Australien brennt wie Zunder. Die düstere Zukunft des Klimawandels hat begonnen. Die Fakten

Bild oben: Australische Feuerwehrleute in New South Wales
im Kampf gegen die Waldbrände in der Silvesternacht 2019/2020
(aktuelles Agenturfoto: @ SAEED KHAN / AFP / picturedesk.com)

Australien brennt wie Zunder.
Die düstere Zukunft des Klimawandels hat begonnen. Die Fakten

Die meteorologischen Daten zeigen klar: Australiens gigantische Waldbrände waren die Folge des Klimawandels. Dabei ist Australien zweitgrößter Exporteur von Kohle auf dem Weltmarkt. Eine kritische Betrachtung der Fakten und Widerlegung populärer Irrtümer

von Andreas Wagner (Brennstoff)

„Are you in the line of fire?“, fragt die Website der „Fire and Emergency Services“ von Queensland im Nordosten Australiens die Besucher. Klickt man auf diesen Text, kann man seine Postleitzahl eingeben, um zu sehen, ob ein Waldbrand aufs eigene Haus vorrückt. Im Hintergrund erscheint eine Landkarte mit einem weiteren Button zum Anklicken: „Make your bushfire survival plan“ – „Machen Sie Ihren Buschfeuer-Überlebensplan“!

Fast ein Drittel der Fläche Deutschlands abgebrannt

Bislang sind den verheerenden Waldbränden im Südosten Australiens schon mehr als 107.000 Quadratkilometer anheimgefallen (laut jüngsten Angaben australischer Behörden). Das ist in der Größe ein Viertel mehr als die Gesamtfläche Österreichs; und beinahe ein Drittel der Fläche Deutschlands (so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen). Zwar ließ sich das Großfeuer im Wollemi-Nationalpark nahe Sydney, das alleine 5.000 Quadratkilometer (500.000 ha) zerstörte, unter Kontrolle bringen. Aber es loderten vor wenigen Tagen (am 11. Jänner) in den betroffenen Regionen immer noch mehr als 170 große und kleinere Brände.

Riesige Buschfeuer, die noch größer waren, hat es in Australien 1969/70 und 1974/75 und 2002 gegeben. Sie betrafen dünn besiedelte Savannengebiete. Einen weiteren Buschbrand mit erheblichem Ausmaß gab es davor nur im Jahr 1851, und der war nur halb so groß wie der jetzige bisher.

Erstmals war – und das ist neu – Australiens stark besiedelte Südostküste das Hauptgebiet gigantischer Busch- und Waldbrände; nämlich die küstennahen Regionen des Bundesstaats New South Wales, wo Sydney und Canberra liegen, bis hinauf nach Brisbane (Queensland) und hinunter nach Melbourne (Victoria).

Ursache der Waldbrände ist der Klimawandel – die Fakten

Es gibt objektive Fakten, nämlich meteorologische, die den Klimawandel als letzte Ursache der Brände deutlich machen:

Das Jahr 2019 war das heißeste und trockenste Jahr in Australien seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Durchschnittstemperatur lag im Vorjahr 2019 in Australien 1,52 Grad Celsius über dem langjährigen Mittelwert; so hoch wie noch nie. Dagegen betrug die Regenmenge nur 60 Prozent (gegenüber dem langen Jahresdurchschnitt). Und im Dezember 2019 waren die Niederschläge so gering wie überhaupt noch nie in dem Monat (seit Beginn der Wetteraufzeichnungen).

Normalerweise beginnen die Busch- und Waldbrände in Australien im Dezember, wo im Süden unserer Erdkugel, also auch in Australien, der Sommer beginnt. Diesmal, im Jahr 2019, startete die Buschbrand-Saison bereits im September, verstärkt bereits ab Oktober. Schon 2014 hatte der „Weltklimarat“ (IPCC) ein steigendes Brandrisiko aufgrund des Klimawandels auch für Australien prognostiziert.

Am 18. Dezember 2019 wurde mit +41,9 Grad Celsius die bislang höchste landesweite Durchschnittstemperatur aller Zeiten in Australien gemessen. Und im Südosten Australiens herrscht  seit drei Jahren überhaupt eine ungewöhnliche Trockenheit.

(Die zuvor genannten Zahlen und Fakten haben die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ und die „ORF.at News“ des österreichischen öffentlichen Rundfunks sehr gut vorrecherchiert und publiziert. Es sind die offiziellen Angaben der australischen meteorologischen Behörden.)

Australien: Ein düsterer Ausblick in die Zukunft des Klimawandels

Die unmittelbaren Auswirkungen sind schlimm. Geschätzte mehrere Millionen Tiere (Wild- und Nutztiere) sind in den letzten Wochen im Südosten Australiens verbrannt oder verendet; im am stärksten betroffenen Bundesstaat New South Wales allein (wo Sydney und Canberra liegen) wurden bislang mehr als 2.600 Häuser zerstört; und 26 Menschen kamen bisher ums Leben; unter ihnen vier Feuerwehrmänner. (Wie viele fruchttragende Ackerflächen zerstört wurden, ist noch nicht bekannt.)

