Berührung eines Unerreichbaren – Kommentare

Kommentare zum Essay „Von der Berührung eines Unerreichbaren“

 

Zwiespältig

Ein Kommentar von Lara Mallien

Die Geschichte von Jake Swamps Rede hinterlässt bei mir ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits denke ich, dass es gar nicht genug solcher Ereignisse und Geschichten geben kann, um andere zu ermutigen, im richtigen Moment mutig aus dem Herzen zu sprechen. Andererseits befürchte ich, dass sie allzu schnell die Botschaft vermitteln könnte: Wenn es uns nur gelänge, die Herzen der Mächtigen überall in den Konzernen und Regierungen dieser Welt zu erreichen, dann würde alles gut! Das ist meiner Meinung nach ein Trugschluss.
Ich lebe mit einem Menschen zusammen, Johannes Heimrath, der die Begabung hat, scheinbar Unerreichbare zu erreichen. Dass sich dadurch Türen aufgetan haben, war für die Situation unserer Lebensgemeinschaft in vielen Fällen schicksalsbestimmend. Einer dieser Unerreichbaren war ein Staatssekretär für Landwirtschaft, der von einem Moment auf den anderen sein Politiker-Gehabe ablegte und persönlich berührt war, als Johannes ihm von Herbizid-Abdrift verblichene Pflanzen auf den Schreibtisch legte und ihn bat, zu schweigen, das Bild der Zerstörung anzuschauen und danach schlicht auszusprechen, was dieser Anblick in ihm bewegte. Dieser Mensch hat dann politisch den Weg dafür geöffnet, dass kleine Öko-Betriebe in unserer Region Land pachten konnten. Im Landwirtschaftsministerium ist heute ein viel wohlwollenderes Klima uns Kleinen gegenüber als vor diesem Ereignis. Die intransparenten Strukturen, nach denen die Bodenverwertungs- und -verwaltungs­gesellschaft so handelt, dass Ackerland fast nur an Großbetriebe verkauft wird, haben sich dadurch aber nicht geändert.
Die Geschichte zeigt beispielhaft, dass zwar ein Erreichen eines »Mächtigen« eine Situation zum Guten wenden kann, sich an den Machtstrukturen selbst aber nichts ändert. Deshalb kann so eine Erzählung dazu verführen, sich in der Sehnsucht nach charismatischen Friedensbringerinnen und -bringern bequem einzurichten und zu glauben, man müsse nur den guten Kern in allen Konzernmanagern und Politikerinnen erreichen. Nicht »gute« oder »böse« Einzelne sind das Problem, sondern ein unübersehbar komplexes Geflecht an Machtmechanismen.

 

Traurig geworden

Ein Kommentar von Andrea Vetter

Mich macht diese Geschichte, wenn ich sie lese, vor allem traurig. Ich denke daran, wie vor einigen Jahren unserem Kinderladen in Berlin die Räume gekündigt wurden – Eigentümer waren drei Jugendliche auf Sylt, die Teil eines Clans sind, denen unser halbes Stadtviertel gehört. Wir haben ihnen einen liebevollen Brief geschrieben, Zeichnungen unserer Kinder dazugelegt – und haben nicht einmal eine Antwort erhalten. Vielleicht waren wir auch nicht mutig genug – hätten wir in Sylt persönlich vor der Tür gestanden, hätte sich vielleicht etwas verändert. Aber ich merke, dass es mich wütend macht, um Gnade bitten zu müssen – einen Beamten im Ministerium, eine Firma, eine Hauseigentümerin. Warum ist es nicht unser Recht, in Sicherheit, gesund und friedlich zu leben? Warum bevorzugen die Gesetze Konzerne, Eigentümerinnen, Profit? In der Nacherzählung der Geschichte von Jake Swamp finde ich das besonders bitter – warum hängt die Gesundheit der Menschen in Akwesasne von der »Gnade« der Weißen ab? Wieviel »Indianer«-­Klischee steckt in der Form, in der die Geschichte von Warren Brush erzählt wird (siehe Oya Ausgabe 47, »Was ist wesentlich?«, den Beitrag von Sönke Bernhardi)?
Ich würde die Geschichte lieber als eine erzählen, in der Menschen für ihre Rechte kämpfen und gewinnen. Denn die Idee, wir könnten vor allem mit einem offenen Herzen die Zerstörungen beenden, die im Namen des Profits getätigt werden, scheint mir in die Irre zu führen. Mir scheint, dass wir offene Herzen sehr nötig haben, um Alternativen aufzubauen. Aber ich denke nicht, dass sie in den meisten Fällen etwas gegenüber einem Konzern ausrichten können. Ich glaube im Gegenteil, dass die Botschaft, die eine solche Geschichte vermittelt, die trügerische Hoffnung nährt, es könnte generell so etwas wie Einsicht oder eine Win-Win-Situation geben. Ich glaube, dass es genau diese trügerische Hoffnung ist, die tiefgreifenden Wandel – der auch konfron­tativ sein wird – blockiert.

Artikel dieser Ausgabe
EditorialHeini Staudinger

Ausgabe 53

2 Minuten

EssayJochen Schilk

Berührung eines Unerreichbaren

5 Minuten

EssayChristoph Ransmayr

Europa! Herz der Finsternis

14 Minuten

EssayHuhki Henri Quelcun

Raus aus der virtuellen Falle!

3 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen