Urvertrauen

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wirklich?

Manche Menschen »haben keine Beine«. Sie sitzen immer wieder fest, ihre Selbstständigkeit ist eingeschränkt. Manche Menschen »haben kein Rückgrat«, ihnen fällt es schwer zu widersprechen und sich durchzusetzen. Manche »haben keine Augen«, sie fühlen sich dauernd beobachtet und beurteilt. Manche Menschen »haben keine Ohren«. Sie können nicht zuhören.

»Wer keine Ohren hat«, so schreibt Fritz Perls, »findet sich gewöhnlich bei Leuten, die reden und reden und erwarten, dass alle Welt ihnen zuhört. Was andere sagen, dient ihnen überhaupt nur als Stichwort für Entgegnungen, wenn sie überhaupt so weit zuhören.«

Solche psychosozialen »Behinderungen« deuten zurück auf die Lebensgeschichte, auf Ursachen und Ursprünge am Anfang unseres Lebens, an die wir uns nicht gern erinnern. Manche Feinfühligkeit und Empfindsamkeit ist uns schon als kleinste Kinder ausgetrieben worden. In den Dramen und dunklen Nächten unserer Kindheit haben wir sie aufgegeben, weil wir die Welt angesichts nicht erträglicher Kränkungen, Schmerzen und Enttäuschungen nur so aushalten konnten. In der Folge solcher Erfahrungen verhärten sich die einen, werden taub und stumpf, die anderen verschieben die bitteren Erfahrungen in abgetrennte Bereiche ihrer Seele oder ihres Körpers: Abstumpfung oder Abspaltung sind Rettungsversuche, mit denen Menschen solche Verletzungen zu überleben versuchen, an denen sie sonst zugrunde gehen würden. So hat es der Körperpsychotherapeut Gustl Marlock beschrieben.

Der Pyschoanalytiker Erik H. Erikson hat für diesen Sachverhalt den Begriff des Ur-Vertrauens geprägt. Und die Rede vom Ur-Vertrauen ist in unsere Alltagssprache eingegangen. Aber tatsächlich steckt ja hinter dem Wort Ur-Vertrauen ein ernster, tiefer Tatbestand. Haben unsere Kinder ein solches Ur-Vertrauen, können sie es haben? Sind ihre anfänglichen Lebensumstände so, dass sie sich an das Ufer des Ur- Vertrauens retten können? Die Frage, ob ein Mensch in sein Leben mit grundsätzlichem Vertrauen oder grundsätzlichem Misstrauen eintaucht, diese Frage wird ganz am Anfang des Lebens gestellt. Gelingt es, das Ur-Vertrauen zu verankern, ist damit die Basis für eine Persönlichkeit gelegt, die vertrauensvoll auf sich selbst und andere schauen kann. Ist aber das Miss-

trauen die Ur-Erfahrung, dann ist das Tor geöffnet für Verformungen des Menschen, für eine Verkrankung des Menschen, die verschiedene Ausprägungen erfahren kann. Und der Lebensweg von Menschen wird dementsprechend von Ur-Angst oder von einer ursprünglichen Hoffnung geprägt sein.

Wahrscheinlich mischen sich in den meisten Menschen beide Erfahrungen. Bedroht sind viele davon, dass das Ur-Misstrauen in ihnen die Oberhand gewinnt – und dann kann am Menschen eine Panzerung entstehen, die nur noch in Gefühllosigkeit und innere Vereinsamung, in ein inneres Abgestorbensein führt.

»Wir brauchen Sozialabbau. Deutschland muss schlanker werden.« So klingen die Stimmen, die aus dem Mund solcher Menschen kommen, die keinen Auf- bruch aus dem abgestorbenen Leben, das sie führen, zustande bringen. Erich Fromm hat das den »nekrophilen« Charakter genannt und damit Menschen gemeint, deren Existenz nichts anderes ist als ungelebtes Leben. Nekrophilie – die Liebe zum Toten.

