„Das Fieber“ | Ein Film von Katharina Weingartner | Vorführung im Filmclub Schrems in Anwesenheit der Regisseurin

Das Fieber zeigt den Kampf gegen Malaria in Ostafrika als Fallstudie kolonialer Unterwerfung, Profitgier und mutiger Selbstbestimmung.

Am Donnerstag, 8. Oktober, 19 Uhr, zeigt der Filmclub Schrems die Dokumentation DAS FIEBER.
Anschließend an die Abendvorstellung ist die Regisseurin zum Filmgespräch zu Gast bei uns in Schrems!

Malaria hat mehr Menschen getötet, als alle Krankheiten und Kriege dieser Erde zusammen. Nun brachte Covid-19 die Welt zum Stillstand, aber der Malaria-Parasit wütet unbeachtet weiter: Als Folge des globalen Lockdowns wird er südlich der Sahara dieses Jahr eine Million Menschen töten – doppelt so viele wie sonst Jahr für Jahr. Black Lives Don’t Matter?

Was wäre, wenn eine Heilpflanze den ältesten Parasiten der Menschheit besänftigen und tausende Menschenleben retten könnte? Tag für Tag?
Der Widerstand ist bezeichnend: Pharmakonzerne fürchten um ihre Profite. Großspender wie die Gates Stiftung propagieren kommerzielle High-Tech-Lösungen. Sie wollen koloniale Muster fortschreiben und sich am geplünderten Kontinent weiter bereichern. Nicht einmal die Malaria-Expert*innen der WHO – von weißen Philantropen und deren Marktstrategien längst entmachtet – setzen sich für lokale Lösungen ein.

Das Fieber verweigert den ewig gleichen Blick auf afrikanisches „Leid“. Der Film folgt drei ostafrikanischen Protagonist*innen, die auf Selbstbestimmung insistieren. Ihre Arbeit an lokalen Lösungen könnte Millionen Menschenleben retten – vor Malaria und vielleicht vor anderen globalen Pandemien.

 

Über den Film

Text von Bert Rebahndl

Ein totes Kind pro Minute – das ist, auf eine zugespitzte Formel gebracht, der Preis, den die Infektionskrankheit Malaria immer noch in Afrika hat. Dem Parasiten Plasmodium falciparum, der durch Mücken übertragen wird, fallen vor allem Kinder zum Opfer, während sich eine globale Industrie darum bemüht, diese Epidemie in den Griff zu bekommen.

Katharina Weingartner begibt sich mit ihrem Film The Fever  in eine Gegend, die sie als „Ground Zero“ der Malaria bezeichnet: in die Länder um den Viktoriasee im östlichen Zentralafrika. In Uganda und Kenia findet sie Menschen, die mit lokalen Strategien gegen die Malaria vorgehen. Die Pflanze Artemisia annua zum Beispiel enthält Wirkstoffe, die – als Tee verabreicht – das Immunsystem in die Lage versetzen, mit einer Infektion fertig zu werden.

Die Aktivistin Rehema Namyalo hat es sich zur Aufgabe gemacht, der traditionellen Kräutermedizin wieder stärkere Geltung zu verschaffen. Sie muss dabei gegen Vorurteile kämpfen, die vielfach erst mit der Kolonialherrschaft in Afrika auftauchten: Kräuterfrauen galten den christlichen Missionaren als Hexen. Aber auch die eigenen Regierungen machen es der Bevölkerung nicht leicht: Rehema durchschaut, dass die Behörden in Kampala und Nairobi eher mit den globalen Pharmakonzernen im Bunde stehen, als mit der Bevölkerung.

In The Fever  werden die weltweiten Zusammenhänge sichtbar, von denen das Schicksal so vieler armer Patienten abhängt: eine Pharmafirma wie Novartis in der Schweiz verteidigt ihre Märkte für das geläufigsten Malariamedikament; die Bill and Melinda Gates Foundation hat mit einem Konzern (Glaxo Smith Kline) einen Impfstoff entwickelt, der nicht funktioniert; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) steuert mit ihren Zulassungsprozeduren die Verteilung von Heilmitteln, und zwar meist im Interesse der westlichen Firmen. Die afrikanischen Regierungen folgen den Logiken der kommerziellen Expansion, die Gesundheit zu einem Produkt werden lässt. „There are all kinds of forces behind here“, so erscheint die Situation den Menschen vor Ort.

Katharina Weingartner schildert diese Zusammenhänge strikt aus der Perspektive der lokalen Bevölkerung. Obwohl sie selbst aus Europa stammt, und ihr Film eine Koproduktion dreier deutschsprachiger Länder ist, gelingt es ihr, vollkommen auf die geläufigen Muster zu verzichten: Sie gehört nicht zu dem großen Feld westlicher „Expertise“, für die Afrika ein Fall ist, der mit Hilfe der Rationalitäten, Technologien und Strategien „behandelt“ werden soll, in denen sich die kolonialen Machtverhältnisse von früher wiederholen und bestätigen.

