Wie du dir – so ich mir!

Achtung – gegenüber allen Wesen – kommt eigentlich von Achtsamkeit. Es bedeutet, gelebt, nicht nur gesprochen, schlicht: Es gibt unendlich mehr als nur mich. Und alle Definition arbeitet dagegen. Gegen das Leben!

DU. JA GENAU DU! Egal ob’s dich gibt oder nicht. Wenn du existierst, was ich sehr hoffe, dann bin ich dir dankbar. Denn dein Respekt gegenüber mir sinkt schon seit Wochen. Also, gesetzt den Fall, cogitas ergo es, ist das wunderbar. Denn es zeigt mir, wie hoch deine Achtung gegenüber mir war. Frei- lich, es hat noch kein/e Denker/in überlegt, ob es vielleicht so etwas wie »negativen Respekt« gäbe. Immerhin haben wir ja das nicht koschere Wort Missachtung als ein Stück Talmi in unserem »Sprachschatz«. Es könnte also sein, dass ich in deinen versphinxten Augen von der schwarzen Null tief ins Minus gerutscht bin.

Weniger als nix. Oder es ist denkbar, jemanden sozusagen beliebig unter Null zu respektieren. Bleiben wir bei den Menschenwesen. Ist es mir logisch möglich, von jemandem weniger als gar nichts zu halten? Schwierig. Ich kann Hitler nicht als ethische Null ver- buchen. Und Goebbels oder Heydrich sind mir noch weit widerlicher. Das sind alles charakterliche Anti- Gesamtkunstwerke. Andrerseits steht Napoleon Bonaparte in meiner Achtung ziemlich hoch. Trotz seiner geschätzten vier Millionen Todesopfer. Er hatte Handlungsnot durch die englische Börse; wollte zwischen- durch wirklich Frieden; er wollte sich. Das ist besser, als eine »Religion« oder »Weltanschauung«, welche auf die Ausrottung Andersartiger giert. Dass du meine Tochter mir als Vorbild vorhältst, weil sie sich von der Mutter Kirche so konsequent abgenabelt hat, ist das stringent? Ich komm’ noch auf all das zurück. Eines wollen wir aber festhalten: Respekt hat kein Maß. Kein positives oder negatives. Und keinen Nullpunkt. Ich maße mir deshalb auch nicht an, im folgenden »Recht« zu haben.

Einst fragte man einen Weisen: »Gibt es ein einziges Wort, das dir als Richtschnur für dein ganzes Leben dienen kann?« Der Weise antwortete: »Ja, es gibt ein solches Wort. Es ist shu.« Dieses Wort bedeutet: »Wenn wir nicht wollen, dass uns etwas angetan wird, sollten wir es auch anderen nicht antun.« CHINESISCHE WEISHEIT

Der kategorische Komparativ. »Zwei Dinge er- füllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.« So Immanuel Kant in seiner »Kritik der Praktischen Vernunft«. Wo vom sogenannten Objektiven leichthin ins Subjekt gewechselt wird, ist immer ein bisserl Misstrauen angebracht. Nehmen wir Arthur Schopenhauer: Sein Hauptwerk beginnt mit dem bekannten Satz: Die Welt ist meine Vorstellung. Die Studentin allerdings, welche beim Rigorosum, vom Erstbegutachter gefragt: Sagen’s amal, meine Liebe, was ist denn die erste These der ›Welt als Wille und Vorstellung‹? mit voller Konsequenz antworten täte: Die Welt ist Schopenhauers Vorstellung, die sauste sofort durch die Falltür des Prüfers, falls sie mit ihm nicht mehr verbindet als das Interesse an Metaphysik. Ein Student käme vielleicht grad noch durch. Soviel Ungerechtigkeit lässt die ›Neue Studienordnung« schon noch zu.

Der kategorische Superlativ. Dieser kleine Exkurs war notwendig, weil du den Hirnfetischisten, dem Dennet, der Churchland, ja auch der ansonsten brillanten Susan Blackmore alles aus der Hand frisst, was sie so an Unlogik absondern. Die für dich »absurden« Dogmen der Monotonotheismen (Danke Fritzl; nicht Josef, sondern Nietzsche) könnten immerhin in irgendeiner möglichen Welt realisiert sein; von der Dämonenaustreibung bis zur Jungfrauengeburt. Die Dogmen der NeurophilosophInnen in keiner. Damit – mit unseren scheinbar persönlichen wechselseitigen (Ver-)Achtungen – wär’s aber die halbe Seite nicht Wert … Diejenigen, welche immer zwischen ich & du & wir in der auflagenstarken Schwebe verharren, egal ob »IdealistInnen« oder GehirnlerInnen, verhindern, dass der Begriff Achtung vor dem Leben (Albert Schweitzer ; siehe Seite 4 ) endlich dasselbe durchströmt. Um das aufzuweisen, müssen wir gleich zurück zu Kant.

