Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

Sobald du auf dich selbst baust, öffnen sich dir die anderen. Und dann misstraut dir die Obrigkeit. Das ist gar nicht gut. Ob für die Obrigkeit oder für uns alle – entscheidest du!

Die Tschickprobe. Es ist länger als zehn Jahre her, da hab ich wieder einmal demonstrativ vor Publikum meine »letzte« Zigarette ausgedämpft. Mit der Ankündigung: »Nikotin gibt’s ab jetzt nie mehr!« Ein guter Freund darauf: »Geh, Huhki, die Szene is‘ für mich jetzt schon a déjà vu – hundert Mal abgespult. Gib’s Aufgeben auf und rauch weiter!«

Die Wahrscheinlichkeit war ganz auf seiner Seite. Damals hab ich ja nicht nur zwei Packerln Marlboro im Tageslauf in- und exhaliert. Es sind Zigarren und Cigarillos dazugekommen – alles selbstverständlich mit tiefen Lungenzügen –, Schnupf- und Kautabak. Letzterer übers Netz aus Skandinavien. Sonst war das Pfriemchen ja überall in der EU schon passé … Komprimiert: Ich war ein biologischer Nikotin-Transporter.

Am nächsten Tag nach seinem hundertsten Vorsatz wachte H. E. auf. Rundherum Marlbern, Camel, Havannas, Virginier, Schmalzler, Apple Jack, Snus. Alles nicht angerührt. Am nächsten Tag: erst recht nix. Am dritten Tag: den Riesenrest vorsichtshalber in den Restmüll. Ob Tabak Biomüll ist, weiß ich nicht. Seitdem hab ich mir wissentlich kein Nikotin mehr zugeführt. Nach ein paar Wochen sind die Fragen gekommen: »Sag, hast du aufgehört?« Nein. Nicht ich hab aufgehört. Es hat aufgehört. Aber was war wirklich der Unterschied zwischen den hundert Mal »auf- hören« mit grauslichen Entzugsgespenstern, schlechter Laune und programmiertem Rückfall und diesem magischen hundertersten Entschluß – ohne großartiger Willensgeste, ohne Schmacht, sanft ? Ein Jahrzehnt lang hab ich gerätselt. Seit kurzem weiß ich es: Weil ich es mir einfach zutraute!

Zwei Dinge verleihen der Seele am meisten Kraft: Vertrauen auf die Wahrheit und Vertrauen auf sich selbst. SENECA

Das unscheinbare Heftl. Die Lösung steht in einem ganz dünnen Reclam-Bücherl mit 81 Sprüchen. Mit 17 Jahren erstanden, bis heute nicht ganz verstanden. Es heißt Tao-Te-King. In Kapitelchen 17 und 23 steht zweimal: Wer nicht genug vertraut, dem ist man nicht treu. Seltsam. Uns hat man es umgekehrt beigebracht: Erst soll man sich, sagten die g’scheiten Leute im Ort, von der Zuverlässigkeit der andern überzeugen und ihnen erst dann Glauben schenken. Kein Wunder, dass ich dann meine eigenen Motive erst recht in Frage stelle.
Und doch hast du sicher auch schon erlebt – an dir selbst oder im persönlichen Umkreis –, dass die eigentlich lebensfeindliche Un-Gleichung »Vertrauen = gut, Kontrolle = besser« den wirklichen Lauf der Dinge nicht widergibt. Und dass Wahrscheinlichkeit nicht immer die beste Entscheidungshilfe bietet. Warum hat das alles immer wieder geklappt: die »wahnwitzige« Geschäftsidee, die »brotlose« Kunst, die »unmögliche« Partnerwahl, die »kuriose« Freundschaft ? Es gelingt, es glückt, es hält; wenn du es nicht mit zusammengebissenen Zähnen angehst, sondern einer ganz leisen und sanften Stimme Gehör schenkst. Sie klingt wie deine eigene, als ob sie dir aus deiner Zukunft Zu- trauen zusprechen möchte. Ich habe mir jedenfalls angewöhnt – gegen die »Richtung« der Zeit –, Mut einzuatmen. Mach es, es wird gut ausgehen. Und höre auf meine eigene – man nennt es »Intuition«. Handle seitdem nach der Richtschnur: Wer sich selbst vertraut, bleibt sich treu. Dadurch traue ich auch anderen, oft bedingungslos. Und: Sie mir. Die Ökologie des Zutrauens. Wie Wittgenstein so lakonisch bemerkt: Wir können ja überhaupt nur dadurch sprechen, indem wir uns aufeinander verlassen. Und er fügt hinzu: Ich habe nicht gesagt: verlassen können!

