Das große Natursterben schreitet wuchtig voran! | Neues zur ‚zweiten großen Herausforderung unserer Zivilisation‘

Das große Natursterben schreitet wuchtig voran!

Neueste Fakten zur „zweiten großen Herausforderung unserer Zivilisation“

Das große Natursterben, das stattfindet, benötigt viel mehr Aufmerksamkeit. Wie der Klimawandel bedroht auch es die Existenz der Menschheit auf absolute, finale Weise. Zum „Biodiversitätstag“ sind in Deutschland und Österreich zwei neue Studien und ein Perspektivenpapier erschienen, die zeigen, wie alarmierend stark das Natursterben schon vorangeschritten ist. Als Hauptverursacher des Massensterbens der Natur wird die konventionelle Landwirtschaft genannt, die jährlich weltweit 300 bis 400 Millionen Tonnen an Pestiziden und weiteren Agrarchemikalien ausbringt.

Ein Artikel von Andreas Wagner (Brennstoff)

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Das Ende der Natur, die „Biokalpyse“, steht unmittelbar bevor, schon in 30 Jahren wird die Erde eine tote Wüste sein. So schwarz und düster hat Michael Schrödl, Universitätsprofessor für Zoologie in München, vor zwei Jahren in einem Buch unsere Zukunft ausgemalt. Die Gründe für sein Schreckensszenario waren: der Klimawandel und das gewaltige Natursterben, das seit mehr als dreißig Jahren stattfindet, weltweit, aber auch hier bei uns in Mitteleuropa. (zu Michael Schrödl siehe unsere Artikel ganz unten)

„Eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht“

Das Massensterben der Natur – meist „Biodiversitätskrise“ oder „Artensterben“ genannt, doch scheinen diese Namen zu harmlos – gehört neben dem Klimawandel „zu den größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht“, sagen die Wissenschafter, die sich als Biologen und Ökologen damit intensiv befassen. Eines ist klar: Die Zerstörung der Natur, die sich (für unser Auge) fast unsichtbar vollzieht (die Rede ist von einer Auslöschung von bis zu 50 Prozent der biologischen Vielfalt), würde die Lebensgrundlagen des Menschen vernichten. Denn ohne Natur wird es keine Landwirtschaft mehr geben, die uns ernährt.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf, diesem systemischen Niedergang der Lebensgrundlagen der Erde entgegenzuwirken.“
Leopoldina (Hg.) »Globale Biodiversität in der Krise (2020)« (Langfassung)

Die Natur ist enorme evolutionäre Vielfalt und ein eng gewobenes Netz von Stufen, Kreisläufen und Wechselwirkungen. Mit dem Aussterben großer Teile der Natur werden die Nahrungs- und Austauschketten der Natur, wird die Natur schließlich dominohaft kollabieren. Werden (irreparabel) Lücken im Naturwachstum zu Tage treten und aufklaffen, die schließlich das menschliche Leben zerstören. Aber alle bislang getroffenen Maßnahmen zum „Schutz der Natur“, die die Politik schon veranlasste, haben sich in Summe als viel zu gering erwiesen. Auch in Europa, Deutschland und Österreich (trotz vieler schöner Bilder und Slogans bezahlter Werbung, die uns ungetrübte Idyllen vorgaukeln).

Unsere Felder sind tote grüne Wüsten

Hauptursache des Massensterbens der Natur ist die Landnutzung, insbesondere durch die konventionelle Landwirtschaft. Diese wird auch „industrielle“ oder „intensive“ Landwirtschaft genannt, da sie (im Unterschied zu den Varianten der Biolandwirtschaft) auf Maximierung der Flächen­nutzung, permanente Ertrags­steigerung, auf Monokulturen, auf Entwässerung, auf giftige Chemie in rauen Mengen (die sog. Pestizide, d.h. Herbizide, Insektizide und Fungizide) und (chemische) Düngung als ausgleichende, scheinbar endlos mögliche Wachstums­spritze setzt. Die Felder auf dem Land, die unser Auge wahrnimmt, sind grün. Aber in Wahrheit enthalten sie (aufgrund der gängigen Praxis der Dauerbehandlung mit Pestiziden in der konventionellen Landwirtschaft) kaum noch Natur und Leben. Es sind nur noch tote grüne Wüsten. (Wie auch jeder weiß, der damit zu tun hat und sich damit beschäftigt.)

