BONUS: Pancharisma – Ausbruch der Begeisterung

Dass viele Krankheiten von Körper, Geist und Seele ansteckend sind, wissen alle. Vom „epidemischen“ Potential des Schönen, Wahren, Guten weiß und spricht kaum jemand. Und doch wurden immer wieder ganze Epochen von der plötzlichen, unkontrollierbaren Eruption unterdrückter Ideale geprägt. Zahllose Regionen mit ganz unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Traditionen wurden mit einem Schlag vom unstillbaren Drang zum Besseren ergriffen. Ein Geschenk von allen an alle. Pancharisma.

Virtuell verbunden – real vereinzelt. Die soziale Atomisierung kam in Schüben. Zuerst als Verlockung. Die (a)sozialen Netzwerke versprachen grenzenloses Miteinander. Man verschanzte sich zuhause hinter dem Bildschirm und wähnte sich zugleich überall auf der Erde; sammelte unzählige „friends“, ohne ihnen je zu begegnen. In Wahrheit war es der Auftakt zu einem kollektiven Autismus ohne Beispiel. Durch die Aufrüstung des Handys zum komprimierten PC hatten schließlich alle ihre digitale Einzelzelle immer griffbereit bei sich. Paradoxe „Zusammenkünfte“ wurden alltäglich: Gruppen, die (gem)einsame Abwesenheit per Smartphon zelebrieren. Mit der Pandemie wurde die elektronische Sozialprothese quasi zum Überlebensinstrument. „Treffen Sie niemand!“ „Abstand halten!“ „Wenn möglich Homeoffice!“ „Freiwillige Selbstisolation!“ Über zwei Jahre Einübung von Kontaktvermeidung sind nicht so schnell wieder zu verlernen. Wir alle sind Opfer der informatischen Infektion. Schon Le Bon hat Ähnliches in seinem Hauptwerk „Die Psychologie der Massen“ als „affektive Ansteckung“ beschrieben. Und Elias Canetti sagt in Masse und Macht: „Sie wollen ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen!“

Eine Massenpsychologie der Vereinzelten ist noch nicht geschrieben. Aber wir alle sehen, dass die „virtuelle“ Gleichrichtung ebensolche Folgen zeitigt, wie  die frühere Organisation physischer Massen; dass digitale Ansteckung viel schneller und folgenschwerer verläuft: Orwell‘sches Newspeech mit einigen wenigen (Tot-)Schlagwörtern: Narrativ, Diskurs, Frame, Aluhut, Verschwörungstheoretiker, Rote Linie, Versteher, Leugner, Wertegemeinschaft…virtuelle Lynchjustiz, genannt „Shitstorm“; das „Querdenken“, bis vor drei Jahren noch eine kognitive Tugend, an Unis in Kursen gelehrt, ist zum ultimativen Schimpfwort geworden…

Was wir dringend benötigen: die gegenteilige Ansteckung mit empathischem Individualismus.

Gandhis Vorbild.  Ein Mann wurde Kaiser* von Großindien. Er kam, sah – und bereute! Ashokas Riesenheer hat gerade den letzten weißen Flecken seiner mentalen Landkarte mit Blut eingefärbt. Kalinga ist gefallen. Hunderttausende Leichen säumen die eroberte Hauptstadt Toshali. Und nun ereignet sich ein Wunder: Ashoka taumelt über das Schlachtfeld. Die Legende sagt, dass ihn eine junge Mutter anspricht: „Großer Herrscher, so viele Leben konntest du nehmen, bist du fähig einem Wesen das Leben zu geben, dem toten Kind in meinen Armen?“ Geschichtlich gesichert ist: Der Kaiser erlebte eine seelische Implosion. Seine Stelen – antike Litfaßsäulen – verkünden bis heute: „Ich bin tief betroffen von dem, was ich Kalinga angetan habe. Von nun an ist Krieg im ganzen Reich geächtet.“ Er schließt sich dem Buddhismus an, propagiert aber auch weltanschauliche Toleranz: „Wer andere Religionen abwertet, erniedrigt auch die eigene.“ „Die schönste Pflicht ist, soweit menschenmöglich, alle Wesen glücklich zu machen.“ Es bleibt aber nicht bei Worten. Spitäler, Altenheime, sogar Tierschutzhäuser werden überall in Großindien errichtet. Strassen mit tausenden Kilometern von Baumalleen ausgerollt. Eine Landreform ermöglicht den Kleinbauern Wohlstand. Der Hunger stirbt aus. Leider dauert die Wiedergeburt nur eine Generation. Erst in Mohandas Gandhi wird der Funke wieder Feuer. Der Mahatma nimmt sogar Ashokas buddhistisches Rad in die indische Flagge auf. Ashokas Metanoia war „hochinfektiös“. Und das Gegenteil der affektiven Massenpsychosen der Neuzeit. Leider dauerte die Revolte der Güte nur drei Jahrzehnte.

Revolte der Schönheit und Wahrheit. Es ist mir nicht der Platz gegeben, hier von ähnlichen „Ausbrüchen“ des Wunderbaren zu berichten. Die Renaissance. Aufklärung. Romantik. Und die erstaunlichen drei Jahrzehnte, da Wien die Welthauptstadt des Geistes war. All dies waren geistige Massenansteckungen. Aber eben nicht Infektionen der Massen, vielmehr Ausbrüche des Geistes, der weht, wo er will. Der alte Massenwahn, auch in seiner digitalen Gestalt, hat zwei mächtige Gegenspieler: die kognitive&emotionale Empathie. Die spirituelle Ansteckung findet immer wieder statt. Sie unterscheidet sich von der ideologischen Ansteckung der Massen durch ihre Farbigkeit, Weite, Geisthaltigkeit. Die abendländische Psychologie behauptet: Hass, Gier und Irrsinn lauern am Grund der Menschenseele. Wehe, wenn sie losgelassen!

Nicht nur ich aber bin überzeugt: Was wir am tiefsten verdrängen ist das Wahre, Gute, Schöne! Und es durchbricht, frei nach Sigmund Freud, immer wieder die Barriere massenhafter Verdrängung. Die Diktatur der Vereinzelung hat ihre Zeit. Solange es lebendige Menschenwesen gibt, werden sie den lebendigen leibseelischen Kontakt suchen. „Digital“ heißt getrennt, wie ein Finger vom andern. Und doch sagt die Analogie: die Finger gehören einer Hand. Die massenhafte Vereinzelung scheint übermächtig. Vielleicht haben wir keine Chance. Nützen wir sie!

*Der indische Kaiser Ashoka, Abkömmling der Maurya Dynastie, lebte von ca. 269 bis 232 v. Chr.

 


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