Auf’s Nichtstun vertrauen? Friedrich Nietzsche ist für mich im Ganzen schwer verdaulich. Aber im aufgeblähten Süß-Sauerteig seines Zarathustra finden sich viele Rosinen. So etwa: Was uns das Leben verspricht, das wollen wir dem Leben halten. Wie das konkret geht, sagt er nicht. Aber, die Kunst, dem Leben auf halbem Wege vertrauensvoll wie ein Kind entgegenzukommen, steht im Tao-Te-King. Sie heißt Wu wei. Oft missverstanden als »nichts tun«. In Wahrheit bedeutet es: Nicht tun! Welchen Unterschied ein Buchstabe doch machen kann: homoousios, die Wesensgleichheit zwischen Gott und Sohn, contra homoiousios, die Wesensähnlichkeit, spaltete in der Spätantike die Völker und brachte das Römische Reich um; oder bei Albert Camus die letzte Botschaft des Malers Jonas, ein hingekritzeltes Wort, bei dem man nicht weiß, ob es solidaire (verbunden) oder solitaire (vereinzelt) bedeutet. Nichts tun – das wäre das endgültige sich Zurücklehnen; egal, ob in den noblen Lehnsessel der Villa oder an die kalte Lehmwand unter der Brücke. Nicht tun – heißt dagegen, die Hände aus den Taschen nehmen, ohne nur Macher, Planer, Täter zu sein …

Es gibt ein Buch von Allan Watts mit dem schlichten Titel Der Lauf des Wassers. Darin heißt es: »das Prinzip vom Nicht-Handeln ist nicht als Trägheit, Faulheit, laissez-faire oder bloße Passivität aufzufassen; es ist nicht das Vermeiden von Anstrengung.«

Betrachte die Welt als dein Selbst, habe Vertrauen zum Sosein der Dinge, liebe die Welt als dein Selbst; dann kannst du dich um alle Dinge kümmern. Lao Tse

Was ist es dann? Ein besonderes Maß an Intuition, guter Erfahrung im Umgang mit den eigenen Emotionen, ungewöhnlich rascher Überlegung oder Entschlusskraft einer Art Reflex. Weder Watts’ noch meine eigene Formulierung, sondern simpel die Definition von »Spontaneität« bei – Wikipedia! Aber das ist ja nichts anderes als Vertrauen zu sich selbst und den Mitmenschen als Basis der Ethik; von Sokrates‘ Daimon bis zum Kategorischen Imperativ Kants, der im Kern besagt: Handle stets so, als könntest du dir selbst und deinen Nächsten das Versprochene halten. Doch das »Handle so und so…« ist bereits ein wurmstichiger Apfel vom Baum der Erkenntnis.

Dschuang Tse, Lao Tses taoistischer Kollege, der wohl wie dieser die ursprünglichen ungebundenen Völker im alten China noch aus eigener Anschauung kannte, beschreibt ein Paradoxon; das spontane Urvertrauen kennt sich selbst nicht:

Sie sind aufrecht und gerecht, ohne zu wissen, dass solches »Tun« Rechtschaffenheit darstellt. Sie lieben einander, ohne zu wissen, dass solches Güte ist. Sie sind ehrlich und wissen doch nicht, dass solches Treue ist. Sie halten ihre Versprechen, ohne zu wissen, dass sie damit in Glaube und Vertrauen leben.

