Der Gründervater der Kapitalismuskritik wird 200

Kaum ein Philosoph und Gelehrter ist für das 19. und 20. Jahrhundert bedeutsamer gewesen als Karl Marx. Dutzende Male tot gesagt und wieder zum Leben erweckt, werden seine Theorien heute wieder verstärkt rezipiert. Nach dem Crash der Banken im Jahr 2008 stiegen die Verkaufszahlen seines Hauptwerks „das Kapital“ sprunghaft an. Davor hatten Generationen von betonköpfigen Bürokraten die Lehren von Karl Marx entstellt und instrumentalisiert. Es lohnt sich, sein Potential freizulegen und für heutige Fragen fruchtbar zu machen.

Karl Marx schrieb „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern“. Zeit seines Lebens betätigte sich der Gründervater der Kapitalismuskritik in den Bereichen der Philosophie, der Publizistik sowie der praktisch-politischen Organisierung. Noch immer wird sein reichhaltiges Werk vom schweren Erbe des Realsozialismus überlagert. Doch Marx ist unabdingbar, um die ökonomischen, aber auch politischen bis hin zu ökologischen Krisen der heutigen Zeit zu verstehen.
Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 als drittes von neun Kindern in Trier geboren. Die jüdischen Eltern konvertierten zum Protestantismus, da sein Vater unter der preußischen Regierung seine Arbeit als Anwalt sonst nicht hätte durchführen können. Marx befasste sich intensiv mit Hegel, was ein wesentlicher Schlüssel zu einem Werk werden sollte. In Köln übernahm er 1842 die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“, einem Sprachrohr für oppositionelle Stimmen, die allerdings nur 15 Monate existierte. Als die preussischen Zensurbehörden seine Arbeit verunmöglichten, wanderten Marx und seine Frau Jenny nach Paris aus.
Doch der Zugriff der deutschen Behörden reichte bis nach Frankreich: Im Jahr 1845 musste die Familie Marx Paris verlassen und flüchtete nach Brüssel und später nach England. Das wirtschaftlich fortgeschrittenste Land Europas bot reichlich Stoff für Marx’s Studien. Er beschäftigt sich intensiv mit dem despotischen Fabrikssystem, aber auch mit Irland, das zu dieser Zeit eine Extraktionsökonomie par excellence war: Dort wurden Rohstoffe für die boomende Industrie  Englands produziert, während die irische Bevölkerung Not litt.
Wie ein Paukenschlag wirkte die Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests im Revolutionsjahr 1848, das er zusammen mit seinem Freund und Financier Friedrich Engels verfasste. Marx begnügte sich nicht damit, die äußerlichen Erscheinungen der Ausbeutung zu beschreiben, sondern wollte selbigen auf den Grund zu gehen. Sein Hauptwerk „das Kapital“, das er zu Beginn seiner Londoner Zeit begann und das erstmals im Jahr 1867 veröffentlich wurde, hebt mit dem bedeutenden Satz an, dass der „Reichtum der Gesellschaften“ als eine „ungeheure Warensammlung“ erscheine.

Der Doppelcharakter der Ware

Jede noch so banale Ware, so Marx, habe stets einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. So besteht der Gebrauchswert eines Stuhles darin, dass man auf ihm sitzen kann. Der Tauschwert des Stuhles wird definiert durch die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, die man für seine Herstellung braucht. Auch die Ware Arbeitskraft hat einen Doppelcharakter. Marx ging davon aus, dass nicht die gesamte Arbeitszeit entlohnt werde – über den so entstehenden Mehrwert komme es zu Kapitalakkumulation.
Anders als die Theorie der selbstregulierenden Märkte es vorgibt, gereichen laut Marx die Gesetze von Angebot und Nachfrage nicht allen Menschen zum Vorteil: Die Logik des Tauschwerts setzt sich durch: Es geht nicht primär um die Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen, sondern um die Erwirtschaftung von Profit. Wenn sich der Reichtum in den Händen weniger konzentriert, ist es für Unternehmen beispielsweise gewinnbringender, Luxusgüter herzustellen, als die dafür notwendigen Ressourcen für die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen einzusetzen. Wohnraum steht zu Spekulationszwecken leer, obwohl gleichzeitig Menschen obdachlos sind.
Durch den weltweiten Konkurrenzkampf kommt es zu Verdrängungs- und Konzentrationsprozessen. Was auf der Ebene der Warenproduktion bereits gefährlich ist, steigert sich auf den Finanzmärkten zu einer mörderischen Spirale: So flüchtete das Kapital beispielsweise im Krisenjahr 2008 auf der Suche nach Rendite-Möglichkeiten in den Agrarsektor: Die Spekulation auf Grundnahrungsmittel führte dazu, dass die Preise rapide stiegen und sich in vielen Ländern des Südens die Mangelernährung verschlimmerte und Hungerrevolten ausbrachen.

