Vertrauen heißt, alle Gefühle fühlen zu können

»Stronzo«, sagt mein Freund Luciano zu mir, und ich weiß, ich bin endlich angekommen. Luciano sieht mich an, streng, amüsiert und dankbar. Eine plötzliche Welle von Dankbarkeit hüllt mich ein. Ich bin da, lebendig, mitten in der Wirklichkeit. Jetzt, am abgewetzten Metall des Tresens in der Bar Sport in Varese Ligure. Ich habe Luciano den Gefallen getan, ihn zu einem Sandwich einzuladen, nichts weiter. Zu einem Espresso hinterher. Nach drei Monaten, die ich schon in Italien lebe.

Drei Monate, in denen ich mir an Luciano die Zähne ausgebissen habe. Bei Szenen wie dieser:
»Ich lade dich ein.« »Nein, kommt überhaupt nicht in Frage.« Schon liegt das Geld auf dem Bartisch. Ich bin zu spät. Zu langsam.
Und dieser:
»Lass uns wenigstens halbe-halbe machen.« Ein abweisendes Lächeln. In der Hand des Kellners klimpern schon die Euros. »Das ist ein Spiel für Reiche«, sagt Alessandro, ein anderer Freund, der aber nicht wie Luciano aus Neapel kommt, sondern aus Padova, dem Hinterland der Kauf- mannsrepublik Venedig. »Nein«, entgegne ich. »Es ist ein Spiel für Arme. Auch die Ärmsten der Armen können es spielen.« Diesmal habe ich Walter, den Wirt, instruiert: »Was auch immer wir essen und trinken, ich bezahle es dir hinterher. Du behauptest in jedem Fall Luciano gegenüber, die Rechnung sei schon beglichen.«

Klar hat Walter mitgemacht, ein unschuldiges Lächeln auf dem Gesicht, er war glücklich über diese Gelegenheit, er ist überhaupt glücklich, wenn er jemandem einen Gefallen tun kann. Vor der Bar Sport schütten wir uns aus vor Lachen. Luciano hat mir das Geschenk gemacht, dass ich ihm etwas geben durfte. Es hat ihn nichts gekostet. Genau genommen hat er sogar gespart. Er hat nur gespart. Ich hingegen bin reich.

Draußen kreisen die Mauersegler um den alten Steinturm. Die dichten Bäume auf dem Hügel dahinter, die Esskastanien, Eichen, Eschen und Kirschen glühen, wie von innen erwärmt, gelb im spätnachmittaglichen Sonnenlicht. Ich müsste dieses Licht beschreiben, nein, ich müsste das Licht beschreiben, wie es sich in meiner Seele in Leuchten verwandelt. Es ist ein Spiel und ich habe gewonnen, indem ich freiwillig verloren habe. Ich vertraue, dass ich nicht vorsorgen muss, sondern dass für mich gesorgt sein wird. Ich habe ein Opfer gebracht und: lebe.

Die Natur ist sachlich nur wo sie muss. In der Natur wird das Komplizierteste, das Wertvollste ohne Nachdenken hingeschenkt. Ihre Fülle dient nicht der Investition, sondern ist ein Akt des Vertrauens.ANDREAS WEBER

Luciano hat mich in meinen Jahren in Italien, als ich noch die Wohnung in meinem ligurischen Städtchen besaß, das Schenken gelehrt. Er hat mich damit eine radikale Form des Vertrauens in die schöpferische Wirklichkeit gelehrt. Er hat mir gezeigt, dass ich stärker werde, wenn ich mich verausgabe. Ich lernte von Luciano nichts weiter, als dass ich Leben schenken konnte, und dass mir dieses Schenken ein intensives Gefühl vermittelte, selbst lebendig zu sein. Es war eine Übung, um zu lernen, dass der Weg zum Ich durch das Du führt.

Die Lehre der Großzügigkeit besteht darin, dass es mich lebendiger macht, wenn ich etwas fortgebe, was mir später wirklich fehlt. Es macht glücklich, dass mich die Freude des anderen etwas gekostet hat. Etwas, dessen Fehlen ich spüre, dessen Verlust meine eigene Freiheit beschränkt.

Wir haben, solange wir am Leben sind, die Möglichkeit, dieses Leben und seine Ressourcen zu teilen. Es gibt eine tiefe Verbindung zwischen dem unausweichlichen Scheitern, das eines Tages jeden Akt der Schöpfung, die Erfolge jeder eigenen Handlung, jede Weltverbesserung wieder verlöschen lassen wird, und dem rückhaltlosen Geben.

Im Geben ist das Scheitern schon aufgehoben. Es geht darum, dass wir die Selbstlosigkeit im Handeln als ein zentrales Prinzip der Lebendigkeit verstehen – und damit als ein Prinzip, wie sich das eigene Selbst erst herstellt. In der Natur ist alles Geschenk. Von der Sonnenwärme bis zur Nahrung, die sie uns gibt, von den Möglichkeiten tieferen Selbstverständnisses bis hin zur Freude, die sie uns schenkt, verströmt sie sich als voraussetzungslose Gabe. Der Charakter des Geschenks der Natur besteht darin, Leben zu sein. Alles Lebendige ist gratis.

Erst wenn wir erfassen, dass die Zirkulation der Gabe zentrale Voraussetzung ökologischen Gedeihens ist, können wir die heute alles durchdringende Haltung des Geizes ablegen. Erst wenn wir erfassen, dass jenes Glück, das »ins eigene Herz zurück« kehrt, in der Tiefe ein Echo des ökologischen Maßes ist, können wir das Geben ganz auskosten, ohne um unsere eigene Sub- stanz zu fürchten. Es gibt diese Substanz ja gar nicht. Es gibt nur die Verwandlung verschiedener Subjekten eine jeweils neue Form des gegenseitigen Erfassens, die schöpferische Fantasie der eigenen Zukünftigkeit. Schon unser Körper gehört uns gar nicht wirklich, sondern rinnt uns beständig durch die Finger. Unser Stoffwechsel folgt dem ökologischen Zentralprinzip, dass erst die absichtslose Entäußerung Identität schafft. »Wer gibt«, sagt der amerikanische Philosoph Lewis Hyde (2007, S. 166), »ist willens, die Kontrolle aufzugeben… und einen Kreislauf zu befördern, der das Leben unterstützt.«

Wie produktiv unsere Handlungen oder unsere Werke sind, hat etwas damit zu tun, wie sehr sie die Lebendigkeit anregen. Das aber kann nur geschehen, so Hyde, wenn das eigene Handeln nicht allein dem Zweck folgt, ein verwundbares Ego abzusichern. Wenn es nicht Leistungsdiktat und Kontrollzwang unterworfen ist, sondern darauf vertraut, die selbst empfangene Fülle weiter geben zu können – und dafür etwas Wertvolles, ja etwas zum Leben Essentielles aufgibt. Wenn das Geben eine ökologische Zentralgröße ist, müssen wir es folglich zum Eckpfeiler einer Kultur des Lebens machen.

Viele Völker, die in einer Balance mit der Natur leben, fühlen sich von dieser beschenkt – und stehen umgekehrt ihr gegenüber in der Schuld. Das ist Kern des archaischen Rezepts für die Schonung natürlicher »Ressourcen«. Was zum Leben dient, wird als Gabe verstanden, nicht als Güter, die daliegen, damit man sie zum eigenen Vorteil nutzen kann. Hyde berichtet von einem Maori-Volksstamm, dessen Angehörige regelmäßig Teile ihrer Jagdbeute und Feldernte in den Wald tragen, um dessen produktive Kraft auf eine symbolische Weise zu nähren. Dort zerfallen die Spei- sen, werden von Tieren verzehrt und von Pilzen verwandelt – und gehen wieder in den Kreislauf des Werdens und Verschwendens ein.

Hyde sieht, dass ein solches Handeln keine nette kulturelle Folklore ist, sondern einer tieferen ökologischen Einsicht folgt. Diese Einsicht bedeutet gerade nicht, die eigenen Ressourcen zu schonen, so wie der Investor seine Barreserven schont, um später besser investieren zu können. Die vom Mund abgesparte Gabe folgt vielmehr einer Einsicht in die Wirklichkeit. Nichts Lebendiges lässt sich besitzen, lautet diese Einsicht. Wir, besessen vom Zwang zu Effizienz und Leistungssteigerung, irren uns, wenn wir annehmen, alle Beziehungen im Reich des Lebendigen seien Resultat von rückhaltlosem Wettbewerb und scharf kalkulierter Ausgabenoptimierung – und stünden im Dienste des evolutionären Fortschritts. Wir müssen uns mit der Idee anfreunden, dass in der Natur das Gegenteil von effizienter Sparsamkeit herrscht: nämlich maßlose, sinnlose Verschwendung.

