Verlogene Empörung

Verlogene Empörung

Anmerkungen zum BVB-Anschlag. Von Götz Eisenberg

Als von Seiten der Ermittler verlautete, dass hinter dem Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund mutmaßlich ein Aktienspekulant steckt, war die Empörung groß. Politiker aller Parteien beeilten sich, ihre Betroffenheit über die Tat und ihre Abscheu vor dem Motiv des Täters zu äußern: Habgier. Die zur Schau gestellte und lautstark vorgetragene Empörung über die Tat von Dortmund ist insofern verlogen, als sie von einem Schweigen über den Handel mit Derivaten und die Spekulation mit Nahrungsmitteln begleitet wird, die rund um den Globus täglich massenhaft Tote produzieren. Habgier nennt man auf dieser Ebene Profit, und an diesem Motiv wagt kaum noch jemand Kritik zu üben.

Natürlich ist der Täter von Dortmund, wenn ihm der Anschlag im Rahmen einer Gerichtsverhandlung nachgewiesen werden kann, im juristischen und auch moralischen Sinn schuldig. Und dennoch nötigt uns dieser Fall, in besonderer Weise zu fragen, wie es um die Mitschuld einer Gesellschaft bestellt ist, die sich als Ganze den Imperativen des Marktes ausliefert und deren einziger kategorischer Imperativ der der schnellen Bereicherung ist. Wenn die Menschen vollends vom Kapitalprinzip durchdrungen und von Indifferenz und Kälte geprägt sind und sich auch so verhalten, tut man so, als handele es sich um Monster von einem fremden Stern.

Weiterlesen

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar (12:58 Minuten).
Quelle: NachDenkSeiten.de

Götz Eisenberg: »Hat man jemals erlebt, dass sich unsere Spitzenpolitiker ähnlich aufregen, wenn infolge von Spekulationen mit Nahrungsmitteln Massen von Menschen hungers sterben? Sind die Motive von Großbanken und Hedgefonds andere als die des Täters von Dortmund? Ist dieser Mann mit seiner Tat nicht vollkommen auf der Höhe der Zeit? Hat er den neoliberalen Zeitgeist nicht perfekt verinnerlicht? Der Mann ist das, was man einen „devianten Konformisten“ nennen könnte: Er will, was alle wollen und was das Grundprinzip des neoliberal entfesselten Kapitalismus ist. Der Unterschied: Er handelt auf eigene Faust und nicht im Auftrag und Namen einer Bank. Das macht es möglich, sein Agieren als ›abweichendes Verhalten‹ zu behandeln und zu kriminalisieren.«

Buchempfehlung. In der »Edition Georg-Büchner-Club« erschien 2016 unter dem Titel »Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst« der zweite Band von Götz Eisenbergs »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«. Über den ersten Band »Zwischen Amok und Alzheimer« schrieb Matthias Dell im Freitag: »Eisenberg kommt aus einer Zeit, in der der Himmel die Grenze des Denkens war. Sein an der Kritischen Theorie geschulter Blick nimmt die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite in den Blick.«

Verlagsinformation zum Buch

Meistgelesene Artikel
TED-Vortrag Papst Franziskus

Revolution der Zärtlichkeit II

8 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

3 Minuten

Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

1 Minute

Rede Gregor Gysi

Der Prophet

9 Minuten

Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Gegen die drohende Bytokratie!

7 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen