Afrotopia

Die Torheit der westlichen Neuzeit besteht darin, die eigene Vernunft zur souveränen Macht zu erklären, obwohl sie lediglich ein Moment, ein Aspekt des Denkens ist. Verrückt wird sie, sobald sie sich verselbständigt.

»Die Zukunft ist jener Ort, den es noch nicht gibt, den man aber geistig vorwegnimmt.«
Felwine Sarr

Der moderne Mensch
Im 20. Jahrhundert hat Jürgen Habermas eine Krise der westlichen Moderne konstatiert. Jene beeindruckende Entwicklung, die von der instrumentalisierten Vernunft herbeigeführt worden ist, hat den Menschen zum Sklaven – der von dieser Vernunft produzierten gesellschaftlichen Zwänge – gemacht. Trotz der bedeutenden Rechte, die der Mensch erlangt hat (individuelle Freiheiten, republikanische Demokratie etc.) scheinen ihre bedeutendsten Erfolge in den Bereichen der Wissenschaft und der Technik zu liegen, nicht in denen der Moral und der Politik.

»Der Homo africanus ist kein Homo oeconomicus im strengen Sinn. Die Motive seiner Entscheidungen sind geprägt von Logiken der Ehre, der Umverteilung, der Subsistenz und der Gabe beziehungsweise Gegengabe.«
Felwine Sarr

Habermas zufolge handelt es sich bei der Moderne um ein unvolledetes Projekt, das die Menschheit wieder aufgreifen sollte, um ihrer Menschlichkeit nicht verlustig zu gehen. Nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, nach Auschwitz, Hiroshima und dem Gulag bricht der Glaube eines vernuftbasierten menschlichen Fortschritts in sich zusammen. Die Vernunft hat im Zuge der Geschichte nach und nach ihre Fähigkeit verloren, verallgemeinerbare Zwecke zu setzen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, gegen den Triumpf ihrer anzukämpfen, um zu ihrem ursprünglichen Sinn zurückzufinden, der in der Bestimmung angemessener Zwecke besteht. In etwa zeitgleich, in den 1950er- und 1969er-Jahren, ist es in Westeuropa zum Zerfall der bedeutendsten kulturellen Bezugspunkte gekommen: Familie, Nation, Verantwortung und Pflicht, des Kompromisses zwischen dem Vorrang des Kollektivs und der juristischen Anerkennung grundlegender Bürgerfreiheiten. Die Heiligung des Individuums, der Kult des Hedonismus, die Zugehörigkeit zu einer Mehrzahl von Kollektiven, der Zerfall des Verantwortungsgefühls gegenüber der Gemeinschaft charakterisieren das, was Theoretiker wie Lyotard als Postmoderne bezeichnen. Die Handlungen der Individuen entbehren nunmehr einer gemeinsamen Ordnung, die ihnen einen Sinn verleihen könnte.

Der Bauer aus der Sine-Region
Der Bauer aus der Sine-Region (Senegal) fragt sich, wenn er von der Arbeit heimkehrt, nicht, ob er „entwickelt“ oder erst noch „in Entwicklung begriffen“ ist, ob er in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Land lebt. Es hat dieses Jahr reichlich geregnet, die tägliche Arbeit war gewohnt mühsam, die Ernte ist vielversprechend. Vom Gefühl erfüllt, etwas erreicht zu haben, wartet er nun auf die Früchte seiner Arbeit. Diese Arbeit ist mehr als nur eine Verrichtung. Sie ist ein Werk, das die Welt hervorbringt und damit die Bedingungen für ein Leben schafft, das dauerhafter ist als sein eigenes.

Artikel dieser Ausgabe
Heini Staudinger

Editorial zur Ausgabe Brennstoff No. 59

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Museum Humanum

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Christian Koller

Der Stein, ein guter Lehrer

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Fabian Scheidler

Wer wir sind, bleibt offen

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Felwine Sarr

Afrotopia

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