„Das Neue Evangelium“ – Milo Raus neues Filmprojekt in Süditalien: Die Passion Christi mit Flüchtlingen aus Afrika

Das Neue Evangelium

Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jünger? Und wie würden die heutigen Träger weltlicher und geistiger Macht auf die Wiederkehr und Provokationen dieses einflussreichsten Propheten und Sozialrevolutionärs der Menschheitsgeschichte reagieren? Mit „Das Neue Evangelium“ kehren Milo Rau und sein Team, die mit „Das Kongo Tribunal“ einen Weltwirtschaftsgerichtshof für die von den Rohstoff-Multis von ihrem Land Vertriebenen geschaffen haben, an die Grundquellen des Evangeliums zurück und inszenieren es als Passionsspiel der Armen und Entrechteten. Dabei schliessen sie direkt an ihr weltweit in den Kinos gezeigtes Kongo-Projekt an: In Matera in Süditalien, am Ort der großen Jesus-Filme von Pasolini bis Mel Gibson, entsteht mit einem Cast aus Flüchtlingen aus Afrika und arbeitslosen Kleinbauern ein Neues Evangelium für das 21. Jahrhundert.

von Milo Rau („Das Kongo Tribunal“)

Filmausschnitt: Das neue Evangelium (Das Erste)

Zu Anfang war das Christentum eine revolutionäre gesellschaftliche Bewegung im Untergrund, ein genauso idealistischer wie verzweifelter Verbund der Armen und Rechtlosen, der von Rom unterjochten und zersprengten Völker. Was einige Jahrhunderte später zur staatstragenden Weltreligion werden sollte, war 30 Jahre nach dem Beginn unserer Zeitrechnung nichts anderes als eine Landlosen-Revolte am Rande des römischen Imperiums, angeführt von einem arbeitslosen Tischler und Bauarbeiter. Erst lange nach seinem Tod sollte er unter dem Namen Jesus bekannt werden.

Mit „Das neue Evangelium“ wird in Süditalien, am südlichen Rand der EU, wo sich Flüchtlinge aus Afrika als Erntearbeiter verdingen und durch Getreideimporte arbeitslos gewordene Kleinbauern ums Überleben kämpfen, das Wirken und Sterben des wohl einflussreichsten Religionsstifters der Weltgeschichte neu inszeniert. Wer sind die Vertriebenen, Ausgestoßenen, Beleidigten der heutigen Weltordnung? Was ist von der Heilsbotschaft Jesu in einer Zeit globaler Ausbeutung noch übrig? Und wie reagiert die offizielle Kirche auf den neuen Propheten – gespielt von dem ehemaligen kamerunischen Erntearbeiter und Aktivisten Yvan Sagnet – und seine Apostel? Hauptspielort ist der kleine Ort Matera mitten in der süditalienischen Basilicata, wo die prägenden und umstrittenen Jesus-Filme von Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson gedreht wurden.

Wie sich Jesus als „Menschenfänger“ seine Gruppe von Aposteln suchte, so beginnt der semidokumentarische Film mit einem großen Casting der Darsteller: Wer spielt Jesus Christus, wer die Apostel, wer Maria Magdalena? Im Zentrum stehen die Elenden Süditaliens, die gestrandeten Flüchtlinge aus Afrika ebenso wie die von den grossen Lebensmittelkonzernen ruinierten lokalen Kleinbauern. Während also die „Jüngerschaft“ stetig anwächst, wird gemeinsam das große Spektakel in Matera vorbereitet: Dort, in der filmhistorischen Kulisse, wird der afrikanische Jesus seine neue Bergpredigt halten, er wird erneut gefoltert, gekreuzigt und wird noch einmal auferstehen. All das unter den Augen tausender Kulturtouristen, die Matera als europäische Kulturhauptstadt 2019 aus aller Welt anlocken wird. Christlicher Mythos und touristische Realität Europas treffen aufeinander, in einem Mysterienspiel über Armut, Glauben und Würde.

Das Filmprojekt wird in Zusammenarbeit mit zahlreichen Flüchtlingsvereinigungen entwickelt, zentral ist dabei die Kooperation mit der Organisation CASA Sankara Assoziazione Ghetto Out: eine von afrikanischen Flüchtlingen selbstverwaltete Plantage im Süden Materas, inmitten der von der Mafia kontrollierten Grossplantagen und der von extremer Armut geprägten Flüchtlingslager.

Denn mit wie vielen Millionen Matera auch von der Kommission der EU für die Feiern zur „Kulturhauptstadt Europas“ hergerichtet werden mag: Man muss sich nur einige Kilometer vom touristischen Zentrum entfernen, um mitten in jenem Gebiet der EU anzukommen, in dem sich alle Widersprüche der neoliberalen Weltordnung konzentrieren. Ein auf eine halbe Million Menschen geschätztes Heer von afrikanischen Sklavenarbeitern vegetiert in den über die Landschaft verteilten Lagern und Ghettos dahin, nur um auf den Tomaten- oder Orangenplantagen für eine Handvoll Euro pro Tag ausgebeutet zu werden. Zusammen mit diesen Entrechteten unserer Zeit werden wir mit „Das Neue Evangelium“ gegen eine Welt revoltieren, die kein Mitleid mit den Armen, den Schutzlosen hat: ein Manifest der Solidarität, eine filmische Revolte für eine gerechtere, humanere Welt.

 

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Das Neue Evangelium wird im Herbst 2019 in Matera und Umgebung inszeniert und gedreht. Die Filmfassung wird 2020 in die europäischen Kinos kommen. Spenden sind sehr willkommen, sie kommen unter anderem direkt der CASA Sankara zugute zur Errichtung dauerhafter Unterkünfte und einer Krankenstation. Wer 100 Euro oder mehr spendet erhält bei Filmrelease eine Kinokarte oder eine DVD. Alle Spenden sind steuerlich absetzbar. Wenn Sie spenden wollen, wenden Sie sich bitte an die Brennstoff Redaktion (Menüpunkt „Kontakt“).

 

Artikelfoto: Milo Rau

 

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