Konventionelle Landwirtschaft als Hauptursacher

Am 22. Mai war „internationaler Tag der biologischen Vielfalt“. Zwei Berichte zum (globalen und zum nationalen) Natursterben ließen in Deutschland aufhorchen; in Österreich ein „Perspektivenpapier“ des „Biodiversitätsrats“.

„Für etwa 80 Prozent der Abnahme der globalen Biodiversität werden der Landnut­zungswandel und die intensive agrarische Nutzung verantwortlich gemacht“, fasst der eine, der Bericht der „Nationalen Akademie der Wissenschaften“ Deutschlands (Leopoldina) zur „Globalen Biodiversitätskrise“, die Ursachenfrage zusammen.

„In der Zusammenschau wird deutlich, dass viele Treiber [des Natursterbens] auf die Art und Intensität der Landnutzung, insbesondere auf eine intensive Landwirtschaft, zurückzuführen sind“, stellt der zweite (der Bericht „Zur Lage der Natur“ des deutschen „Bundesamts für Naturschutz“) zur Ursacherfrage fest.

Die Ursacherfrage ist insoferne von großer Wichtigkeit, als sie uns zeigt, wo für wirksame Gegenmaßnahmen angesetzt werden muss oder am besten angesetzt werden kann. Sie ermöglicht uns (sachlich gestellt und ausgeführt) überhaupt erst, eine Problemlösung zu finden, da wir andernfalls blind ins selbstverschuldete Unglück laufen.

Globale Dimensionen des großen Natursterbens: Einige Zahlen

Wir blicken zunächst kurz auf einige globale und kontinentale Schlüsselzahlen zum Natursterben aus dem Bericht der „Leopoldina“, bevor wir die Einwirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf die Natur detaillierter betrachten. Dass Klimawandel und Artensterben einander beschleunigen, ist in den Prognosen berücksichtigt.

Vogelsterben: Der Rückgang der Vogelbestände in den Agrar- und Gras­land­schaften Europas und Nordamerikas, so der Bericht der „Leopoldina“, liegt seit 1970 bei 30 – 45 % (teils sogar 90 %). Insektensterben: Die Insekten (wichtig als Bestäuber, Nahrung der Vögel u.v.m.) sind in Europa und Deutschland in den letzten Jahrzehnten um 40 – 80 % in der Biomasse und um 30 – 40 % in der Artenzahl geschwunden, weltweit im Schnitt um 9 % pro Jahr­zehnt seit mindestens 1985.

Dezimierung der Wildsäugetiere: Seit 1900 ist die Zahl der Wildsäugetiere weltweit um 82 % zurückgegangen. Artensterben ingesamt: In den nächsten Jahrzenten ist mit dem Aussterben von rund 1 Mio. Tier- und Pflanzenarten zu rechnen (1,9 Mio. Arten sind derzeit „bekannt“ bzw. „erfasst“ und „beschrieben“). Meeresfischesterben: Zwei Drittel aller Fischpopulationen der Weltmeere gelten als gefährdet (im starken Bestandsrückgang oder vom Aussterben bedroht). Korallensterben: Ein Drittel aller riffbildenden Korallen sind gefährdet. Meeressäugetiere (u.a. Wale und Delphine): Ein Drittel gefährdet.

