SagMeister

Er ist einer der kreativsten Designer der Welt. Stefan Sagmeister gestaltete Plattencover für die Rolling Stones, Lou Reed oder David Byrne. Die letzten sieben Jahre hat er vor allem am Happy-Projekt gearbeitet. Seine »Happy Show« machte in zahlreichen Städten halt und war 2015 im Wiener MAK zu sehen. Sein Hauptprojekt »The Happy Film« lief Anfang Jänner 2017 in den österreichischen Kinos an. Nach der Premiere nahm er sich Zeit für ein Interview, das Rainer Wisiak mit ihm führte.

BRENNSTOFF:  Innovativ zu sein über eine lange Zeitspanne ist sicherlich recht mühsam, anstrengend …

STEFAN SAGMEISTER: … vielleicht sogar unmöglich. Ich glaube, dass die meisten Leute die großen Dinge ihres Lebens so im Alter irgendwo um die 30 herum andenken. Ich glaube, das hat auch mit der Biologie zu tun, damit, dass das Gehirn mit 29 Jahren aufhört zu wachsen. Ich würde heute – ich bin 54 – wahrscheinlich auch keine riesengroße, komplett neue Sache anfangen, die ich davor noch nie ausprobiert habe. Ich habe zwar derzeit gerade einen wahnsinnigen Haufen Energie, aber die Sachen, die ich mache, die bauen auf Dingen auf, die ich schon kann.

BRENNSTOFF: Helfen Ihnen da die Sabbaticals (Sagmeisters Agentur ist alle sieben Jahre für ein ganzes Jahr komplett geschlossen), kreativ zu bleiben?

STEFAN SAGMEISTER: Sehr! Unglaublich! Ich würde sagen, die Sabbaticals hatten und haben viele Folgen: zum einen haben sie sichergestellt, dass ich meinen Beruf immer noch als Berufung ansehe und nicht nur als Karriere oder gar Arbeit. Und bei Berufung meine ich, ich würde es auch machen, selbst wenn ich nicht dafür bezahlt werden würde. Ich glaube auch, dass jede neue große Richtung unserer Agentur aus den Sabbaticals heraus entstanden ist. Wenn ich nach den ersten sieben Jahren nicht auf Sabbatical gegangen wäre, würden wir wahrscheinlich immer noch CD-Covers machen und uns wundern, wieso die Kunden so schlecht geworden sind und die Bezahlung so schlecht geworden ist oder niemand mehr daran interessiert ist (lacht herzlich). Und die Sabbaticals erlauben einem natürlich sehr gut, über die großen Zusammenhänge nachzudenken.

BRENNSTOFF: Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt: Break through-Innovationen entstehen, wenn »Spiel« im Spiel ist. Viele ihrer Arbeiten wirken sehr verspielt. Gibt es in Ihrem Leben das ganz zweckfreie Spiel(en)?

STEFAN SAGMEISTER: Was wir z.B. versuchen, ist, jede Möglichkeit zu nützen, um vom Computer weg zu kommen. Da alle, die im Design arbeiten, vor dem Computer sitzen, ist die Möglichkeit sehr groß, dass alle sehr ähnliche Sachen machen, weil alle die gleichen Werkzeuge verwenden. Wenn wir das künstlich unterbrechen, indem wir Teile oder ab und zu die Hauptteile nicht digital oder nur halb digital machen und zum Beispiel das Spiel mit reinholen, dann wird das automatisch anders. Auch im Design ist also das Neue neurologisch erklärbar.

BRENNSTOFF: Das Wissenschaftlerehepaar Root-Bernstein stellte unlängst eine interessante Studie mit dem Titel »Arts Foster Scientific Success« (Wie die Künste den wissenschaftlichen Erfolg nähren) vor. Darin stellten sie das Freizeitverhalten von allen bis dahin gekürten 510 NobelpreisträgerInnen jenen von 7306 WissenschaftlerInnen gegenüber, die in offiziellen Verbänden organisiert sind, aber keine Nobelpreise erhalten haben. Das Ergebnis: Die NobelpreisträgerInnen musizieren viermal so oft wie die »NormalwissenschaftlerInnen«, beschäftigen sich siebzehnmal häufiger aktiv mit bildender Kunst oder sind fünfundzwanzigmal häufiger abseits ihrer Profession als Autoren – Lyrik, Science Fiction – kreativ.

STEFAN SAGMEISTER: Das glaube ich sofort, das ist auch bei Designern so. Alle Designer, die ich respektiere, haben ein großes Interesse außerhalb vom Design. Die, die wirklich nur im Design bleiben, machen schon von dem her nichts Interessantes, weil sie nur vom Design beeinflusst werden. Man kann wahrscheinlich ein Handwerk auf die Spitze treiben, das geht … es wäre interessant zu wissen, ob das zum Beispiel bei klassischen Klavierspielern auch so ist. Ob die Top-10 der klassischen Klavierspieler sich mehr mit anderen Dingen beschäftigen oder ob die wirklich nur Klavier üben. Wenn ich mir die Top-5 Designer in den Staaten anschaue, kann ich resümieren: die haben alle ein großes Interesse außerhalb vom Design.

BRENNSTOFF: Leider prallen solche Erkenntnisse an unserem Bildungswesen ab. Da herrscht immer noch die Doktrin: lieber mehr vom Gleichen (faden Stoff ). Nach »The Happy Show« und »The Happy Film« – hätten Sie Vorschläge zum Thema »The Happy School«?

STEFAN SAGMEISTER: Ja klar. Also als erstes würde ich verbieten, dass eine Schule als Würfel gebaut wird – oder als Quader eben. Ich glaube, dass der Raum, in dem unterrichtet wird, eine große Rolle spielt.

