Das dünne Seil und der Elefant | Eine Geschichte von Bettina Balàka

Das dünne Seil und der Elefant

Bettina Balaka

» Eines Abends kam zu einer einsamen Gastwirtschaft ein Mann, der auf seinem Elefanten einherritt. Das Staunen war groß, denn man hatte ein solches Tier noch nie gesehen. Man hatte auch Angst vor dem fremdartigen Ungeheuer, das mit seiner schlangenförmigen Nase den Gästen in die Taschen fuhr, um Brot daraus zu stehlen.

Der Elefant passte natürlich nicht in den Pferdestall. Also gut, sagte der Wirt, Ihr könnt ihn im Hof stehen lassen, aber um Himmels willen bindet ihn gut an. Der Fremde nahm ein dünnes Seil, band das eine Ende um einen Fuß des Elefanten und das andere um einen schmalen Pfosten.

Ihr seid verrückt, sagte der Wirt, Euer Elefant bräuchte ja nur mit einem Zehntel seiner Kraft an diesem Seil zu ziehen und hätte sich befreit.

Mit einem Zehntausendstel seiner Kraft, sagte der Fremde, aber er wird es nicht tun, denn er weiß nicht, dass er es könnte.

Wollt Ihr damit sagen, es genügt, ihn zum Schein anzubinden?, fragte der Wirt ungläubig.

Vertraut mir, antwortete der Fremde, ich besitze diesen Elefanten schon seit vielen Jahren und habe den Umgang mit ihm gelernt. Er könnte mich auf der Stelle töten, doch er weiß nicht, dass er es kann, und darum tut er es nicht.“

„Der arme Elefant“, sagte Berta.
„Der arme Elefant?“, fragte Johann Karl.

„Ja“, sagte sie, „er ist unfrei und könnte aber frei sein.“ „Nein, frei sein könnte er nicht, denn wenn er sich losrisse, würde man ihn erschießen.“

Es stellte sich heraus, dass Johann Karl dieser Geschichte eine ganz besondere Bedeutung zuschrieb. Der Elefant symbolisierte für ihn das Volk, die Massen, die unteren Klassen.

„Das Volk wird nur mit einem dünnen Seil gehalten?“, fragte Berta. „Das Volk ist stärker, als es wissen darf“, erwiderte Johann Karl. „Sobald es sich seiner Kraft bewusst wäre, würde es sich losreißen und über alles hinweg trampeln. Natürlich würde man sehr schnell wieder die Gewehre herausholen und damit die Sache regeln, aber es ist besser vorzubeugen. Das Volk muss auch vor einem dünnen Seil Respekt haben und stillhalten, als wären es Ketten. So führt man elegant ein großes Tier.“ «

*****

(aus Bettina Balàkas neuestem Roman „Die Tauben von Berlin“)

 

Artikelbild: Buchcover © Deuticke Verlag

 

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