Ausgabe 51

Am Grabstein von Rumi (1207–1273), dem islamischen Mystiker, steht diese super­schöne Einladung, das Leben, und nichts als das Leben, zu lieben: »Komm’, komm’, wer immer du bist, / Wanderer, Götzenanbeter und Diener des Geldes. / Dies ist keine Karawane der Verzwei­flung. / Komm’, auch wenn du deinen Schwur tausendfach ge­brochen hast. / Komm’, komm’, und noch einmal: komm’.«

Liebe Freundinnen und Freunde!

Ich kenne niemanden, der es cool findet, dass wir 5o Prozent der Lebensmittel weg­werfen. Ich kenne auch niemanden, der sagt, es sei okay, dass die Milliarden­konzerne keine Steuern zahlen, während die menschliche Arbeit die höchste Abgabenlast zu tragen hat. 92% der Deutschen (in Ö ist’s ähnlich) sind für die Energiewende, doch unser herrschendes System pflegt den Profit und nicht das Klima. Wenn wir das gar nicht wollen, warum nur lassen wir uns das alles gefallen?

Ich kenne auch niemanden, der sagt, es sei egal, dass in den letzten 20 Jahren 75% der Insekten und 40% der Feldvögel verschwunden sind, die Bienen in Gefahr sind, Tiere in der Massentierhaltung leiden, die Eschen sterben und die Wetterkapriolen uns zunehmend beunruhigen. Warum nur lassen wir das zu, wenn wir es gar nicht wollen? Selbst bei dem Streitthema Flüchtlinge bin ich mir sicher, dass die große Mehrheit der Bevölkerung, trotz aller Hetze, einen Sinn für Barmherzigkeit hat.

Apropos Flüchtlinge – in diesem Brennstoff findet ihr auf den Seiten 11 ff eine aufrüttelnde Rede von Milo Rau über den mörderischen Wahnsinn im Kongo. Dort geht es um Coltan (wir brauchen es für die Handys) und um Gold. Der Krieg um diese Bodenschätze hat in den letzten 20 Jahren mehr als 7 Millionen Menschen das Leben ge­kostet. Den Menschen in den Kriegsgebieten bleibt oft nur die Flucht.

Aber Hand aufs Herz, die meisten Flüchtlinge wären keine und würden nicht unter unmenschlichen Anstrengungen den Weg nach Europa wagen, wenn sie daheim in Frieden leben könnten. Drum heißt es Flucht­ursachen bekämpfen und den Drahtziehern dieser schreck­lichen Kriege den Prozess zu machen. Denn die meisten von ihnen sitzen bei uns im Komfort statt hinter Gittern.

Und doch nähren diese Ungerechtigkeiten und Gemein­heiten den Willen zur Veränderung, die Bereitschaft zum Wandel und die Entschlossenheit zum Umsturz, denn ohne Zweifel ist es Not-wendend, von diesem zerstörerischen System zu lassen, bevor es uns zerstört.

Dieses System ist schlau organisiert. Wir sind darin gefangen als Sklaven des Konsums und des Profits. Sklaverei ist nicht lustig, und doch hält uns das Geld mit allen möglichen Tricks bei der Stange, auch wenn wir schon längst müde sind, dem Falschen zu dienen.

Aus dieser Sklaverei herauszukommen ist nicht leicht. Es braucht einen starken Willen und die Überzeugung, dass nicht das Geld, sondern Freiheit, Gleichheit und Geschwis­terlichkeit die Werte sind, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Das meint im Ernst

Heini Staudinger, Herausgeber

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 51

2 Minuten

Essai Ursula Baatz

#metoo

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Null Toleranz für Selbstentmächtigung

4 Minuten

Short Cuts Gene Sharp

Die Fabel vom Affenmeister

2 Minuten

Rede Milo Rau

Die Rückeroberung der Zukunft

22 Minuten

Interview Humberto Maturana und Bernhard Pörksen

Die Ohnmacht der Macht

9 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Der »Seneca-Kollaps« unserer Gesellschaft

6 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Wenn Entwicklungshilfe dem Grenzschutz dient

5 Minuten

Short Cuts Virginia Satir

Mein Bekenntnis zur Selbstachtung

3 Minuten

Short Cuts Marianne Williamson

Unsere tiefste Angst

1 Minute

GEA MAMA Christian Pomper

Wirtschaften geht jetzt auch gemeinsinnig

3 Minuten

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