Weingartner wechselt geradezu prinzipiell und solidarisch-feministisch die Seite. Sie begleitet neben Rehema Menschen wie den Wissenschaftler Richard Mukabana, der auf Reisfeldern in Kenia die (Feucht-)Bedingungen vorfindet, die für die Übertragung von Malaria ideal sind. Es waren die englischen Kolonialherren, die den Reisanbau nach Afrika brachten. An anderer Stelle ist es eine Zuckerrohrfirma, die Regenwald vernichtet und mit ihrer monokulturellen Produktionsweise der Verbreitung des Fiebers Vorschub leistet. Auch die wissenschaftliche Arbeit findet fast ausschließlich in den entwickelten Ländern statt: „Wir sind nur Zuträger“, klagt Richard Mukabana, der deutlich erkennen lässt, dass er es vorziehen würde, die Malaria lokal und nicht gleichsam über Afrika hinweg zu bekämpfen.

Dagegen aber stehen riesige Interessenskonstellationen: Moskitonetze werden in Tansania vom japanischen Chemiekonzern erzeugt, das zerstört den lokalen Markt und bewirkt Insektizid-Resistenzen der Moskitos. Einer der spannendsten Exkurse in The Fever  führt schließlich nach China. Dort trifft Katharina Weingartner eine Wissenschaftlerin, die schon 1972 das Artemisinin als wichtigsten Wirkstoff gegen Malaria ausgemacht hatte. Die WHO aber wollte das Medikament 30 Jahre lang nicht in die Liste der zugelassenen Malariamittel aufnehmen, obwohl es deutlich weniger anfällig für Resistenzen ist.

The Fever macht Station in Seattle, Basel und Beijing, die eigentliche Recherche aber findet in Afrika statt. Unter Frauen, die von zwölf Kindern sechs an das Fieber verloren haben; unter Grundschullehrern, die mit Kindern die Symptome durchgehen, an denen Malaria zu erkennen ist; in den Wald- und Buschlandschaften, in denen die heilsamen Pflanzen wachsen.

Der Pharmakologe Patrick Ogwang fasst schließlich zusammen: „Wenn wir Afrika von Malaria befreien, befreien wir Afrika von der Armut.“ Einen möglichen Weg zu dieser Befreiung – und zu einer Veränderung der westlichen Hilfspolitik – skizziert The Fever. Einen veränderten Blick auf die Geschichte Afrikas bekommt man noch dazu, denn Malaria ist keineswegs eine Naturgewalt, sondern ein Phänomen, das durch koloniale Veränderungen „natürlich gemacht“ wurde. Immerhin gibt es nun auch Hoffnungen, sie auf natürlichem Weg zu bekämpfen.

Making Of Still © Jana Fitzner, pooldoks

INTERVIEW

mit Katharina Weingartner

Wie bist du auf den Themenkomplex von Das Fieber gestoßen?

Als Malariaprophylaxe habe ich Artemisia annua schon 2005 beim Drehen in Ghana verwendet. Und bei einer Reise nach Saigon fand ich in einem Reiseführer eine Passage über das aus China stammende Heilkraut: Es sei der Grund dafür, dass Vietnam den Krieg gewonnen hätte. Wenn das stimmt, ist das ein Filmstoff, dachte ich mir. Und hatte keine Ahnung, wohin mich diese Spur führen würde.

Wie wurde die Sache dann konkreter?

Anfangs interessierten uns die Zusammenhänge zwischen Tropenmedizin, Militärmedizin und Eroberungskriegen: Wäre die Kolonialisierung Afrikas durch Weiße ohne dem aus Baumrinden gewonnenen Chinin überhaupt möglich gewesen? Die europäischen Soldaten, Missionare und Bauern starben in großer Zahl, während die lokalen Bewohner ab dem fünften Lebensjahr gegen Malaria immun waren. Der Parasit war also auch ein wichtiger Schutz gegen Eindringlinge. Doch dann entschieden wir uns, eine Doku über das Sterben von Millionen Menschen, Jahr für Jahr, zu machen – und die Profiteure. Die Situation ist zu dramatisch für einen historischen Film.

Du bist auch auf eine regelrechte Geopolitik der Malaria gestoßen.

Mao und die Amerikaner lagen mit der Malariaforschung in einem jahrzehntelangen Wettrüsten. Ho-Chi Minh fragte Mao zur Unterstützung im Vietnamkrieg nicht nach Waffen, sondern nach Malariamedikamenten. Im Auftrag Maos extrahierte die spätere Nobelpreisträgerin Tu Youyou und ihr Team 1972 den Wirkstoff Artemisinin aus Artemisia annua. Es ist bis heute das effektivste Mittel gegen Malaria. Doch der Westen wollte das Geschäft nicht China überlassen. Zu diesem Zeitpunkt wusste man schon um die Resistenzen von Chloroquin, dem damals verbreitetsten Medikament, und dass eine riesige Epidemie in Afrika bevorstand. Bis 2000 starben südlich der Sahara viele, viele Millionen Menschen, niemand kann die Zahlen abschätzen.

Im Film geht es zentral immer wieder um Artemisia als pflanzliche Alternative. Was ist das Besondere daran?

Artemisia ist ein weltweit verwendetes Heilkraut, das in China immer schon vielseitig eingesetzt wurde. Es gibt in ganz Afrika ein eng verwandtes Malariamittel, Artemisia afra. Es wächst im Grunde an jedem noch so kargen Ort. Wie die Kräuter-expertin Rehema Namyalo im Film sehr eloquent erläutert, ist Artemisinin nur einer von 240 Wirkstoffen in Artemisia annua. Die Parasiten, die den Kontakt mit der Substanz überleben, werden resistent, weil sie nur diesem einen Wirkstoff ausgesetzt sind. In den Artemisinin-Kombinationspräparaten wie Coartem, sind es zwei. Das ist für den Malariaparasiten ein Kinderspiel. Der Hersteller Novartis weiß ganz genau um diese Problematik und streitet sie ab. Die WHO behauptet, es gäbe in Afrika noch keine Resistenzen und wenn, dann würde der Artemisia Tee diese hervorrufen. Das ist wissenschaftlich nicht nachweisbar und nach unseren Recherchen und Interviews ein kompletter Blödsinn. Es wird in naher Zukunft eine medizinische Katastrophe geben, denn es gibt noch immer kein anderes Medikament.

Ein weiteres Problem scheint auch das Grundmuster der westlichen Afrika-(Hilfs-)Politik zu sein: Sie ist zu technokratisch.

Das größte Verhängnis technokratisch agierender Institutionen wie der Gates Stiftung ist, dass einerseits die medizinische Grundversorgung ignoriert wird und andrerseits die Forschung nur im Westen stattfindet. Afrikanische Forscher*innen dürfen das Material beisteuern. “We are nothing but field workers, porters. It’s a form of neo-colonialism”, meint unser Protagonist Dr. Richard Mukabana, Professor für Biologie an der Universität Nairobi.

Warum stand Bill Gates und die Gates Stiftung lange in Eurem Fokus?

Lange wollten wir mit Bill Gates ein Interview machen. Er und sein Philanthro-kapitalismus sind die heimlichen Herrscher der Malariawelt. Als größter privater Spender der WHO bestimmt er inzwischen die globale Gesundheitspolitik – das sind anti-demokratische Zustände. 2008 hatte die Gates Stiftung in einer Pressekonferenz vollmundig angekündigt, dass es 2015 keine Malaria mehr geben würde. Die Forschung hat laut gelacht. Inzwischen lacht keiner mehr, denn an Gates kommt niemand vorbei, es ist wie zu Zeiten der Feudalherrschaft. Irgendwann haben wir realisiert, dass uns diese großen Sprüche eigentlich nicht interessieren, die Medien sind voll davon. Wir wollten die Menschen zu Wort kommen lassen, die tatsächlich mit Malaria leben, die dagegen kämpfen, die aber niemand hört und sieht. Sie sollten ihre Geschichte selbst formulieren. Die robotisierten Glaspalastwelten, die von ihrem Leid und ihren toten Kindern mitfinanziert werden, wollten wir nur stumm abfilmen. Der Novartis Campus in Basel war so wie die Gates Stiftung in Seattle wie gemacht, um diese Widersprüche zu zeigen.

Wie kam es dazu, dass ihr euch schlussendlich gegen eine westliche Erzählperspektive entschieden habt, wie sie von euren deutschen und Schweizer Ko-Produzent*innen und den TV-Redaktionen eingefordert wurde?

In den meisten Dokumentarfilmen werden die immergleichen postkolonialen Muster reproduziert und Afrika nur zur Bebilderung von „Leid“ und Abenteuer benutzt. Bei einem Themenkomplex wie Malaria war die Versuchung gegeben, sich auf die skandalösen globalen Verstrickungen zu konzentrieren. Damit wären die Sehgewohnheiten des globalen Nordens bedient, aber die von Malaria betroffenen Menschen müssten abermals als Opfer und Statist*innen herhalten. Es ist absurd, dass bei einer Krankheit, bei der 90% der Fälle in Afrika südlich der Sahara auftreten, über 90% der Forschungsgelder dafür in Nordamerika und Europa bleiben. Die Betroffenen werden mundtot gemacht und ihnen die Mittel zur Selbsthilfe verwehrt. Uns war es wichtig unsere Protagonist*innen als selbstbewusste Akteur*innen zu portraitieren, die den Kampf gegen die Krankheit sehr wohl selbst führen können und wollen.

TERMINE

Sonderveranstaltungen in Anwesenheit der Regisseurin
7.10. Kino im Kesselhaus, Krems
8.10. Filmclub Schrems
26.11. Filmforum Bregenz
27.11. Spielboden Dornbirn

Termine in österreichischen Kinos
Stadtkino Wien | KIZ Royalkino, Graz | Volkskino Klagenfurt | Leokino, Innsbruck | City Kino Steyr | Village Cinema, Wien | Cinema Paradiso, St. Pölten | Moviemento, Linz | Kino Freistadt | 9.10. Kino im Kesselhaus, Krems | 5.12. Spielboden Dornbirn

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