Berühmtes Pamphlet: »Empört Euch!« von Stéphane Hessel | Widerstand leisten, heißt Neues schaffen

Bild oben: Stéphane Hessel in seinem Appartement in Paris im Feb. 2011
Agenturfoto: @ Joel Saget / dpa / picturedesk.com

Stéphane Hessels berühmtes
Pamphlet: »Empört Euch!« – Widerstand leisten, heißt Neues schaffen

Die „Gesellschaft des Geldes“ hat ihre alte Macht zurückgewonnen. Hessels politisches Pamphlet »Empört Euch!« neu gelesen.

von Andreas Wagner (Brennstoff)

In vierzig Sprachen übersetzt, mehr als zwei Millionen Mal allein in Frankreich verkauft – Stéphane Hessels kleines Pamphlet „Empört Euch!“ („Indignez-vous!“) fand größtes Interesse, als es 2010/2011 erschien. Es berührte und spiegelte ein breites Empfinden, dass Politik und Gesellschaft in unserer Zeit fundamental SCHIEF laufen. Die große Weltfinanz- und Bankenkrise 2007/2009 war gerade erst in ihren unmittelbarsten Auswirkungen überstanden.

Hessels berühmtes Büchlein ist jedoch prinzipieller zu lesen; nicht bloß als Kritik des Finanzkapitals und der Bankenkrise, wie viele Pressekommentatoren meinten. Allein schon die Schlusssätze Hessels in seinem Pamphlet enthüllen eine tiefere Bedeutung: »Neues schaffen, heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten, heißt Neues schaffen.« Diese zeichnet er aus als eine prinzipielle Erkenntnis und als sein gedankliches Vermächtnis an die „Frauen und Männer, die das 21. Jahrhundert gestalten“.

»Neues schaffen heißt
Widerstand leisten.
Widerstand leisten heißt
Neues schaffen.«
Stéphane Hessel

Das moralische Gewicht seiner Biografie

Stéphane Hessel ist 2013 in Paris verstorben. Was sein Pamphlet „Empört Euch!“ heraushob unter allen Schriften jener Krisenzeit, war sein moralisches Gewicht aufgrund seiner Biografie und aufgrund seiner klaren Intellektualität. Als gebürtiger Deutscher (1917, Berlin) war er 1924 mit seiner Familie nach Paris umgezogen. 1937 wurde er als Franzose eingebürgert. Als französischer Offizier gelang ihm 1940 die Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft über Marokko nach London. Ab 1942 wirkte er als Angehöriger der Résistance im besetzten Frankreich im Untergrund. 1944 verhaftet, von der Gestapo gefoltert, wurde Hessel ins deutsche KZ Buchenwald verschleppt, das er nur durch einen Zufall überlebte. Nach dem Krieg wirkte Hessel (wie er in „Empört Euch!“ selbst schreibt) an der Abfassung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ mit, die von der UNO 1948 verabschiedet wurde.

Die Macht des Geldes ist zurück

Hessel nimmt in seiner Streitschrift Maß am historischen Vermächtnis der Résistance, der vereinigten französischen nationalen Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland, der Hessel angehört hatte. Frankreich war 1940-1944 von Nazi-Deutschland besetzt.

„Das gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance ist heute in Frage gestellt“, schreibt Hessel in „Empört Euch“. Es ist eine zentrale Aussage. Und er benennt dies genauer: „1945, als das grauenhafte Drama beendet war, setzten die im Nationalen Widerstandsrat vereinigten Kräfte [der Résistance] eine Erneuerung ohnegleichen ins Werk.“ Diese „Erneuerung ohnegleichen“ war die neue Republik, die 1945 als „echte wirtschaftliche und soziale Demokratie“ errichtet wurde, um die „Macht des Geldes“ auszuschalten, den übermächtigen Einfluss der großen privaten Wirtschafts- und Finanzmächte auf alle Dinge der Gesellschaft (Staat, Presse, Universitäten, Schule usw.).

Hessels Schrift ist ein politisch-moralischer Aufschrei, der das selbstverschuldete Drama unserer Zeit exakt dort sieht: Die „Gesellschaft des Geldes“ hat ihre alte Macht zurückgewonnen. Was während letzter Jahre als politische Reformen ausgegeben wurde, war weder notwendig noch eine Erneuerung. Es war nur die Erosion, die Aushebelung der 1945 geschaffenen „sozialen und wirtschaftlichen Demokratie“ und die erneute Rückkehr der alten „Macht des Geldes“.

Geschichte wird durch Widerstand

GESCHICHTE WIRD ERST, wo wir uns ihrem Fortlauf widersetzen. So ließe sich die tiefere Bedeutung jener Schlusssätze zum Teil anders ausdrücken. Hessel denkt Geschichte ausdrücklich „teleologisch“ – als logisches und politisch-moralisches Erfordernis (und insoferne „Ziel“), die sozial-liberale und partizipative Demokratie allenorts und global (weiter) auszubauen und zu verwirklichen. Schrittweise. Er nennt darum positiv drei Philosophen, die für ihn (über die Zeit hinweg) von besonderer Bedeutung sind: Hegel, Benjamin und Sartre. Geschichte ist für Hessel ein langwieriger Lernprozess der Menschheit auf dem Weg zu universaler Demokratie. Jedoch kein zwangsläufiger. Reiner Fortschritt, der nur wirtschaftlich und technisch definiert ist, führt die Gesellschaft in ein Trümmerfeld.

»Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden.«
Stéphane Hessel

Widerstand als zivilgesellschaftliches Engagement

Hessels „Empört Euch!“ ist ein Aufruf zu zivilgesellschaftlichem, bürgerrechtlichem Engagement. Gewaltfreier Widerstand (M. Gandhi u. Martin Luther King nennt Hessel als Vorbilder) ist von uns als Bürgern zu leisten, wo immer menschliche Grundrechte und die Natur (Ökologie) gefährdet sind. „Die Welt ist groß, wir spüren die Interdependenzen, leben in Kreuz- und Querverbindungen wie noch nie. Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen. […] »Ohne mich« ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann.“

Wirtschaft, Wissenschaft, Technik – rasant in den Untergang

Drei große Menschheitsaufgaben sieht Hessel ungelöst drängend vor uns: Die globale Schere zwischen ganz arm und ganz reich; die Menschenrechte überall auf der Welt und der ökologische Zustand unseres Planeten.

Neben der Finanzwirtschaft hält Hessel auch Wissenschaft und Technik für die blinden Antriebskräfte unserer gegenwärtigen Entwicklung, für die Hauptursacher der großen globalen Krise, die nun immer krasser hervortritt. „Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen“, schreibt Hessel mahnend. „Wir müssen radikal mit dem Rausch des »Immer noch mehr« brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“

„Es ist höchste Zeit“, so Hessel gleich darauf weiter, „dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden. Denn uns drohen schwerste Gefahren, die dem Abenteuer Mensch auf einem für uns unbewohnbar werdenden Planeten ein Ende setzen könnten. […] Aber wir müssen hoffen, immerzu hoffen.“ ||

Autor des Artikels: Andreas Wagner (Brennstoff)

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Artikelbild: Stéphane Hessel in seinem Appartement in Paris, im Feb. 2011
@ Joel Saget / dpa / picturedesk.com

 

 

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