Aber die Sache ist prinzipieller. Auf erschreckende Weise geben uns die Waldbrände in Australien einen Ausblick darauf, welche fatalen, groß dimensionierten Auswirkungen die steigende Erderwärmung  haben wird. Was wir bisher an Folgen des Klimawandels weltweit sahen, war nur ein kleines Vorgeplänkel. Mit Australien hat jetzt die düstere Zukunft des Klimawandels (mit seinen gigantischen Dimensionen) erst wirklich begonnen.

Was uns Australien zeigt: Schon relativ kleine Anstiege der langjährigen Durchschnittstemperatur, anhaltend über wenige Jahre, werden genügen, um ganz normale Wälder (wie die auch bei uns) in leicht entzündbaren Zunder zu verwandeln. Der von uns Menschen durch fossile Brennstoffe in Gang gesetzte Klimawandel wird alsbald in vielen Weltregionen zur Häufung riesiger Waldbrände führen, die von den Feuerwehren technisch kaum noch beherrscht werden können.

Früher oder später wird dies auch Mitteleuropa mit aller Schwere treffen. (Die ersten deutlichen Anzeichen gab es ja schon in den letzten beiden Jahren.) Mit dem Abbrennen großer Wälder und langer Dürre und Trockenheit wird auch der Wasserhaushalt unserer Böden, unser Trink-, Brunnen-, Quell- und Grundwasser, werden letztlich unsere ganze Landwirtschaft und Ernährung gefährdet sein. Hans Joachim Schellnhuber, dieser hervorragende deutsche Klimaforscher, hat den Klimawandel daher wohl ganz zu Recht als „Selbstverbrennung“ der Menschheit bezeichnet (so auch der Titel seines größten Buches).

Wie real die Gefahr ist

Unsere Medien sprechen bislang in Hinsicht auf die Folgen des Klimawandels nur wie von kleinen, lästigen, vagen Dingen: vom Verlust von Skipisten in den Alpen, von etwas schmelzenden Gletschern, leicht steigenden Meeresspiegeln und dem Verlust der Fichte (durch den Borkenkäfer). Dass der Klimawandel aufgrund von Hitze, anhaltender Trockenheit und gewaltigen Bränden unsere Wälder, unsere Vegetation, unsere Wasserressourcen und unsere Landwirtschaft weitgehend zerstören könnte (auch in Mitteleuropa), ist den allermeisten Journalisten und Politikern (und Bürgern und Bürgerinnen) noch gar nicht in den Sinn gekommen. Sie arbeiten und denken zu routiniert, zu schnell, zu oberflächlich, zu sehr nach ihren gewohnten, veralteten, unangemessenen Denk-Mustern und Schemata.

Führen wir uns vor Augen, wie real die Gefahr ist: Der bislang jedes Jahr weiter steigende weltweite CO2-Ausstoß würde, wenn er so weiterginge, bis zum Jahr 2100 zu einer Erderwärmung von +4 bis +6 Grad Celsius führen! Das ist der gegenwärtige Stand der Wissenschaft! Das ist der Befund des „Weltklimarats“ (IPCC), in dem Hunderte Wissenschafter und Fachbeamte aus fast allen Staaten der Welt zusammenarbeiten!

Nur noch ca. 10 Jahre verbleiben, um durch große politische und wirtschaftliche Maßnahmen die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 noch auf ca. +1,5 Grad Celsius begrenzen zu können. Verfehlen wir dieses Ziel, gehen wir darüber hinaus, werden (1.) die Gletscherschmelzen in Grönland und am Südpol unumkehrbar werden (mit einem langfristigen Meeresspiegelanstieg um bis zu 65 (!!) Metern); könnten (2.) bis 2050 aufgrund der vielfachen Rückwirkungen der Erderwärmung (und der der industriellen Landwirtschaft) auf die Biosphäre bereits 40 Prozent aller Tiere und Pflanzen ausgestorben sein (was den baldigen Kollaps der bisherigen Biosphäre mit unabsehbaren Folgen für die Menschen und ihre Ernährung bedeutete); werden (3.) die Wetterextreme und die Instabilität unseres Klimas in schwindelerregendem Ausmaß zunehmen.