Naturräume bzw. Ökosysteme: Weltweit gelten bereits drei Viertel der Land- und Süßwasserökosysteme sowie zwei Drittel der Meeresökosysteme als „erheblich beeinträchtigt oder zerstört“. Die globalen Waldverluste durch Abholzung liegen inzwischen bei 40 Prozent; weitere 40 Prozent der globalen Waldflächen gelten (durch Holznutzung und Brand) als „degradiert“ (d.h. als biologisch  „verarmt“).

Die konventionelle Landwirtschaft als Naturzerstörer

Rund 80 Prozent des Natursterbens gehen auf Landnutzungswandel und die konventionelle Landwirtschaft zurück, bringen die zwölf Wissenschafter der „Leopoldina“ (wie schon zitiert) die Frage der Hauptursache klar auf den Punkt. Verständlicher und deutlicher wird dies in der Analyse der Einzelfaktoren in ihrem Bericht:

Demnach sind 80 % der globalen Entwaldung auf Umwandlung in Agrarflächen zurückzuführen. Demnach kommen 85 – 90 % aller „schädlichen Einträge von reaktiven Stickstoffverbindungen und Phosphaten als Düngemittel“ in Böden, Grundwasser, Flüsse, Seen und Meere aus der Landwirtschaft. Demnach sind durch die Überdüngung in der Landwirtschaft (aufgrund von Abschwemmung in Flüsse und Meere) bereits mehr als 400 „Todeszonen“ in den Weltmeeren entstanden, in denen es nahezu kein Leben mehr gibt (mit einer Gesamtfläche von über 245.000 Quadratkilometern).

Jährlich 300 – 400 Mio. Tonnen an Pestiziden und Agrarchemikalien

Demnach werden durch die konventionelle Landwirtschaft weltweit jährlich „300 bis 400 Millionen Tonnen an Pestiziden, weiteren Agrarchemikalien und sonstigen bioaktiven Chemikalien in die Umwelt eingebracht“. Dies hat „gravierende Störungen der globalen natürlichen biogeochemischen Kreisläufe herbeigeführt“.

Demnach werden weltweit 70 % des globalen Süßwassers (aus Grundwasser, Flüssen, Seen) für die Agrarbewässerung genutzt und verbraucht. Demnach übersteigen die durch die Landwirtschaft verursachten weltweiten Bodenverluste (durch Erosion, Versal­zung und Austrocknung) das 20 bis 100-fache der Neu­bildung von Boden. Demnach entstehen, so der Leopoldina-Bericht weiters, 23 % der globalen Emissionen von klimaschädlichen Treibhausgasen „durch Land­nut­zungswandel und die landwirtschaftliche Produktion (einschl. Dünge­mittel­produktion und Treibstoffverbrauch)“.

Das Fazit des „Biodiversitätsberichts“ der „Leopoldina“ ist daher ungeschminkt eindeutig: Eine tiefgreifende Änderung der Praxis der Landwirtschaft ist absolut notwendig, d.h. eine weitreichende Ökologisierung der Landwirtschaft ist absolut unverzichtbar. „Eine wirksame Ursachenbekämpfung der Biodiversitätskrise erfordert deshalb tief­greifende Änderungen in der derzeitigen Praxis der intensiven Agrarproduktion“, so der Wortlaut der Studie.

Deutschland: 69 % der Naturräume in „ungünstigem“ Zustand

Der zweite Bericht, der aufhorchen ließ, war der Bericht „Zur Lage der Natur“, den das deutsche „Bundesamt für Naturschutz“ (BfN) veröffentlichte (der sog. „FFH-Bericht“ nach einheitlichen EU-Kriterien).

Diesem Bericht zufolge sind in Deutschland nur noch 30 % der Naturräume (Lebensraumtypen) ökologisch intakt, hingegen 69 % der Naturräume in einem ökologisch „ungünstigen Erhaltungszustand“ (32 % in einem „ungünstig-unzureichenden“ und 37 % sogar in einem „ungünstig-schlechten“ Zustand).

