Wir, die Weltbevölkerung

BRENNSTOFF 48

Wie viele Menschheiten gibt es? Genau eine.

Fast jede Übergangsphase schmerzt. Wer ein genügend gutes Gedächtnis hat, weiß das vom eigenen Erwach­sen­werden. Dass eine Geburt schmerzt und anstrengend ist, das wird wohl jede Mutter bestätigen.

Wie viele Menschheiten gibt es? Genau eine.

Gewohnte Muster schreiben teils willkürliche, teils kurz­sichtige Einteilungen der Menschen in Ethnien, in Religionszugehörigkeit und – mit den bekannten Zu­satz­anforderungen – auch in Geschlechter vor. Gleich­heiten werden negiert.

Gleichheiten: der Bedarf an Nahrung, Wasser, Behau­sung, die Notwendigkeit sozialer Kontakte, die Bedürf­nisse nach Kommunikation, Entfaltung, emotionaler Bindung, nach Anerkennung, Geselligkeit, Schönheit, Musik, Bewegung; die Neugierde auf Andere und An­deres, das Balancespiel zwischen Tätigkeit und Ruhe, Nähe und Abgrenzung, Tradition und Erneuerung – und vieles mehr. Der Blickwinkel auf die überbordende Menge der Gleichheiten der Menschen macht jeden angeblich angeborenen Hierarchievorsprung und je­den Führungsanspruch per Biologie als willkürlich er­kennbar.

Wie viele Menschheiten gibt es? Eine.

Trotzdem wird seit Jahrhunderten aufgrund biologischer oder Herkunftskriterien hierarchisiert: du (wer immer das gerade sein mag) bist a priori mehr wert als jene/r (wer immer das gerade sein mag). Die wissenschaftliche Disziplin der Genetik beweist inzwischen, dass die Unterschiede innerhalb der genetischen Ausstattung der Menschen einerseits zahlreich, andererseits aber zu geringfügig sind, als dass es wissenschaftlich haltbar wäre, von Rassen zu sprechen.

Eben­so wenig wie es sinnvoll wäre von einer Rasse der getigerten Hauskatzen, der gefleckten Hauskatzen, der hellen, der braunen, der schwarzen und der grauen Hauskatzen zu sprechen.

Selbstverständlich: Geht es um den Einbau einer Hei­zungsanlage in ein Gebäude oder um guten Unterricht in einer Fremdsprache, so können anhand sachlicher Kriterien Personen als besser oder schlechter geeignet eingestuft werden. Was wäre aber der Gewinn sachferner, willkürlicher Hierarchisierung? Was ermögli­chen platte Unterscheidungskriterien, platte Einteilun­gen? Was bewirken sie?

Es gibt innerhalb der Gene (legt der Genforscher, Uni­versitätsprofessor und Mediziner Joachim Bauer in seinem Buch »Das kooperative Gen« dar) »Schläfer«, die aktiv werden, wenn die Umstände es erfordern. Wie sonst gäbe es in so kurzer Zeit immer wieder resistente Keime in Spitälern? Da die jeweils aktuelle Umgebung starken Einfluss darauf hat, wie ein Mensch welche Ei­genschaften entwickelt, ist das Ranking, also die stän­­dige Anordnung auf einer Werteskala mit Abso­lutheitsanspruch, Unsinn. Selbst ähnliche Umgebun­gen sind nie absolut gleich.

Wie viele Menschheiten gibt es? Genau eine.

Es geht nicht darum, historisch-schuldhaftes Verhalten zu quantifizieren und gegenseitig aufzurechnen, weil die Anderen angeblich anders sind. Wir brauchen Frie­den. Alle. Jetzt.

Wie viele Menschheiten gibt es? Eine.

Es gibt nur eine Menschheit. Wir sind diese Mensch­heit. Wo auch immer ein Menschenwesen auftaucht, lebt, arbeitet, lernt, lacht oder nichts tut, es gehört zu uns als Menschheit. Vielleicht erleben wir momentan die Geburtswehen dieser Erkenntnis.

Es gibt nur eine Menschheit.

Es geht nicht darum, zu trennen. Es geht darum, diese Erde zu erhalten und sie gemeinsam möglichst behaglich zu bewohnen. Es gibt nur einen Planeten Erde. Es gibt nur eine Menschheit.

ELISABETH SCHRATTENHOLZER


Menschen sind erst zu verstehen, wenn man sie nicht als Individuen konzipiert, sondern als Schnittstellen in einem sozialen Netzwerk. Nichts anderes bedeutet: Connectedness. Was immer schon da ist, muss nicht erst künstlich, mühevoll oder durch Training erzeugt werden. Es genügt, mit der Zerstörung der Beziehungen aufzuhören, die auf Effizienz und individuelle Optimierung ausgelegte Institutionen wie Schulen und Universitäten heute permanent praktizieren. Im Moment erleben wir hoffentlich den Kulminationspunkt eines durch und durch falschen gesellschaftlichen Entwicklungsmodells, das mit stetig steigernder Geschwindigkeit nicht nur die natürlichen, sondern auch die sozialen Ressourcen zerstört. Anhand vieler neuer oder wieder entdeckter sozialer Praktiken wie Gemeinschaftsgärten, Produktions- und Konsumgenossenschaften, Regionalwährungen etc. sind erste Ansätze zu einer Revolution des »Wir« erkennbar. Hoffen wir, dass sie sich zu einer sozialen Bewegung formieren werden, die die Apotheose des »Ich« noch rechtzeitig stoppen kann.

HARALD WELZER, Die Revolution des »Wir« in: Gerald Hüther, Christa Spannbauer: Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen

Jiddu Krishnamurti: »Es gibt nur ein einziges politisches Problem: die Einheit aller Menschen.« — Grafik: Moreau

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 48

2 Minuten

Buchauszug Gerald Hüther und Christa Spannbauer

Ein Plädoyer der Verbundenheit

3 Minuten

Essai Elisabeth Schrattenholzer

Wir, die Weltbevölkerung

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Der Stoff, aus dem die Träume sind

4 Minuten

Essai Konstantin Wecker

Revolution der Zärtlichkeit I

5 Minuten

TED-Vortrag Papst Franziskus

Revolution der Zärtlichkeit II

8 Minuten

Buchauszug Harald Welzer und Ilija Trojanow

Jede Menge Handlungsspielräume

2 Minuten

Interview Jean Ziegler und Alexander Behr

Der schmale Grat der Hoffnung

24 Minuten

Essai Ursula Baatz

Die Schatten des Wir

4 Minuten

Buchauszug Johann Wolfgang von Goethe

Nur alle Menschen machen die Menschheit aus

1 Minute

Essai Huhki Henri Quelcun

Gegen die drohende Bytokratie!

7 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika hat Pech und das Pech hat viele Namen

4 Minuten

Lyrik John Donne

No man is an island

1 Minute

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