Kennzeichen der Nekrophilie im sozialen Sinne ist nach Fromm eine Vergötterung der Technik. Symbole des Nekrophilen sind für ihn Fassaden aus Beton und Stahl, sind die Megamaschine, die Vergeudung von Ressourcen im Konsumismus und die Art, wie der Bürokratismus Menschen als Dinge behandelt.

Manchmal könnte man denken, dass heute das Ur-Misstrauen Recht bekommen hat. Dass man mit dem Ur-Misstrauen besser überleben kann als mit dem Ur-Vertrauen. Vieles von dem, was uns heute zustößt und zugemutet wird, dekoriert sich mit dem Schein der Unausweichlichkeit, das Vertrauen fordert und widerspruchslose Anpassung verlangt.

Habe Vertrauen zum Leben – und es trägt dich lichtwärts. SENECA

»Alternativlosigkeit« – das war das Unwort des Jahres 2010. Wer wagt schon noch zu bestreiten, was uns täglich eingehämmert wird? Das größtmögliche Wachstum von Produktivität und Wettbewerb, so heißt es, sei das letzte und einzige Ziel menschlichen Handelns. Dem fallen heute soziale Milieus zum Opfer, in denen die Menschen früher im Glücksfall Nachbarschaftlichkeit und Solidarität haben leben können.

Wir erleben heute die planmäßige Zerstörung sozialer Zusammenhänge, es soll nur noch das Einzelwesen geben. Der Begriff Gemeinschaft wird als sozialromantisch abgetan, von Gesellschaft ist kaum noch die Rede (die »Bevölkerung« als eine Anhäufung von Individuen ist an die Stelle getreten). Verteidigungsgemeinschaften wie Gewerkschaften, Genossenschaften, Berufsverbände lösen sich auf und werden aufgelöst zugunsten der unumschränkten Herrschaft der Flexibilität. Individuelle Zielvorgaben, individualisierte Beschäftigungsverhältnisse, individuelle Lohnerhöhungen und Zuschläge, individuelle Beförderungen schaffen ein Klima allumfassender Konkurrenz und allumfassenden Misstrauens.

In unserer Biografie siegt – wenn wir Glück haben – das Ur-Vertrauen über das Ur-Misstrauen. Es ist die Verlockung schlechthin, sich diesem Mainstream einzupassen. Mitzuschwimmen und zu versuchen, oben zu schwimmen. Die Erinnerung an das Vertrauen als lebensspendende Kraft ist unzeitgemäß. Unpraktisch. Nicht »ziel- führend«, um diese ganz und gar lächerliche Modevokabel zu benutzen. Wer »gut aufgestellt ist« – um eine andere Modevokabel zu zitieren – meint, vorneweg zu marschieren, steht aber tat- sächlich schon auf dem Friedhof, neben seinem offenen Grab.

Vertrauen dagegen lebt. Lebt von Freundschaft, von Wärme, von Nähe, von Verlässlichkeit: »Ich baue auf dich« – das ist der Kernsatz des Vertrauens, in dem das Antlitz des anderen zählt und nicht sein Bankkonto.

Es geht nicht allein. Die Befreiung aus dem Narzissmus, die Wiederentdeckung des DU: In der Vereinzelung lauert die Resignation. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, der Satz des Frankfurter Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno mag analytisch richtig sein: Als Devise kann er nicht über dem Leben der Kin- der stehen. Das gute Leben, nach dem die Alten wie die Jungen sich sehnen, das gute Leben in schlechten gesellschaftlichen Verhältnissen beginnt im schöpferischen Widerstand gegen die Zustände, die kaputt machen wollen. »Ein gesundes Leben ist ein rebellisches Leben. Es lebt sich besser und gesünder, wenn man im Widerstand lebt«, sagt Hans Peter Dreitzel, und er hat recht damit. Eine wichtige Hilfe dabei ist die Solidarität einer Gruppe, einer Aktionsgruppe zum Beispiel, und viele junge Menschen finden solche Bezugsgruppen bei Greenpeace oder Amnesty international oder lokalen Gruppen.

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Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 44

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