Sprachlose Nähe

Von den fehlenden Worten zwischen Frauen und Männern

Herz ging zu Freundschaft: »Bist Du es, die mich so pochen lässt?«
»Ich bin es nicht allein … Es ist treuer als ich!«
Herz ging zu Leidenschaft: »Bist Du es, die mich so hüpfen lässt?«
»Ich bin es nicht allein … Es ist wilder als ich!«
Herz ging zu Liebe: »Bist Du es, die mich so schmelzen lässt?«
»Ich bin es nicht allein … Es ist tiefer als ich!«
Da ging Herz zu Stille: »Bist Du es: treuer als Freund­schaft, wilder als Leidenschaft, tiefer als Liebe?«
Stille sagte nichts. Sie war es.

Verantwertung. »Die Ordnung der Menschen kommt aus der Ordnung der Worte«. Konfuzius. »Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.« Wittgenstein. Werte und Worte bedingen einander. Und das ist ganz einfach zu begreifen: Wir verstehen immer weniger, was wir selber sagen. Und wie wir sprechen, bestimmt, was unsere Enkel als ihre Lebensform wählen werden! Sprache war schon immer im Fluß. Was wir derzeit erleben, ist aber kein Dahinfließen unserer Formen der Mitteilung, vielmehr ein Wasserfall.

Ein Sturzbach von Neologismen, Wortneuprägungen, im Guten und weniger Gelungenem … Da gab es vor einigen Jahren die »holic«-Welle: alcoholic, workoholic, chocoholic, sexaholic … Abgesehen davon, dass »al-kuhl/al-cohol« so viel wie »die Essenz« im spanischen Arabien bedeutete – also genau nichts mit irgendeiner Sucht zu tun hat – wird hier gedankenfrei egalisiert: zuviel ist zuviel! Ein anderes verhängnisvolles Produkt der Denkprothesen-Industrie: »Islamophobie«; phobos (φοβος) heißt eben noch immer: Furcht, unschuldiges Schlottern, vor dem Krampus oder der Schlange, dem Flug … Und wenn – der real unter »Männerbünden« gepflegte – Frauenhass noch immer als Misogynie gebrandmarkt wirkt, wäre der diffusse Groll gegen eine Familie von monotheistischen Glaubenshaltungen, welche ohne den Propheten Muhammad nicht existierte, Mislamismus zu nennen!

Skulptur Thomas Priebsch (Karpathos, 2012)
Lyrik Jewgeni Jewtuschenko (1932–2017), Uninteressante Menschen gibt es nicht, Übersetzung: Volker Braun
Komposition Moreau

 

Alle Menschen werden Schwestern? Was hat das alles mit dem Urverhältnis zwischen Frau und Mann zu tun, das für mich im Grunde noch immer ein gutes, ein »Naturgut« ist, trotz vieler patriarchaler Mythen und dem einen Mythos vom Patriarchat? Nun, es ist klar, dass gerade hier, im (noch) sogenannten Geschlechtlichen, die Sprache ausfranst, wie kaum sonstwo. Und es ist auch völlig richtig, wie die feministische Kritik hier auf weiße Flecken hinweist, welche die linguistische Landkarte noch immer übersäen. Die so revolutionären Franzosen, die sich nicht scheuten, die jahrtausendealten Monatsnamen abzuschaffen, kompromißlos dem muckerischen »bourgeouis« den kühnen »citoyen« entgegenstellten – sie waren reaktionär und herzenstaub genug, um neben Freiheit (liberté) und Gleichheit (égalité) als dritten Grundwert nur den halben Wert zum vollen Preis die Brüderlichkeit (fraternité) zu proklamieren! Es fiel ihnen einfach nicht auf, genausowenig wir den »Freigeistern« Schiller und Beethoven. Aber ersetze einmal im Fidelio (»Es sucht der Bruder seine Brüder…«) oder in der Ode an die Freude alle maskuline Herzlichkeit durch die feminine: »Alle Menschen werden Schwestern, wo Dein sanfter Flügel weilt…« DAS wäre den Lesenden und Hörenden sehr wohl aufgeblitzt, hätte ihnen den blinden Fleck bewusst gemacht! Aber wie sollen wir die Utopie einer Menschheitsfamilie nun auf den Begriff bringen? Mittels eines neuen Wortes, welcher zwischen »Bruder« und »Schwester« die Mitte hält? (Die »Geschwister« kennen leider keine Einzahl!) Wenn es ihn gäbe, warum haben wir ich noch nicht gefunden? Oder ersetzen ihn durch etwas Umfassenderes?

M+F=G? In Mozarts »Zauberflöte« geht’s schon ein bißchen ausgewogener zu. »Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an!« Aber als was? Diese Arie wird vom »Spaßvogel« Papageno gemeinsam mit der fast überirdischen Prinzessin Pamina gesungen … Es geht hier um Liebe, und zwar durchaus um sinnenfrohe, aber eben nicht um die Beziehung zwischen dem Halbwilden und der Halbgöttin … Dennoch scheinen sie sich gemeinsam nach derselben Erfüllung zu sehnen. Und gerade darin, dass die beiden nicht einander, sondern zusammen begehren, wechselseitig das jeweilige Glück von Herzen wünschen sehe ich einen Vorgeschmack von »Geschwisterlichkeit« zwischen den Geschlechtern! In der Poesie, der Musik; im real existierenden Kommunikationsrepertoire sind wir noch lange nicht so weit …

Umwortung. Ich lausche in der Schnellbahn gern. Gratis-Hörspiele statt Gratis-Zeitungen. Und da gibt’s immer ähnliche Begriffsverwirrungen, wenn’s um »Beziehungen« geht: »Mein Freund hat gesagt…« »Was, wer ist es, ich hab geglaubt, du bist Single?« »Nicht so ein Freund! Ein Bekannter, aber wir sind gute Freunde…« »Schläfst du mit ihm manchmal?« »Nein, das wär ja Freundschaft plus…« »Also platonisch?« »Nein…kameradschaftlich!« So läuft es unter Jugendlichen. Aber glaube nicht, dass es in anderen Alterstufen keine beziehungsbedingten »Wortfindungsstörungen« gäbe! »De Meinige«; »A Bekannte«; »A sehr enge Bekannte«. Ja, oft wissen Männer und Frauen nicht, welche Beziehung sie zueinander haben. Klingt übrigens dürftig & unpersönlich. Beziehung. Haben. Noch schlimmer: Oft heißt das geliebte Wesen einfach »meine Beziehung«. »Ah der da drüben is’ deine neue Beziehung?« Es ist wirklich besser in der Stille zu verweilen. Sie enthält alles. Treuer als Freundschaft. Wilder als Leidenschaft. Tiefer als Liebe. Lasst sanfte Wünsche oder kraftvoll-schöne Taten sprechen. Die Worte werden folgen!

 

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