Auch die Wesen, die im Vorabendfernsehen gerne als »effiziente Jäger« bezeichnet werden, die großen Raubtiere wie Löwen, Pumas und Wölfe, sind erstaunlich ineffizient. Bei Warmblütern wie uns auch gehen mehr als neun Zehntel der Nahrungsenergie allein für die Körperwärme drauf – die Energiebilanz ist ähnlich desaströs wie die eines nicht wärmegedämmten 1950er- Jahre-Fertighauses. So wie die großen Jäger beim Energieverbrauch nicht ein Muster der Effizienz darstellen, sondern eher deren Gegenteil, so sind sie auch in anderer Hinsicht nicht wirklich angepasst. Sie sind Anarchisten des Selbstausdrucks, Dandies unter den Tieren, die sich Extravaganz leisten können. Wer zwi- schen grünem Gesträuch gelb leuchtet und auch noch ein auffälliges Muster trägt, fällt auf. Aber die Großkatzen sind so stark und schnell, dass sie ihre Beute trotzdem fangen. Ihre Erscheinung ist somit kein Werkzeug, sondern ein Surplus, ein Überschuss. Das Fellmuster der Raubkatze ist ein Geschenk des Lebens an sich selbst.

Die Natur ist sachlich nur wo sie muss. In der Natur wird das Komplizierteste, das Wertvollste ohne Nachdenken hingeschenkt. Ihre Fülle dient nicht der Investition, sondern ist ein Akt des Vertrauens, der durch für uns sparsame Kapitalisten sinnlose Grandeur stets aufs Neue eingelöst wird. Wie etwa könnten wir es verstehen, dass ein Wolf, dieses Wunderwerk an Präsenz, Beharrlichkeit, Zärtlichkeit und physiologischer Präzision, bereits mit sieben Jahren sein Leben gelebt hat; dass ein Tier von solcher Vollkommenheit schon nach so kurzer Zeit wieder zerfällt?

Das dritte Gesetz der Sehnsucht lautet: Nur im Spiegel anderen Lebens können wir uns selbst verstehen. Wir brauchen den Blick des Allerfremdesten.ANDREAS WEBER, Alles fühlt

Das Vertrauensprinzip, dass etwas werde, versucht nicht verzweifelt den je eigenen Tod abzuwenden, sondern gibt sich den Möglichkeiten der Verwandlung hin – und nimmt den darin enthaltenen Schmerz ernst. Vertrauen heißt so auch, Schmerz nicht abzutun. Vertrauen heißt, alle Gefühle fühlen zu können.

Das sollten wir nicht vergessen, wir, die Bewohner von Gesellschaften, die sich das Label »freiheitlich« an alle möglichen Stellen kleben und damit heute meinen: so frei wie ein Käufer mit aufgeladener Kreditkarte in einem Hyper-Markt. Nein, die Freiheit des Lebendigen ist kein Regen von Sterntalern. Sie ist das Gegenteil – und hängt doch damit zusammen. Freiheit zeigt sich im Vertrauen auf das Werden, ohne ein Ziel zu sehen. Sie äußert sich im Verhalten des frierenden Mädchens, das sein letztes Hemd herschenkt, um anderen Frierenden zu helfen, und die dafür mit dem Glitzern des ganzen Himmels gesegnet wird. Vertrauen ist das, was den ganzen Mut erfordert, lebendig zu sein.

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

2 Minuten

Essai Thich Nhat Hanh

Interbeing

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Essai Ursula Baatz

Vertrauen

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Buchauszug Reimer Gronemeyer

Urvertrauen

4 Minuten

Interview Hartmut Rosa und Wolfgang Endres

Vertrauen schafft Resonanzen

4 Minuten

Empfehlung Heini Staudinger

Eine Kraft der Hoffnung

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Essai Michel Reimon

Vertrauenskrise

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Wer sich nicht vertraut – bleibt sich nicht treu!

6 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika

3 Minuten

Empfehlung Sylvia Kislinger

Adjus.table – auf der Höhe der Zeit

2 Minuten

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