Den Mond anbellen | Raus aus dem Markt, rein in die Nische

Den Mond anbellen

Raus aus dem Markt, rein in die Nische

von Marianne Gronemeyer

Arbeit hat längst aufgehört, die Sache derer zu sein, die sie tun. Über sie wird andernorts verfügt. Ihr ,Wie‘ und ‚Wozu‘ bestimmen nicht einmal mehr Fabrikherren und Unternehmer, sondern jene treibenden Kräfte, die den Fortschritt garantieren: die Naturwissenschaft, die Ökonomie, die Technik und die Bürokratie.

In seinem Geltungsanspruch ist dieses Quartett so gebieterisch wie einst die apokalyptischen Reiter, die allerdings ganz andere Namen trugen und die mittelalterlichen Menschen in Angst und Schrecken versetzten: der Hunger, die Pestilenz, der Krieg und der allgewaltige Tod. Dieser Vergleich scheint unerhört und völlig entgleist, denn die modernen Mächte gelten als die tragenden Säulen der Menschheitszukunft und haben mit den fratzenhaften Schreckensgestalten, die wir auf alten Bildern verderbenbringend und verwüstend über den Erdkreis jagen sehen, offensichtlich nichts gemein. Und tatsächlich muss man wohl zugestehen, dass ihnen an und für sich nichts Verderbliches anhaftet. Es ist im Gegenteil doch aller Mühen wert, die Natur zu erforschen, die Vorräte zu bewirtschaften, die Arbeit zu erleichtern und das Gemeinwesen zu ordnen. Und dennoch bilden die glorreichen Vier eine unheilige Allianz, die, wie einst ihre archaischen Vorgänger, einen großen Teil der heute lebenden Menschen mit Hunger, Krieg, Krankheit und Tod bedrohen. Ihre zerstörerischen Kräfte entfalten sie dadurch, dass sie in ihrem jeweiligen Geltungsbereich eine Monopolstellung behaupten.

Zusammengeschlossen und miteinander vernetzt bilden sie eine Supermacht, die ihren Anspruch auf Weltherrschaft weitgehend durchgesetzt hat. Sie tendiert dazu, sich alles anzuverwandeln und alles in sich einzuschließen. Sie duldet keine anderen Götter neben sich.

Monopole sind dazu da, sich in praktizierte Macht umzusetzen. Jedes der vier Monopole ist insbesondere für eine Handlungsmaxime zuständig, die nicht nur das große Weltgeschehen steuert, sondern bis in den Alltag der Menschen Gefolgschaft organisiert. Der Naturwissenschaft obliegt es, Konsens in Fragen der Welterklärung herzustellen, die Ökonomie sorgt dafür, dass die Konkurrenz alle menschlichen Beziehungen, auch die allerintimsten, prägt. Die Technik richtet die Welt auf Konsumierbarkeit zu und erhebt den Konsum zur ausschließlichen Form der Daseinssicherung. Die Bürokratie schließlich stellt Konformität dadurch her, dass sie alle menschlichen Handlungen nach dem Vorbild maschinellen Funktionierens ausrichtet. „Du sollst mit mir eines Sinnes sein und meiner Evidenz trauen“, sagt die Naturwissenschaft.

Erst dadurch allerdings, dass die Monopole zu einem umfassenden System zusammenwachsen, werden ihre Forderungen zu Diktaten, deren Logik so zwingend ist, dass sie gegen nahezu jeden Widerstand immun sind; ja mehr noch: dass sie den Widerstand im Keim ersticken; oder noch genauer: dass der Gedanke, man könnte ihnen widerstehen sollen, verrückt, abwegig oder närrisch erscheint: Sobald sich die Naturwissenschaft mit der Technik liiert, gibt sie jede Zurückhaltung und Selbstbeschränkung auf. Sie begnügt sich nun nicht mehr damit, alleingültig über die Welt Bescheid zu wissen, sondern will maßgeblich daran mitwirken, die Welt zu verändern. Die Ökonomie, die das Duo komplettiert, steuert den Gesichtspunkt der Profitabilität bei. Sie will die Welt verwerten und macht aus der wissenschaftlich-technischen Maschine eine Geldmaschine. Die bürokratische Gleichschaltung aller Machenschaften schließlich erzeugt jene unwiderstehlichen Sachzwänge, gegen die aufzubegehren so nutzlos ist, wie den Mond anzubellen.

In diesem Moloch findet moderne Arbeit statt. Sie dient seinem Bestand und Zuwachs. Eben deshalb kann sie, wie sorgfältig und edel sie im Detail auch ausgestaltet werden mag, keine gute Arbeit werden.

„Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins in einem [ … ] netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, dass man heraus kann.“ „Über das Dickicht, das der Iltis bewohnt, kann ich nur lachen. Was ist es gegen das unsrige?“, schrieb Günter Grass in einem Gedicht, von dem sich mir nur diese Zeile, die so oder so ähnlich lautet, eingeprägt hat. Adorno hat recht: Wir können unser Dickicht nicht bewohnen, wir sind darin eingesperrt. Aber er hat unrecht in der Annahme, dass diese Verbarrikadierung mehrheitlich Fluchtimpulse auslöst. Die Klaustrophoben, die ‚nichts-wie-raus-hier‘ wollen, sind eine kleine Minorität. Die überwiegende Mehrheit der Ambitionierten will nicht raus, sondern rein und hält sich etwas darauf zugute, bestens ‚integriert‘ zu sein. Der Moloch erfährt viel Zustimmung und Bejahung. Und nicht die Furcht, von ihm verschlungen zu werden, sondern die Furcht, von ihm ausgespien zu werden, beherrscht die Systeminsassen. Besonders die an den Rand Gedrängten und für überflüssig Erklärten freuen sich nicht etwa ihrer Nutzlosigkeit, sondern würden sich lieber drinnen ausnutzen lassen, als unnütz ,draußen‘ zu sein. Obwohl sie sich rausgedrängt fühlen, sind sie allerdings immer noch drinnen, denn sogar unnütz dürfen sie nur von Gnaden des Systems sein und nur auf die Weise, die darin vorgesehen ist: nicht vergnügt, sondern prekär.

Wie immer verraten uns auch hier die kleinen Alltagsbegebenheiten etwas über den Zustand unserer Verhältnisse – das Große und Ganze, das uns als hermetisches System gegenübertritt, hält sich bedeckt; in ihm herrscht Undeutlichkeit, Unkenntlichkeit, Unübersichtlichkeit. Eine solche verräterische Alltagsszene hat mich belehrt, wie verlockend die Gefangenschaft im ,netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang‘ sein kann.

In der Folge beschreibt Marianne Gronemeyer die Komplettbeschallung.

Liebe Marianne Gronemeyer, von diesem Buch dem dieser erhellende Text entnommen ist, ist im Internet nur noch ein einziges Exemplar um 89.95 € zu haben. Ich Glücklicher hab eins. Marianne, bitte, lass uns eine Neuauflage im GEA Verlag ins Auge fassen. Let’s talk. Bis bald, herzlich, heini (Das Buch heißt: Wer arbeitet, sündigt. … Untertitel: Ein Plädoyer für gute Arbeit) P.S. Liebe Marianne, gerade heute, in diesen turbulenten Zeiten, ist dieses Buch notwendig – ganz im Sinne des Wortes. Es kann mithelfen, die Not zu wenden.

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