Der Mann, der die Wüste aufhielt: Yacouba Sawadogo | von Jochen Schilk

Der Mann, der die Wüste aufhielt

Man kann nichts Gutes tun, ohne dadurch Widerstand zu provozieren.
Yacouba Sawadogo

von Jochen Schilk

Yacouba Sawadogo ist jenseits der siebzig und lebt mit seiner großen Familie im Norden des westafrikanischen Lands Burkina Faso;   die Region mit sehr harten, trockenen Böden ist Teil der Sahelzone. Obwohl die Schule es nicht geschafft hatte, ihm das Lesen beizubringen, wurde ihm als jungem Mann von einem Korangelehrten prophezeit, dass einst die Menschen zu ihm kommen würden, um von ihm zu lernen.

Nach der Schule verdingte er sich zunächst als Händler. Doch angesichts einer großen, dürrebedingten Hungersnot zu Beginn der 1980er Jahre wandte sich Yacouba der Landwirtschaft zu. Er griff die regional übliche Anbaumethode »Zaï« auf – bei der in wochenlanger Knochenarbeit Löcher für die Hirsekörner in die Erde geschlagen werden –, um nicht nur Getreide, sondern in jahrzehntelanger Anstrengung auch viele tausend Bäume zu pflanzen. Anfangs wurde er noch als Verrückter und Ketzer verunglimpft, weil er es wagte, die quasi sakrosankten agrarischen Traditionen zu verändern.

Als der erste Wald auf über vier Hektar
zu grünen begann, brannten Nachbarn
diesen sogar nieder.

Doch der Mann gab nicht auf; er klagte niemanden an, sondern führte sein Werk stoisch fort. »Man kann nichts Gutes tun, ohne dadurch Widerstand zu provozieren«, weiß er.

Yacouba Sawadogos Methode: Er legt zunächst Steindämme um Parzellen herum an, um das kostbare Wasser zurückzuhalten, wenn es denn vom Himmel fällt. Dann hackt er seine Löcher und füllt diese mit einer Mischung aus Blättern, Asche, Viehdung, Getreidekörnern und Baumsamen. Der Clou dieser Kompost-Mixtur besteht darin, dass sie Termiten anzieht, die den Boden auflockern.

Auf diese Weise hat er im Lauf der Zeit am Rand der Wüste eine 30 Hektar große Oase mit erstaunlicher Artenvielfalt geschaffen – mehr als sechzig verschiedene Busch- und Baumarten gedeihen dort zur Freude von Mensch und Tier. Ebenso speichert der Wald Feuchtigkeit im Boden, wovon natürlich auch die Feldfrüchte des experimentierfreudigen Bauern profitieren, der hier quasi seine eigene Version von Agroforstwirtschaft erfunden hat. Ermutigt durch Yacoubas Erfolg, sind schließlich auch diejenigen Dorfbewohner zurückgekehrt, die bei der letzten großen Hungersnot ihr Heil vergeblich in den Städten gesucht hatten.

Die Geschichte ist hier aber noch nicht zu Ende, denn einige Jahre nach Beginn des Experiments wurde der holländische Geologe Chris Reij, der zu neuen Wegen des Anbaus in Wüstenregionen forschte, auf Yacouba aufmerksam. Dank dieser Verbindung wurde es nun möglich, dass Kleinbauern von nah und fern die Methode bei dem Analphabeten aus dem Norden Burkina Fasos erlernten.

Im Nachbarland Niger etwa wurden
in zwanzig Jahren bereits 200 Millionen Bäume
nach seinem Vorbild gesetzt –
was dazu beitrug, die Getreideernte um jährlich
500 000 Tonnen zu steigern.

Auf diese Weise erfüllte sich die Weissagung des Leiters der Koranschule – ja, Bauer Yacouba steigt sogar hin und wieder in Flugzeuge, um auf internationalen Konferenzen sein Wissen weiterzugeben.

Wissenschaftler sagen, der mittlerweile ergraute Farmer habe »für den Sahel mehr getan als alle internationalen Forschungsinstitute und Entwicklungsexperten zusammen«. Ein Kameramann der BBC hat das Leben des einfachen alten Mannes verfilmt, der so mit seinen holzigen Zöglingen verbunden ist, dass er in seinem Heimatdorf nebenbei auch als Medizinmann wirkt – kennt er doch die Heilkräfte, die in den Blättern, Rinden und Wurzeln seiner Bäume stecken.

Das Dokudrama aus dem Jahr 2010 liegt als »Der Mann, der die Wüste aufhielt« auch in einer deutschen Sprachfassung vor. Doch Yacouba Sawadogos Erfolgsgeschichte geht noch weiter: Im September 2018 wurde ihm der Alternative Nobelpreis für »die Umwandlung von Ödland in Wald sowie für den Beweis, dass Bauern ihr Land mithilfe eines innovativen Gebrauchs von indigenem, lokalem Wissen regenerieren können«, zugesprochen.

*****

 

Zum obigen Artikel „Der Mann, der die Wüste aufhielt“ hier eine kurze Erläuterung über die Entwicklung von Burkina Faso während der letzten Jahrzehnte

In Europa weiß kaum noch jemand, dass Burkina Faso in den 1980er Jahren eine kurze, aber hoch-spannende sozialrevolutionäre Episode erlebte. Es begann 1983, als der junge Militär Thomas Sankara, ein panafrikanischer Sozialist, an die Macht kam und damit begann, eine radikale, wegweisende Agenda umzusetzen, die darin gipfelte, die afrikanischen Länder dazu aufzurufen, den Schuldendienst an die ehemaligen Kolonialmächte zu verweigern.

Sankara mobilisierte das Volk dazu, den Kampf gegen die Armut aus eigener Kraft anzugehen. Er organisierte die administrative Verwaltung des Lands neu, verstaatlichte Grund und Boden und ließ Pläne zum Bau von Schulen, Brunnen und Stauseen sowie Massenimpfungen durchführen. Den Beamten wurden strikte Sparmaßnahmen auferlegt.

Zu den zahlreichen transformativen Ideen des »afrikanischen Che Guevara« gehörte auch die Aufforstung der von ihm in Burkina Faso (»Land der Aufrechten«) umbenannten ehemaligen französischen Kolonie Obervolta. Ein diesbezügliches Programm hatte zum Ziel, die Ausbreitung der Sahara einzudämmen. Schon im ersten Jahr wurden 10 Millionen Bäume gepflanzt.

Auf YouTube gibt es mehrere deutschsprachige Dokumentarfilme über das Wirken Sankaras, der schließlich 1987 von seinem Kompagnon Blaise Compaoré verraten und umgebracht wurde. Compaoré regierte das Land noch bis 2014. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, den Schuldendienst wieder aufzunehmen. Es wird deshalb vermutet, dass die Niederschlagung von Sankaras revolutionärem Umbau unter anderem von der ehemaligen Kolonialmacht organisiert wurde.

 
 

Artikelfoto – Yacouba Sawadogo: Wolfgang Schmidt © Right Livelihood Award

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