-Kollaps“ eine Menge über die Schwierigkeiten lehren kann, vor denen unser derzeitiges Imperium, die globalisierte Welt unter westlicher Vorherrschaft, steht. Aufgrund der Tatsache, dass die moderne Welt so schnell gewachsen ist, könne sein Kollaps mit einem Paukenschlag eintreten, so Bardi.

Ugo Bardi nimmt uns in seinem Buch mit auf eine Reise durch die Materialwissenschaften und die Physik: Er erklärt Materialbrüche bei Schiffen und Flugzeugen. Wiederholte, vor allem zyklische Belastung führen zur Schwächung der Struktur, zur so genannten Materialermüdung. Es entstehen Risse, die zunächst kaum sichtbar sind – der Bruch erfolgt oft heimtückisch und mit einem Schlag: Es ist der „Seneca-Ruin“ des Materials. Bardi argumentiert, dass es bei komplexen Systemen durch den unvorhersehbaren und plötzlichen Wechsel von einem Zustand in den anderen stets zu Überraschungen kommen kann.

Die Erdbebengleichung

Bardi geht davon aus, dass sich der „Seneca-Effekt“ bei Materialbrüchen innerhalb gewisser Grenzen auch bei sozialen, wirtschaftlichen und biologischen Systemen beobachten lassen könne. Letztere würden nämlich ebenfalls den allgemeinen thermodynamischen Gesetzen gehorchen, woraus sich gewisse Regeln und Tendenzen ableiten ließen. Doch die Erkenntnisse aus der Physik würden uns in vielen Fällen auch darüber Aufschluss geben, was wir nicht wissen. So gäbe es bis heute weder eine „Lawinen-“ noch eine „Erdbebengleichung“, die in der Lage wäre, zu bestimmen, wann und wo eine Lawine abgeht oder ein Erdbeben eintritt.

Daher, so Bardi, können wir uns trotz all unserer Kenntnisse über Erdbeben nur vor ihnen schützen, indem wir Gebäude errichten, die ihnen im Fall des Falles standhalten. Ähnlich sei es bei Finanzkrisen: Aufgrund der Komplexität der Finanzwelt sei niemand in der Lage, zu wissen, wann genau es zum nächsten Zusammenbruch des Bankensystems kommen wird. Bardi interpretiert die Hypothekenkrise von 2008 als klassisches Beispiel für einen „Seneca-Kollaps“, da der Absturz des Immobilienmarktes viel schneller erfolgte als sein vorheriges Wachstum.

In der Übertragung komplexer physikalischer Systeme auf soziale und gesellschaftliche Prozesse liegt eine innovative Stärke des mit zahlreichen Graphiken ausgestalteten Buches. Gleichzeitig liegt darin aber auch seine enorme Schwäche. Denn um physikalische auf gesellschaftliche Phänomene umzulegen, braucht man ein mehr oder weniger starres Menschenbild. So geht Bardi davon aus, dass „Menschen dazu neigen“, Ressourcen zu übernutzen. Dabei entgeht ihm, dass der Raubbau an Ressourcen immer mit Macht- und Herrschaftsstrukturen zu tun hat, die historisch bestimmt werden müssen und die stets auch veränderbar sind.

Fehlende Gesellschaftstheorie

An einer anderen Stelle versucht Bardi, die „Bolzmann-Gibbs-Verteilung“, die entwickelt wurde, um die Entropie in atomaren Systemen zu beschreiben, auf die gesellschaftliche Verteilung von monetärem Reichtum anzuwenden. Im nächsten Absatz relativiert er sein Gedankenspiel. Streckenweise hat man so den Eindruck, einem vor sich hin schwadronierenden Professor zuzuhören. Ugo Bardi fehlt eine kohärente Gesellschaftstheorie, die ihm bei seinen durchaus interessanten Thesen über den Kollaps von komplexen Gesellschaften Orientierung bieten könnte.

Als zusätzliches Problem erweist sich, dass Bardi den hochproblematischen Thesen des britischen Ökonomen Thomas Malthus anhängt. Malthus entwickelte im frühen 19. Jahrhundert die nach ihm benannte Bevölkerungstheorie, die sich vor allem gegen die „zu starke Vermehrung“ armer Bevölkerungsschichten in England richtete. Bereits Friedrich Engels trug als Haupteinwand vor, dass „Überbevölkerung“ grundsätzlich kein technisches, sondern ein sozio-ökonomisches Problem darstelle. Laut Engels stoße der Kapitalismus eine industrielle „Reservearmee“ an Arbeitskräften ab, ein „Lumpenproletariat“, dem im schlimmsten Fall jegliche Lebensberechtigung abgesprochen werde.

Heute gehören beinahe eine Milliarde Menschen weltweit zu diesem Lumpenproletariat – Ausgestoßene, die nicht einmal in den Genuss kommen, ausgebeutet zu werden. Auf diese Menschen richten sich noch heute alle Horrorszenarien der so genannten Gefahr der Überbevölkerung. Doch Bardi übersieht, dass laut dem Bericht des World Food Report mit der heutigen Landwirtschaft doppelt so viele Menschen ernährt werden könnten wie gegenwärtig auf dem Planeten leben. An der Überbevölkerung kann der unkontrollierte Raubbau an den Ressourcen also nicht liegen.

Es ist das aktuelle ökonomische System, das mit seinem ihm inhärenten Zwang, Profite zu maximieren und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, seit ca. 200 Jahren enorme Schäden verursacht. Profite haben einen höheren Stellenwert als die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Hunger und Umweltzerstörung könnten beendet werden, Verteilungsgerechtigkeit durchgesetzt werden. Trotz des Umstandes, dass Bardi diese Erkenntnis abgeht, bezieht er klar Stellung und
rät dazu, Ökonomien zu entwickeln, die gegenüber den unvorhersehbaren Erschütterungen des globalen Finanzsystems sicher sind.

Ebenso rät Bardi, dass wir „uns von der hartnäckigen Sucht nach fossilen Brennstoffen befreien, die unseren Planeten ruinieren.“ Denn mit einem Peak Oil könnte ein ähnlicher Effekt eintreten, wie mit einem „Peak Silver“ des römischen Reiches. Doch schon bevor dies eintritt, drohen verschiedene Kipppunkte des ökologischen Erdsystems überschritten zu werden, die nicht nur einen „Seneca-Kollaps“ unserer Gesellschaft, sondern des gesamten ökologischen Systems verursachen. Trotz einiger gewagter wissenschaftlicher Pirouetten liefert Bardi in seinem neuen Buch wichtige Belege, dass ein Umdenken mehr als notwendig ist.

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