Didier Eribon: Ein neuer Geist von ’68

Die Präsidentschaftswahl in Frankreich führt uns vor Augen, in welcher Krise sich das linke Denken befindet. Sie zeigt aber auch, wie es erneuert werden könnte. Ein lesenswerter Gastbeitrag von DIDIER ERIBON, erschienen in der FAZ.

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Zehn Jahre ist es her. Im April 2007, mitten in einem anderen Präsidentschaftswahlkampf, erschien mein Buch »Über eine konservative Revolution und ihre Wirkung auf die französische Linke«. Ich wollte zeigen, dass wir unsere damalige Situation nur verstehen konnten, wenn wir sie in einen größeren historischen Zusammenhang stellten. Ich beschrieb den spektakulären Rechtsrutsch, der in den achtziger und neunziger Jahren im politischen und intellektuellen Feld Frankreichs stattgefunden hatte. Diese historische Entwicklung war nicht spontan eingetreten. Technokraten, Wissenschaftler, Journalisten, Banker und Industrievertreter, die sich in Think Tanks zusammentaten, um ihre selbsternannte »Modernisierung« voranzutreiben – im Grunde war das die Aufhebung der Grenze zwischen rechts und links –, hatten das linke Denken gezielt demoliert.

Als ihren Feind machten diese Diskurse nicht nur den Marxismus aus, sondern all die Referenzen, die bis dahin das linke Denken bestimmt hatten, die Existenz sozialer Klassen, der soziale Determinismus, die antagonistische Struktur der Gesellschaft. Indem man die Unterteilung in links und rechts aufhob, wollte man die politische Entscheidungsfindung ganz und gar den Experten überlassen und die Herrschaft der Finanzmärkte als das einzige unverhandelbare Prinzip durchsetzen.

Konsequenz dieser Entwicklung war, dass die Linke ihren traditionellen Referenzrahmen aufgab und den der Rechten übernahm. Dieser Umschwung geschah vor allen Dingen innerhalb der Sozialistischen Partei, deren politische Praxis sich grundlegend änderte. Die Regierungslinke ließ das einfache Volk vollständig fallen und führte eine Spaltung zwischen diesen sozialen Schichten und der Linken als solcher herbei. Die Wahlbeteiligung sank, der Front National bekam immer größeren Zuspruch in den unteren Schichten. In letzter Zeit hat sich dieses Phänomen weiter verstärkt. Unter François Hollande hat die Linke ihren Rechtsrutsch auf spektakuläre Weise vollendet. Es ist wenig verwunderlich, dass Le Pen in den Umfragen für den ersten Wahlgang bei 25 Prozent liegt.

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