Ganz ähnlich die Lage bei den Tier- und Pflanzenarten: Fast zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten (63 %) sind in Deutschland demnach in einem „ungünstigen Erhaltungszustand“, ein Drittel (33 %) sogar in einem „ungünstig-schlechten“, d.h. „roten“ Erhaltungs­zustand.

Fast 50 % der Höheren Pflanzen und 45 % der Insekten „stark bedroht“

Bei den Insektenarten (Libellen, Käfer, Schmetterlinge) befinden sich 70 % in einem „ungünstigen Erhaltungszustand“ (45 % im „roten“ Erhaltungszustand), bei den Reptilien über 80 % (20 % im „roten“), bei den Amphibien über 80 % (40 % im „roten“), bei den Käfern über 65 % (über 50 % im „roten“), bei den Fischen über 65 % (über 40 % im „roten“), bei den Moosen über 50 % (über 25 % im „roten“) und bei den Höheren Pflanzen über 80 % !! (sowie fast 50 % !! in einem „roten“, „ungünstig-schlechten“ Zustand).

Bei den Brutvögelarten gab es in den letzten 12 Jahren in Deutschland einen Bestandsrückgang um rund ein Drittel (33 %); und damit „deutlich mehr als in den letzten 36 Jahren“, was „ein deutliches Zeichen dafür ist, dass der Druck auf die Vogelbestände zugenommen hat“. Davon betroffen sind „insbesondere Arten des landwirtschaftlich genutzten Offenlandes“, d.h. die Feld- und Wiesenvögel (von den Biologen mitunter auch als „Agrarvögel“ bezeichnet, da sie in Feldern und Wiesen, d.h. primär in agrarischen Nutzflächen, leben, brüten, Nahrung suchen).

Wichtigster Treiber der Prozesse: die intensive Landwirtschaft

„In der Zusammenschau wird deutlich“, so der Bericht des „Bundesamtes für Naturschutz“ (BfN) für Deutschland abschließend, „dass viele Treiber [der Naturzerstörung; d. Red.] auf die Art und Intensität der Landnutzung, insbesondere auf eine intensive Landwirtschaft, zurückzuführen sind.“ Auch diese Studie kommt also zum selben Urteil: Das Natursterben ist vor allem auf die konventionelle (industrielle, intensive) Landwirtschaft zurückzuführen. Der einzig mögliche Ausweg, der gesehen wird, ist auch hier wieder: die tiefgreifende Ökologisierung der Landwirtschaft (letztlich nach dem Vorbild der Biolandwirtschaft).

Österreich: „Klimawandel und Biodiversitätsverlust: größte Bedrohung unserer Lebensgrundlagen“

In Österreich hat sich anlässlich des „internationalen Tags der Biodiversität“ am 22. Mai der „Biodiversitätsrat“ mit einem „Perspektivenpapier“ zu Wort gemeldet, worin er allgemein von einem „ungebremst sich verschlechternden Zustand der biologischen Vielfalt“ in Österreich spricht. „Die sich weiterhin zuspitzende Umweltkrise aus Biodiversitätsverlust und Klimawandel wird sich auf längere Sicht zur größten Bedrohung unserer Lebensgrundlagen auswachsen“, wird darin unmissverständlich festgestellt.

Da Österreich bei der Erfassung seiner Biodiversität unrühmlich hinterherhinkt, kann nur auf alte Daten zurückgegriffen werden. So heißt es im „6. Österr. Biodiversitätsbericht“ (CBD) aus dem Jahr 2018 (auf der Grundlage älterer Daten, zum Teil nur aus den 1990er Jahren), dass in Österreich schätzungsweise 27 % der Säugetiere, 31 % der Brutvögel, 60 % der Amphibien, 64 % der Reptilien und 46 % der einheimischen Fischarten gefährdet sind; sowie 40 % aller Farn- und Blüten­pflanzen und ca. 57 % aller Biotoptypen. Schon diese Zahlen machen deutlich, dass das große Natursterben auch in Österreich (trotz wunderschön anzusehender Naturlandschaften) bereits voll im Gang ist.

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