Archaische Gemeinschaft in uns | Sebastian Jungers Buch »Tribe«

Archaische Gemeinschaft in uns

In uns schlummert ein archaiches Erbe aus der Frühzeit des Menschen: das tiefe Bedürfnis, in Gleichheit und Gemeinschaft zu leben. US-Autor Sebastian Junger beschreibt dessen Spuren in seinem Buch »TRIBE«.

von Andreas Wagner (Brennstoff)

Es war seltsam und vielen unerklärlich, was 1650 bis 1850 in Nordamerika geschah: Immer wieder kehrten weiße Siedler ihrer Zivilisation den Rücken. Sie liefen zu den Indianern über, wo sie für immer blieben. Weiße Männer; und weiße Frauen. „Es sagt wohl etwas über die menschliche Natur aus“, so der US-Autor Sebastian Junger in »Tribe«, „dass eine überraschend hohe Anzahl von Amerikanern sich während jener Zeit indianischen Gesellschaften anschloss, statt in ihrer eigenen zu bleiben. Das Gegenteil geschah so gut wie nie.“

Warum liefen Weiße über? Anziehungskraft hatte, so Junger, vor allem anderen das „fundamentale Gleichheitsprinzip“, nach dem die Indianer lebten. In ihren Stammesgesellschaften war persönlicher Besitz aufs Nötigste beschränkt. Alle lebten einfach und bescheiden. Sozialen Status erlangten Männer allein durch Jagd und Krieg, wo jeder sich bewähren konnte. Frauen genossen Ansehen und große Unabhängigkeit. Diese fundamentale Gleichheit und Freiheit führte bei den Indianern zugleich zu hoher Loyalität gegenüber ihrer Gemeinschaft. Warum, fragt Junger, gibt es in unserer heutigen, modernen Gesellschaft kaum noch Loyalität und Gemeinschaft?

Während des Bosnienkriegs ging Sebastian Junger als Journalist nach Sarajevo, als die bosnische Hauptstadt von serbischen Truppen eingekesselt war (1992-1996). Die Lage in der Stadt war infernal. Serbische Scharfschützen schossen von Hochhäusern. Granaten schlugen täglich in Häusern, auf Straßen und Plätzen ein. Die Versorgungslage war äußerst prekär. Die Einwohner Sarajavos schlossen sich in nachbarschaftlichen Kooperativen zusammen, um einander zu helfen und in dieser Hölle zu überleben.

„Ich habe es vermisst, so eng mit anderen Menschen zusammen zu sein. Ich habe es vermisst, auf diese Weise geliebt zu werden“, erzählte eine junge Frau, die nach ihrer Evakuierung noch während des Kriegs wieder nach Sarajevo zurückgekehrt war, als sie Junger dort wiedersah. Es waren die tiefen Gemeinschaftserfahrungen gegenseitiger nachbarschaftlicher Hilfe im Angesicht des Todes und Schreckens des Kriegs, die sie zur Rückkehr bewogen hatten.

Sebastian Junger sieht ein tiefes Bedürfnis in uns allen schlummern, im Menschen von heute, das aus archaischen Zeiten stammt, als sich unsere Urvorfahren vor Tausenden von Jahren zu Nomadengruppen zusammenschlossen. Wie bei den !Kung der afrikanischen Kalahariwüste, die noch in den 1970ern als Jäger und Sammler lebten, dürften, meint Junger, in der Frühzeit des Menschen Gleichheit, Teilen und Fürsorge in der Gemeinschaft das Allerwichtigste gewesen sein.

Dass wir diese archaische Erfahrung noch in uns tragen – als starkes Bedürfnis nach Gleichheit, Menschlichkeit, Nähe, Fürsorge, Leben in Gemeinschaft – sieht Junger durch Berichte von großen Naturkatastrophen und Unglücksfällen belegt. Ob bei Grubenunglücken, schweren Erdbeben, Kriegsleiden usw. – die Menschen rücken dann plötzlich zusammen; zeigen plötzlich größte Hilfsbereitschaft füreinander, erleben in der Not Gemeinschaft und Gleichheit, die sie (zumindest in der Erinnerung) zutiefst beglückt.

Es ist ein großes Unglück unserer Zeit, folgert Junger, dass gerade unsere modernen Lebensformen, die auf Konsum und Wohlstand ausgerichtet sind, uns in die größte Vereinsamung treiben. „Wer in einer Stadt oder Vorstadt lebt, kann zum ersten Mal in der Geschichte einen ganzen Tag – oder ein ganzes Leben – verbringen und fast nur noch fremden Menschen begegnen.“

Dafür, dass unsere eigene Gesellschaft unser tiefstes, archaisches Bedürfnis missachtet (das nach Gemeinschaft und Gleichheit), zahlen wir einen unerträglich hohen Preis: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gab es so viele Fälle von Depressionen, Schizophrenie, Angststörungen, chronischer Einsamkeit und tödlichen Amokläufen wie in unserer heutigen, modernen Konsumwelt. ■

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Ein Artikel zum Thema „Gemeinschaft“, der im Brennstoff #55
erscheinen sollte und dort zuletzt keinen Platz mehr fand

Artikelfoto: Bild-Ausschnitt Buchcover »Tribe«

 

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