Was ist geschehen, warum hat sich eine stumme Trauer auf die Welt gesenkt?

Nun steht es, denke ich, so: Das Sein weiß nicht, dass es ist; der Schein weiß, dass er scheint. Wir leben jetzt alle als Mitwisser des fürchterlichen Betrugs, dem wir

zum Opfer gefallen sind. Unser ganzes Leben lang dekorieren wir selbst, jeder seinen eigenen Käfig, und nennen ihn Freiheit oder, wenn wir besonders primitiv sind, nennen wir ihn Automobil. Tatsäch- lich war die gewaltige Veränderung der Beweg- lichkeit der Menschen eines der hauptsächlichen Werkzeuge ihrer Entwirklichung. Sie brauchen jetzt viel weniger Zeit, um in die Hölle ihrer eige- nen Fabrikation zu gleiten.

Solange der Mensch in der Wahrheit lebte, konnte er nachdenken über das Unerreichbare, das Unerklärliche. Im Segen des Rätselhaften stand er auf festerem Boden als wir es tun in unserem wissenschaftlichen Zeitalter, das alle Geheimnisse frißt, um sie als Fakten auszuspeien. Diese, als Software verpackt, informieren dann Generationen, die alles wissen, ohne irgendetwas zu verstehen. Zweifellos waren es die Naturwissenschaften und die von ihnen vorangetriebene Technik, die sich zwischen die Menschen und deren Welt geschoben haben, durch die so geschaffene Verwirrung beitragend zum Verlust der Wirklichkeit. (…)

Gleichgültig, ob sie sich auf neue wissenschaftliche Forschungen stützt oder nicht – die Technik ist eine Unterabteilung der Moralphilosophie und nicht der Wissenschaft.PAUL GOODMAN, NEW REFORMATION

Manchmal, als ich noch freier denken konnte, habe ich mich gefragt, wie wir, die jetzt leben, einem uralten Redivivus – einem Vorsokratiker, einem Scholastiker, einem Florentiner aus der großen Zeit – vorgekommen wären. Ich glaube, sie wären alle zur Überzeugung gekommen, dass sie es mit konsumierenden und koitierenden Leichen zu tun haben. Was wir Freiheit nennen, wäre ihnen als die ärgste Form der Knechtschaft erschienen. Denn wir sind die Sklaven geworden einer gewaltig zunehmenden Macht, nämlich des Fortschritts. Über eine immer kahler werdende Landschaft gejagt von Wissenschaft und Technik, Tag und Nacht von Maschinen beherrscht und geleitet, ist der Abstand zwischen Menschheit und Menschlichkeit unendlich groß geworden. Was ist geschehen, warum hat sich eine stumme Trauer auf die Welt gesenkt?

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 45

2 Minuten

Buchauszug Patrick Spät

Automatisch arbeitslos

11 Minuten

Essai Dschuang Dsi und Moreau

MaschinenHerz

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Essai Fabian Scheidler

Das Ende der Megamaschine

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Essai Josef Stampfer

Genossenschaft – Illusion und Wirklichkeit

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Buchauszug Günther Anders

Moralische Phantasie

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L'homme démachiné

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Kommentar Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika. Zeichen der Verbundenheit

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Empfehlung Sylvia Kislinger

Oskarl für Improvisation

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