Wir rasen, wie gesagt, mit den bisherigen globalen CO2-Emissionen derzeit auf eine Erderwärmung von +4 bis +6 Grad Celsius bis 2100 zu. Bemisst man daran, dass in Australien bereits eine um +1,56 Grad erhöhte Jahresdurchschnittstemperatur im Jahr 2019 ausreichte, um die diesmaligen verheerenden Riesenbrände auszulösen – wird klar, was uns (und mehr oder weniger allen Regionen der Welt) in Hinsicht auf Waldbrände, Zerstörung der Vegetation, Austrocknung von Böden und Wasser und dadurch an Zerstörung der Landwirtschaft, die uns ernährt, noch bevorsteht, – wenn wir die Klimawende nicht (rechtzeitig) schaffen!

Die „Geisterseher“ in den Social Media

Zurück zu Australien. Werfen wir noch einen Blick auf seine große Kohlewirtschaft, auf die Bedeutung der Kohle für den Klimawandel, auf Australiens in Klimafragen sehr rückständige Politik und auf die „Geisterseher“ und „Obskuranten“ (so nannte man Menschen dieses Schlages in früheren Jahrhunderten) in den „Social Media“.

Besonders in Australien selbst kursieren derzeit in den „Social Media“ die wildesten und dümmsten Gerüchte darüber, was die Ursachen der australischen Brandkatastrophe sind. Der Unsinn ist so massiv und gravierend, dass sogar die renommierte britische Tageszeitung „The Guardian“ darüber berichtete (und auch „News ORF.at“). Es werden massenhaft paranoide Verschwörungstheorien verbreitet, dass Bodenspekulanten, islamistische Terroristen, „grüne Ökoterroristen“ oder „Hunderte Brandstifter“ für die Brände (natürlich „im Geheimen“ und „in Wahrheit“ und von der Öffentlichkeit angeblich „vertuscht“) verantwortlich seien, obwohl es dafür gar keine, überhaupt gar keine Indizien gibt; und schon das Ausmaß und die enorme, chaotische Anzahl der Brände und Brandherde dagegen spricht. Hingegen ist die Leugnung des menschgemachten Klimawandels ein Teil vieler dieser Verschwörungstheorien in den „Social Media“.

Die Borniertheit der australischen Konservativen

Bei der Leugnung des Klimawandels sticht aber auch Australiens konservative Regierung hervor. Der australische Premierminister Scott Morrison sieht seit Jahren den Klimawandel als „politischen Schwindel“ an. (Sein zaghafter erster Rückzieher in dieser Sache vor wenigen Tagen ist wahrscheinlich nicht hoch zu bewerten.) Seine Mitte-Rechts-Partei entzog dem wissenschaftlichen „Klimarat“ Australiens gleich nach ihrem Wahlsieg im Jahr 2013 die Finanzierung. Gemeinsam mit den USA und Brasilien blockierte Scott Morrisons australische Mitte-Rechts-Regierung alle größeren Beschlüsse bei der letzten UN-Klimakonferenz in Madrid (im Dez. 2019).

Ein Grund für Morrisons Weigerung, den Klimawandel anzuerkennen, ist freilich die Tatsache, dass Australien über eine große Kohleindustrie verfügt. Der Kontinent ist zur Zeit der zweitgrößte Exporteur von Kohle auf dem Weltmarkt. Und Australiens Stromerzeugung selbst beruht in hohem Maße auf eigenen Kohlekraftwerken.

Kohleverstromung ist ein großer Verursacher von CO2

Was Scott Morrison und Politiker seines Schlages bislang aber ignorierten: Kohlekraftwerke waren im Jahr 2018 für fast 27 Prozent der gesamten weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich (für insgesamt 10,1 Gigatonnen (Gt) CO2-Emissionen lt. Jahresbericht der „Internationalen Energieagentur“, IEA). Rechnet man die „sonstige Kohleververwendung“ (lt. IEA weitere 4,5 Gt) noch hinzu, so war die Verbrennung von Kohle im Jahr 2018 für sogar 38,5 % der gesamten globalen CO2-Emissionen (insgesamt 37,9 Gt) verantwortlich.

Als weiterer Punkt kommt hinzu, dass Australien mit nur 25 Mio. Einwohnern (aber annähernd doppelter Fläche der EU-27) mehr CO2-Emissionen produziert als Großbritannien, Frankreich oder Italien (die aber alle je mehr als 60 Mio. Einwohner haben). Im Ländervergleich, welche Staaten der Welt am meisten CO2 emittieren, stand Australien (in absoluter Zahl) im Jahr 2018 auf Platz 16.

Umgerechnet auf die Einwohnerzahl wird Australiens unverantwortliche Rolle aber noch deutlicher: Denn pro Kopf (Einwohner) erzeugt Australien fast doppelt so viel CO2 wie Deutschland, China oder Österreich. Und liegt pro Kopf gleichauf mit den USA. Australien gehört damit (pro Einwohner gerechnet) zu den allerstärksten CO2-Emittenten der Welt; d.h. zu denjenen Ländern, die am meisten die Augen vor den Realitäten des für die Menschheit möglicherweise tödlichen Klimawandels (unsere „extinction“) verschließen.

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