Besser scheint’s, die Welt uns endlich häuslich einzurichten … | Bertolt Brecht

Besser scheint’s, die Welt
uns endlich häuslich einzurichten …

Aus den »Buckower Elegien« und zwei weitere späte Gedichte des Bertolt Brecht

Bertolt Brecht (1898-1956) schrieb seine »Buckower Elegien“ im Sommer 1953 in seinem Haus nahe Ost-Berlin, wenige Wochen nach dem Volksaufstand vom 17. Juni in der damaligen DDR, der vom kommunistischen DDR-Regime unter Walter Ulbricht und der Sowjetarmee gewaltsam niedergeschlagen wurde. Die Gedichte bringen – so das Urteil unter anderem von Hannah Arendt und Walter Muschg – Brechts tiefe und existenzielle Resignation angesichts des Scheiterns seiner politisch-ideologischen Lebenshaltung zum Ausdruck. Sie sind auch darum lesenswert.

 

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

 

Die Lösung

Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, dass das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobert werden könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

 

Große Zeit, vertan

Ich habe gewusst, dass Städte gebaut wurden
Ich bin nicht hingefahren.
Das gehört in die Statistik, dachte ich
Nicht in die Geschichte.

Was sind schon Städte, gebaut
ohne die Weisheit des Volkes?

 

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.

 

Einmal, wenn da Zeit sein wird

Einmal, wenn da Zeit sein wird
Werden wir die Gedanken aller Denker aller 
Zeiten bedenken
Alle Bilder aller Meister besehen
Alle Spaßmacher belachen
Alle Frauen hofieren
Alle Männer belehren.

 

Gegenlied

Soll das heißen, dass wir uns bescheiden
Und »so ist es und so bleibt es« sagen sollen?
Und, die Becher sehend, lieber Dürste leiden
Nach den leeren greifen sollen, nicht den vollen?

Soll das heißen, dass wir draußen bleiben
Ungeladen in der Kälte sitzen müssen
Weil da große Herrn geruhen, uns vorzuschreiben
Was da zukommt uns an Leiden und Genüssen?

Besser scheint’s uns doch, aufzubegehren
Und auf keine kleinste Freude zu verzichten
Und die Leidenstifter kräftig abzuwehren
Und die Welt uns endlich häuslich einzurichten!

 

*****

(Textauswahl & Redaktion: Andreas Wagner (Brennstoff)
aus: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band. Suhrkamp)

 

Artikelfoto: TT / istock-photo

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