Blinde Flecken und missbrauchte Theorie

Als einen wichtigen Grundstein für die Entwicklung des Kapitalismus bezeichnete Marx die Phase der „ursprünglichen Akkumulation“, die er gegen Ende des ersten Bandes des „Kapitals“ eindrücklich beschrieb. Die gewaltsame Vertreibung der Bauern in England zu Beginn der Neuzeit und die Einhegung ihres Landes für die Wollproduktion legte laut Marx den Grundstein für die kapitalistische Entwicklung. Die Enteigneten seien von da an „doppelt frei“ gewesen: Frei von Produktionsmitteln und frei, ihrer Arbeit auf dem Markt zu verkaufen.
Die marxistische Historikerin Silvia Federici betont, dass es heute neue Formen der ursprünglichen Akkumulation gäbe, wie beispielsweise den massenhaften Aufkauf von Agrarland in Afrika. Marx‘ Grundkategorien Ware, Kapital, Arbeit und Profit können heute noch als gültig angesehen werden. Doch es gibt auch einige blinde Flecken: Marx schenkt der Reproduktionsarbeit, die damals wie heute hauptsächlich von Frauen geleistet wird, nur wenig Beachtung. Auch die Frage des Rassismus behandelt Marx nur wenig. Man redet sich Marx schön, wenn man behauptet, in ihm stecke auch postkoloniale Theorie.
Oft gilt Marx noch immer als der unheilsame Vorbote des autoritärem Kommunismus. Doch die realsozialistische Welt des 20. Jahrhunderts hatte mit Marx herzlich wenig zu tun. Marx wollte niemals aus einer abstrakten Idee heraus die Welt verändern. Dies unterscheidet ihn auch von den so genannten Frühsozialisten wie Proudhon oder Fourier, gegen die er mit beissenden Humor polemisierte. Marx, der unter der Zensur des preussischen Polizeistaates litt, war kein Gegner der Demokratie. Doch gegenüber politischen Konkurrenten, wie dem Anarchisten Michail Bakunin, verhielt er sich äußerst hart. Im Jahr 1872 drängte er ihn aus der „Internationale“, der ersten länderübergreifenden sozialistischen Organisation.

Relevanz für heute

Der Marx-Biograph Gareth Stedman Jones hat jüngst herausgearbeitet, dass sich Marx in seinem Spätwerk auch intensiv mit ökologischen Fragen beschäftigte. So betonte Marx, dass sich der Kapitalismus stets weiterentwickle „indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ Wenn die Märkte nicht durch Sozial-und Umweltgesetzgebungen reglementiert werden, ist es allein der Profit, der zählt, und nicht etwa die Frage, ob Arbeiterinnen bei Fabriksbränden sterben, die Wälder für die Stromerzeugung abgeholzt werden oder die Insektenbestände aufgrund der Agrar-Monokulturen auf bedrohliche Art und Weise abnehmen.
Für viele tönt die berühmte Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ heute nach blankem Anachronismus. Doch das Gegenteil ist der Fall: In absoluten Zahlen waren noch nie so viele Menschen wie heute in die Verwertungsmaschinerie des Kapitalismus eingewoben. Angesichts globaler Warenströme und weltumspannender Produktionsketten ist der Aufruf zukunftsweisender denn je. Denn der internationale Konkurrenzdruck zwischen Unternehmen, Staaten und Staatenblöcken entfacht bis heute blutige Konflikte um die Weltressourcen.
Marx‘ Parole kann heute als Aufruf verstanden werden, eine lebenswerte Welt für alle Menschen innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten zu gestalten. Zwar wurde der Kapitalismus anders als Marx dachte immer wieder reformiert und in die Schranken gewiesen – doch mit der autoritär-neoliberalen Wende seit den 1970er und 1980er Jahren droht er sein destruktives Potential wieder voll zu entfalten. Wie Marx im Jahr 1844 schrieb, geht es damals wie heute darum, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Alexander Behr

Veranstaltungshinweis: An der Universität Wien findet bis Ende Juni eine sehr empfehlenswerte Ringvorlesung zu Karl Marx statt:
http://www.univie.ac.at/intpol/home/lehre/spezialvo-analysen-des-globalen-kapitalismus-im-anschluss-an-karl-marx/

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