Einander vertrauen – gemeinsam misstrauen. »Wer nicht vertraut, dem ist man nicht treu«. Sollen wir also bona fide allen lieben Hedge-Fonds unser Geld anvertrauen, damit sie uns samt der globalen Finanzwirtschaft die Treue halten? »Unseren« Leuten in Brüssel alle transatlantischen Vollmachten erteilen, damit die neoliberalen Gurus »unser« Gemeinwohl gerecht auf die Kontinente verteilen können? Sollten wir nicht großzügig darüber hinwegsehen, dass die Erzeuger von Pestiziden, welche leider anfälligen Personen Symptome suggerieren, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit Parkinson aufweisen; dass diese Weltkonzerne, sage ich, über zwölf Börsenecken ihr Geld in die Entwicklung von Anti-Parkinson-Mitteln inves- tieren? Dass multinationale Unternehmen, deren Produkte – »unbewiesen« – mit Alzheimer in Verbindung gebracht werden, mit Stiefenkelfirmen verbandelt sind, welche an vorderster Front gegen Demenz kämpfen? Wäre es nicht ein Bruch des heilsamen Vertrauensprinzips, das »Lebensverlängerungsprogramm« ( life extension program) der US-Strategen für good old Europe (wohlgemerkt, es handelt sich nicht um die Lebensverlängerung der Bevölkerung, sondern im Gegenteil der A-Waffensysteme) als antirussisches Roulette zu verunglimpfen? Mit einem Wort: können wir den Mächtigen nicht noch einen Extrabonus Vertrauen spendieren? Yes, we can!

Und das Zauberwort dazu heißt: Verschwörungstheorie. Wer wirklich glaubt, einflussreiche Kreise würden ihren Einfluss auf die Medien geltend machen – wie der berüchtigte Qualtinger (Da Papa wird’s scho richt’n) – muss eines Schlechteren belehrt werden. Verschwörungstheoretiker sind oft Visionäre und brauchen – ein österreichischer Exkanzler hat’s deutlich diagnostiziert – einen Arzt. Oder die Presse, wenn sich als ultimate »Vision« hinter der Theorie noch die dazugehörige Verschwörungspraxis abzeichnet.

Ludwig Wittgenstein sagt einmal, jemand, der sich mehrere Exemplare derselben Tageszeitung kauft, um zu prüfen, ob sie die Wahrheit schreibt, wäre verrückt. Zum Glück sind nunmehr endlich auch die letzten unverbesserlichen Nachrichten-Skeptiker in derselben Lage. Informationsverschwender, welche verschiedene Wegwerf-Druckwerke vergleichen. Liebe kritische Geister, kauft euch pro Tag nicht mehr als eine einzige Zeitung, denn jetzt steht endlich in ( fast ) allen dasselbe!

Wenn dir ein Gedanke einfällt, lach darüber. LAO TSE

Wo liegt also die Wahrheit? Nicht in der Mitte – sondern in unseren Händen. Dieselben, über jede(n) von uns immer besser unterrrichteten Kreise, welche uns von »Verschwörungstheorien« befreien möchten, haben gar nichts gegen unsere alltäglichen Verschwörungshypothesen. Dass wir dem Partner ein bisserl misstrauen sollten, den Freunden noch mehr, den Arbeitskollegen sowieso, den Nachbarn ordentlich und uns selbst am meisten – das ist ja ein Kernthema aller TV-Aufklärungs-Serien, ein Sprung in der politischen Propagandaplatte, die Endlosschleife unserer Psychodialytiker: Traue den Großen, misstraue deinem Nächsten wie dir selbst …

Könnte da ein Zusammenhang bestehen? Wenn du das für möglich hältst, bist du bereits in den Fängen einer Verschwörungstheorie. Am besten du besorgst dir gleich ein paar Exemplare der gleichen oder der selben … egal!

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

2 Minuten

Essai Thich Nhat Hanh

Interbeing

2 Minuten

Essai Ursula Baatz

Vertrauen

3 Minuten

Buchauszug Reimer Gronemeyer

Urvertrauen

4 Minuten

Interview Hartmut Rosa und Wolfgang Endres

Vertrauen schafft Resonanzen

4 Minuten

Empfehlung Heini Staudinger

Eine Kraft der Hoffnung

3 Minuten

Essai Michel Reimon

Vertrauenskrise

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

6 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika

3 Minuten

Empfehlung Sylvia Kislinger

Adjus.table – auf der Höhe der Zeit

2 Minuten

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