Lesung aus dem Buche Google: Achtung ist ein Be- griff aus dem Bereich der Ethik. Der Brockhaus definiert ihn als »eine Sitte, die aus der Anerkennung der unverletzlichen Würde der Person hervorgeht«. Achtung ist kein Lust- oder Unlustgefühl, sondern ein Gefühl der Hochschätzung von Personen. Sie ist an Personen gerichtet und nicht etwa an ihre Leistung. Hams vom Kant abgeschrieben. Und jetzt kommen wir zum Schmerzpunkt. Du meinst, du kannst mich nicht achten, weil ich keinen Führer- schein hab. Und das vertrüge sich auch nicht mit meiner Selbstachtung. Immerhin lass’ ich mich ja in von Erdölderivativen getriebenen Fahrzeugen herumkutschieren. Jetzt überleg ich mir: Angenommen, ich möchte – hypothetisch –, dass prinzipiell jedes Menschenwesen ab 18 weltweit diesen Wisch hat; Erlaubnis zum Lenken eines mittels Benzin oder Diesel bewegten »Kraftfahrzeugs«. Kann ich mir diese Maxime, dieses Prinzip als allgemeines Gesetz wünschen? Nun gut, wenn alle, von Bhutan bis Amazonien den Führerschein in der Tasche hätten, wieviele denkst du, hätten dann KEIN Automobil? Wenn nämlich alle »Fahrtüchtigen« weltweit die mitteleuropäische Drive Permission nutzen würden, hätten wir gerade noch acht Wochen Sauerstoff (Quelle: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie). Weltweit stirbt jetzt schon eine Million vorzeitig durch Einatmen von Autoabgasen (Quelle: WHO). Eine Million Menschen. Nur durch einatmen. Wieviele auf andere Art infolge PKW eingehen, hat die Weltgesundheitsorganisation bislang nicht ermittelt. Und die Million betrifft ja nur die »vorzeitig« Verstorbenen. Was ist mit den Rechtzeitigen ? Übersehenen ? Und den Pflanzen? Tieren? Soll ich nach so einem Prinzip handeln, wünschen, dass es ein allgemeines Gesetz werde? Es geht, sagst du, um Selbstachtung. Ich seh das ein. Und werd’ nicht mehr in einem Auto mitfahren. Ob die Eisenbahn um soviel besser abschneidet, darüber recherchiere ich noch …

Wenn du mit anderen zusammenstösst, dann denke an die Goldene Regel: Tue anderen das, wovon du möchtest, dass sie es dir tun. Danach sollst du leben.AUS LEO N. GRAF TOLSTOIS KALENDER DER WEISHEIT

Lass dich mit keinem Verein ein! Reinhard Mey (alias Frederik). Ich bin in einem Verein, der mehr Menschen auf dem Gewissen hat, als sämtliche Dschingis, Tamerlans, Schreckliche Iwans, Pol Pots, Hitlers, Maos zusammen. Die politisch erfolgreichsten Massen- mörderInnen stell’ ich in der nächsten Philonight vor. Ich gender ja eh immer brav.

Ja, die vom hinterlistigen Konstantin beim Konzil von Nicäa auf den Weg »Bekehr dich oder scher dich« gebrachte athanasische Mutter Kirche hat die ersten Todeslager für »HeidInnen« errichtet. In Skytopolis. Ich will nicht mehr ins Detail gehen (lies Vlassis Rassias; Karlheinz Deschner; Ghino Ginner). Was, wenn ich jetzt austrete, da dieser Verein in sich zerfällt, gegen seinen einen Obmann (Franziskus) opponiert, aber mit dem Kassier (Sutherland) höchst zufrieden ist? Wir haben Fimbulwinter. Die Herzen erkalten. Was, wenn alle die Kirche verlassen? Dann brechen unzählige Sozialprojekte im Verlauf einer einzigen finsteren Nacht ein. Dann gibt es nicht mehr große Einzelne, welche die Regenwälder beschützen. Natürlich kennt man eher die bekutteten Männchen, wie den Bischof Kräutler – ein großartiger Mann, dessen Mut allein mich schon beim Verein hält . . . die neuen Jeanne d’Arcs, die die Umwelt, die Armen, das letzte Tierlein noch immer still schützen, die kommen nicht so groß medial raus! Was der Kirche fehlt, ist noch immer die rückhaltlose Umarmung von Menschenwesen, die einander umarmen wollen ( und können ) – ein Wunder in dürftiger Welt. Frauenfeindlichkeit = nicht lieben wollen! Aber ich glaube, dass sich die Kirche nach Erlösung von ihrer scheinheiligen Asexualität sehnt … wenn ich sie jetzt verlasse, wäre mir Immanuel böse – mit Recht. Du wirst meine Argumente zu dürftig finden. Tu ich ja auch. Es reicht noch nicht, um mich zu achten. Ich achte dich vorsichtshalber jetzt schon. Übrigens sollten wir nicht mit der Achtung beginnen. Sondern mit der Liebe.

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 46

2 Minuten

Kommentar Moreau

Achtung!

3 Minuten

Essai Martin Schenk

Achtung!

3 Minuten

Buchauszug Martin Schenk

Parlament der Unsichtbaren

3 Minuten

Buchrezension Fred Luks

Populismus: Brot und Wortspiele

4 Minuten

Buchauszug Fabian Scheidler

Außer Kontrolle

2 Minuten

Buchauszug Sir Ken Robinson

Das Element

5 Minuten

Essai Ute Karin Höllrigl

Achtsamkeit in Dichtung und Traum für ein Menschwerden

4 Minuten

Buchauszug Erich Fromm

Die Wahrheit sich und anderen zumuten

2 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wie du dir - so ich mir!

5 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika - in inniger Verbundenheit

3 Minuten

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