Vertrauen

Raum des Lebens, der Resonanz

Vertrauen ist ein kostbares Gut. Ist es erst einmal erschüttert, geht es leicht verloren und ist nur schwer wieder zu finden. Vertrauen hat nichts zu tun mit »sich die Welt schönreden«, sondern ist eine fundamentale Beziehungsqualität. Beziehung geschieht, unsichtbar, aber deutlich wahrnehmbar, im Zwischen – dem Raum, in dem das Leben stattfindet, ein Bereich des Übergangs. In diesem Raum teilen wir miteinander Empfindungen, Gefühle, Bilder, Gedanken – ein Raum des Lebens, ein Raum der Resonanz der Welt. Wir atmen, lachen, weinen und lieben miteinander, manchmal streiten wir auch, und so lernen wir einander zu vertrauen. Leibliche Sozialresonanz nennt dies der Soziologe Hartmut Rosa (siehe Seite 13) in seinem neuen Buch »Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung«. Hinter diesem sperrigen Ausdruck verbirgt sich die Einsicht, dass Menschen – also wir – keine Ich-Maschinen sind, deren subjektive Gefühle mit einer objektiven Außenwelt mehr oder weniger übereinstimmen, sondern in lebendiger Resonanz mit der Welt leben, also eher Musikern ähneln, die ihre Instrumente spielen und erst dadurch, dass sie miteinander spielen, das Musikstück erzeugen, zu Gehör bringen.

Dass Organismen so ähnlich wie Maschinen funktionieren, ist eine Perspektive, die in Europa ab dem 17. Jahrhundert immer mehr dominierte. Der westlichen Medizin hat dies bahnbrechende und lebensrettende Entdeckungen ermöglicht. Das Problem der Gegenwart besteht allerdings darin, dass die Maschinen-Metapher nicht mehr nur als heuristische Option dient, sondern zur nahezu einzigen und alleinherrschenden Welterklärung avanciert ist.

Die Beschleunigung der Gesellschaft, die der Soziologe Rosa in einer vor zehn Jahren erschienenen und viel beachteten Studie analysiert hat, beruht auf der breiten Anwendung des Maschinen-Modells für die meisten Lebensbereiche. Maschinen müssen funktionieren und optimiert werden, da geht es nicht um Vertrauen. Optimierung und Beschleunigung bemächtigen sich der Lebenszeit der Menschen und lassen ihnen keine Zeit zum Atmen. Das kann man buchstäblich verstehen. Wenn der Arbeitsdruck zu hoch wird, reagiert der Körper (korrigiere: der Mensch) mit Panik, das vegetative Nervensystem gerät in Alarmzustand und das hat Folgen für das ganze lebende Wesen. Die Atmung wird flach, die Verdauung gerät aus dem Takt, man bekommt einen »Tunnelblick«, die ganze Person fühlt sich unwohl und blockiert und bekommt auf Dauer Gesundheitsprobleme. In der Welt der Maschinen-Metapher spielt Resonanz keine Rolle, es ist eine erstarrte Welt, in der Kontrolle das Vertrauen ersetzt und Menschen krank macht.

Wer nicht genügend vertraut, wird kein Vertrauen finden. LAO TSE

Vertrauen beruht nicht auf wissenschaftlichem Wissen, sondern auf guten Erfahrungen der Vergangenheit, die in die Gegenwart und nahe Zukunft extrapoliert werden. Vertrauen ist auch ein Lernprozess des Körpers. Wer vertraut, atmet ruhig und tief, die Haut ist gut durchblutet, die Verdauung funktioniert, die Wahrnehmung ist offen und weit – damit das Leben sich gut anfühlt und das komplexe Zusammenspiel von Körper und Geist das sensible Gleichgewicht bewahren kann, brauchen wir vertrauensvolle Beziehungen.

Nun hat sich Misstrauen in den letzten Jahrzehnten wie eine Wolke ausgebreitet. Die Menschen haben die Lektion gelernt: von der »Suppe, die lügt« bis zu Politikerinnen und Politikern, die die Worte im Mund umdrehen; von den Banken, die den Superreichen helfen, ihr Vermögen vor der Steuer zu verstecken bis zu den Wissenschaftlern, die ihre Expertisen frisieren, damit sie zu den Wünschen der Auftraggeber passen. Von manchen populistischen Politikern wird als nächster Schritt der Eskalation Bewaffnung empfohlen. Die Vorstellung, mit Revolvern könnte man für mehr Vertrauen und besseren Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen, zeigt, wie sehr sich Indifferenz (man schaut z.B. durch jemanden hindurch oder ignoriert diese Person) und Repulsion, Zurückweisung, breitgemacht haben.

Wenn »soziale Institutionen und gesellschaftliche Interaktionsformen, welche systematisch auf Berechnung und Abrechnung angelegt sind« (Rosa) die Menschen in nahezu allen Lebenssphären unter Druck bringen, wird es immer schwieriger und aber zugleich auch immer wichtiger, »individuelle Resonanzinseln« zu bewahren. Es gilt, solche Insel-Orte aufzusuchen: das können physische Orte sein – Orte in der freien Natur genauso wie in der Stadt; Orte, an denen Menschen einander begegnen können. Mindestens genau so wichtig sind mentale Orte der Resonanz. Unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist durch die Maschinen- und Optimierungsbilder in unserem Sprechen und Denken geprägt. Damit Resonanz Raum bekommt, ist eine Sprache der »poetischen Objektivität« (Andreas Weber) nötig, in der sich die gelebte, gefühlte, verstandene, verkörperte Begegnung mit der Welt ausdrücken und vermitteln kann.

URSULA BAATZ

Illustration Bianca Tschaikner

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

2 Minuten

Essai Thich Nhat Hanh

Interbeing

2 Minuten

Essai Ursula Baatz

Vertrauen

3 Minuten

Buchauszug Reimer Gronemeyer

Urvertrauen

4 Minuten

Interview Hartmut Rosa und Wolfgang Endres

Vertrauen schafft Resonanzen

4 Minuten

Empfehlung Heini Staudinger

Eine Kraft der Hoffnung

3 Minuten

Essai Michel Reimon

Vertrauenskrise

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

6 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika

3 Minuten

Empfehlung Sylvia Kislinger

Adjus.table – auf der Höhe der Zeit

2 Minuten

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