Vertrauen schafft Resonanzen

Das geschenkte Vertrauen verstärkt sich selbst. Vertrauen ist eine Ressource, die sich durch ihren Einsatz vermehrt.

Wolfgang Endres: Vertrauen baut auf Erfahrungen in der Vergangenheit. Schlechte Erfahrungen erzeugen Angst, machen misstrauisch. Ich werfe mal einen Blick auf Orpheus in der Unterwelt: Seine Geliebte Eurydike darf er aus der Welt des Todes zurückholen unter der Bedingung, dass er sich nicht umdreht, um sich zu vergewissern, ob sie ihm auch tatsächlich ins Leben folgt. Daran scheitert er. Er dreht sich um und verliert so die Geliebte zum zweiten Mal. Ein hoher Preis, wenn es an Vertrauen fehlt.

Hartmut Rosa: Ja, ich glaube, an diesem Mythos, mit dieser Parabel lassen sich viele Prozesse im Bildungsgeschehen verstehbar machen. Ich leite gerade eine SchülerAkademie in Braunschweig. Dabei wird es mir wieder überdeutlich, wie sehr Vertrauen ein Grundprinzip der Pädagogik ist. In den Rückmeldebögen der Schüler lesen wir sehr häufig, wie viel ihnen das bedeutet. Manche schreiben etwa: »Die wichtigste Erfahrung meines Lebens ist, dass ihr uns vertraut habt.« Einige ergänzen noch: »Und das Tollste war, dass wir dieses Vertrauen nicht missbraucht haben.«

Wolfgang Endres: Und dieses Vertrauen haben die Schüler höchstwahrscheinlich auch nicht missbraucht?

Hartmut Rosa: Durch wechselseitiges Vertrauen kann sich eine Resonanzzone bilden. Kindern und Jugendlichen einen Vertrauensvorschuss zu geben, ist die Basis für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ich einem Kind sage: »Wenn du lügst oder stiehlst, finde ich das heraus! Ich habe hier Kameras installiert!«, kann es keine moralische Qualität im Sinne von Ehrlichsein oder Verlässlichkeit ausbilden. Vertrauensbildung geht noch weiter: Kindern zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen, stärkt auch ihr Selbstvertrauen.

Wolfgang Endres: Zu diesem Vertrauen gehört auch, ihnen Verantwortung zu übertragen?

Hartmut Rosa: Genau darin liegt der Reiz. Wenn Kinder, wie Menschen überhaupt, das Gefühl haben, an der Lösung eines Problems beteiligt gewesen zu sein, gehen sie mit gestärktem Selbstbewusstsein dar- aus hervor. Das geschenkte Vertrauen verstärkt sich selbst. Vertrauen zu geben, erzeugt beim Empfänger ein Verantwortungsgefühl, dieses Vertrauen auch zu rechtfertigen. Der Gebende fühlt sich bestätigt und auf beiden Seiten wächst das Vertrauen weiter. Das war bei Orpheus anders. Er hat der Zusage noch nicht vertraut, er wollte sich vergewissern und hat sicherheitshalber überprüft, ob Eurydike ihm wirklich folgt. Damit hat er sich selbst untergraben.

Wolfgang Endres: Unterirdisch kann es aber auch werden, wenn in blindem Vertrauen die Realität falsch eingeschätzt wird.

Hartmut Rosa: Aber auch dann kommt es auf einen Versuch an. Es gibt im Unterricht immer wieder Situationen, in denen ein Lehrer erst einmal sagt: »Ich glaube, ihr kriegt das selbst hin. Ich traue euch das jetzt alleine zu.« Geht es dann aber schief, rudern sie gleich zurück: »Okay, wenn es nicht klappt, dann machen wir es eben anders.« Und dann folgen Ermahnungen, Anweisungen oder Listen. Und damit ist das anfängliche Vertrauensverhältnis schon wieder zerstört. Es ist ein mühsamer Prozess, oft auch ein riskanter, manchmal sogar ein gefährlicher. Es kommt immer wieder vor, dass Schüler Vertrauen missbrauchen. Aber es lohnt sich, das Risiko einzugehen, und wenn es mal schief gegangen ist, gemeinsam über die Situation nachzudenken. Zum richtigen Umgang mit Vertrauen gehört auch, zu reflektieren.

Ich verstehe Resonanz als eine bestimmte Weise, mit der Welt in Verbindung zu treten. Resonanz ist kein Gefühlszustand, sondern ein Beziehungs- modus. Diese Beziehung zur Welt ist dadurch gekennzeichnet, dass uns da draussen etwas anspricht, bewegt oder berührt. Und dass wir umgekehrt das Gefühl haben, wir können die Welt erreichen und eine Art Spur hinterlassen. HARTMUT ROSA

Wolfgang Endres: Das Reflektieren wird in der Resonanzpädagogik in fast allen Lernprozessen großgeschrieben?

Hartmut Rosa: Beim Reflektieren werde ich auch meiner Verantwortung bewusst. Dieses Signal von Mitverantwortung ist für Schüler unendlich wichtig. Dafür schaffen wir in der Schule zu selten Gelegenheiten. Es gilt ja auch in der Gesellschaft die geflügelte, Lenin zugeschriebene Behauptung: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.« Das ist grundverkehrt, weil es genau diese Art von basaler Resonanzachse untergräbt.

Wolfgang Endres: Wäre die umgekehrte Reihenfolge akzeptabel: »Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser«?

Hartmut Rosa: Wenn wir schon beim Philosophieren sind, komme ich zu Kant, der im Prinzip nahelegt, die Regeln so zu schaffen, dass selbst ein Volk von Teufeln funktionieren würde oder friedlich zusammenleben könnte. Aber auch das halte ich für falsch. Ich würde in einer Schulklasse keine Regeln aufstellen wollen, die auch dann funktionieren oder darauf abzielen, wenn oder dass die Teilnehmenden ein Volk von Teufeln sind.

Wolfgang Endres: Sondern?

Hartmut Rosa: Also meine These lautet: Regeln für ein Volk von Teufeln schaffen erst dieses Volk von Teufeln. Anders ausgedrückt: Wenn beim Erstellen der Regeln für das Volk von Teufeln im Klassenzimmer schon davon ausgegangen wird, dass hier alles schief läuft, dass gestört, gemobbt, einander ausgenützt und geschadet wird, wo immer es geht, dann werden geradezu Anreize geschaffen, das Angeprangerte zu tun.

Wolfgang Endres: Aber wenn ein derartiges Verhalten im Klassenzimmer sowieso schon an der Tagesordnung ist?

Hartmut Rosa: Auch dann setze ich auf Vertrauen. Und ich glaube, dass es sich lohnt, auf missbrauchtes Vertrauen nicht mit Sanktionen, Strafen und Kontrollen zu reagieren, sondern nochmals Vertrauen zu schenken und

 

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

2 Minuten

Essai Thich Nhat Hanh

Interbeing

2 Minuten

Essai Ursula Baatz

Vertrauen

3 Minuten

Buchauszug Reimer Gronemeyer

Urvertrauen

4 Minuten

Interview Hartmut Rosa und Wolfgang Endres

Vertrauen schafft Resonanzen

4 Minuten

Empfehlung Heini Staudinger

Eine Kraft der Hoffnung

3 Minuten

Essai Michel Reimon

Vertrauenskrise

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

6 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika

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Empfehlung Sylvia Kislinger

Adjus.table – auf der Höhe der Zeit

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