BRENNSTOFF: Kommt das hin, wenn Hundertwasser sagt, die gerade Linie sei gottlos?

STEFAN SAGMEISTER: Ich würde das jetzt nicht so überspitzt ausdrücken, aber ich glaube, die gerade Linie in Österreich ist gottlos – weil da eh schon so viel gerade ist. Ich glaube, wenn man jetzt irgendwo in irgendeinem Tiroler Urgestein, wo alles rauh und wild ist, das Bestreben hat, eine gerade, ganz ruhige Sache hinzubauen, dann verstehe ich das total. Aber wenn man da im Vorort neben dem Konsum oder Spar noch einmal einen Würfel hinstellt, hundert Jahre nach dem Bauhaus (-Stil), dann sage ich einfach: fuck you! Ist denen jetzt wirklich hundert Jahre lang nichts anderes eingefallen? Ich glaube, es werden die ganz falschen Sachen unterrichtet. Die Tatsache, dass die ganzen Dinge von der Tiefenphysik bis zu Mathematik alle immer noch bis ins Detail unterrichtet werden, ist unerträglich. Es führt lediglich dazu, dass man dann so denken lernt und ich glaube, es gäbe genug Möglichkeiten, das Denken anhand von Dingen zu erlernen, die man auch wirklich brauchen kann. Es gibt nicht einen meiner 27 Klassenkameraden, mit denen ich maturiert habe, der – außer, sie haben es dann studiert – diese Dinge im Leben brauchen konnte. Nicht einen einzigen! Während die ganzen Dinge, die alle auf uns zufallen, wie: »Wie beende ich eine Beziehung?«, »Wie gehe ich mit dem Tod um?«, »Wie gehe ich mit Streit um?« – also die ganzen Dinge, die JEDER von meinen 27 Klassenkameraden durchlebt, durch den Rost fallen. Das ist ein Blödsinn, gerade jetzt, wo es für Fakten einen so einfachen Zugang gibt. Ich weiß natürlich, ich brauche ein Grundwissen, um nachschauen zu können, aber dieses Grundwissen könnte besser entstehen und anhaltender sein, wenn ich mit Themen des Lebens verbunden bin.

Schon als kleiner Junge musste ich meine Erziehung unterbrechen, um zur Schule zu gehen.GEORGE BERNARD SHAW

BRENNSTOFF: Ken Robinson, ein Engländer, der jetzt in Amerika lebt und sich lange mit Bildung beschäftigt hat, schreibt: »Bildungssysteme verhindern Kreativität meistens, weil sie auf der falschen Prämisse aufbauen, das Leben verliefe LINEAR und nicht ORGANISCH.«

STEFAN SAGMEISTER: Ich kenne Ken Robinson sehr gut, wir waren oft gemeinsam essen oder haben auf der gleichen Bühne gesprochen. Von ihm würde ich ziemlich alles unterschreiben und das Zitat macht natürlich Sinn. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch viele Bereiche, auch durch den Bereich Design, bis hin zur Universität. Es erinnert mich an Edward de Bono, der viel übers Denken nachgedacht hat und viele Hilfen zum Denken erfunden hat. Er arbeitet viel mit Regierungen, mit Unis und mit Firmen. Ich habe ihn gefragt, in welchen von diesen drei Bereichen – also: Regierungen, Universitäten oder Firmen – seinem Gefühl nach am wenigsten gedacht wird. Und wie aus der Pistole geschossen kam: Universitäten! Und de Bono hat wirklich mit vielen gearbeitet – weltweit. Und ich meine, wenn in der höchsten Ausbildungsstätte weniger nachgedacht wird als in den sonst so verschrieenen Regierungen, dann sagt das schon etwas über unsere Bildungssysteme aus.

BRENNSTOFF: Ich kenne Schulen, die neben dem Erlernen von bestimmten Kulturtechniken den Hauptfokus darauf legen, dass die Schüler Tagebuch führen, um es wöchentlich mit einem von ihnen gewählten Mentor zu besprechen. Sie führen seit ihrem zwölften Lebensjahr ein Tagebuch. Und das Tagebuchschreiben hat für Sie bis heute eine große Bedeutung …

STEFAN SAGMEISTER: Absolut. Es ist ein sehr angenehmes Werkzeug. Erstens, was das Schreiben selbst betrifft – es ist so eine leichte Mini-Meditation. Ich schreibe es einmal in der Woche, das tut ganz gut. Und manchmal überkommt es mich, nachzuprüfen: Was habe ich denn eigentlich vor fünf Jahren gedacht? Da ist es dann oft so, dass es mich wundert: Mein Gott, das wollte ich vor fünf Jahren schon ändern – und das habe ich immer noch nicht gemacht! Aber eben – ich glaube auch: genau solche Sachen gehören in die Schulen hinein, verbunden mit Fragen wie: Wie gehe ich mit der eigenen negativen Einstellung um? Wie gehe ich mit Geld um?

BRENNSTOFF: Dem Filmpublikum haben Sie heute einen kleinen Tipp gegeben, der auf lange Sicht das Glück anlocken könnte: sich ein Notizbüchlein mit einem Stift auf’s Nachtkästchen zu legen …

STEFAN SAGMEISTER: Das ist eine schöne, gute und einfache Sache: Ich habe auf meinem Nachtkästchen ein Notizbuch – und wenn ich abends den Wecker stelle, schreibe ich mir drei Dinge auf, die an diesem Tag funktioniert haben. Wir alle haben einen Hang zum Negativen, weil das in der Steinzeit überlebenswichtig war. Aber eigenartig: Wir leben heute in der sichersten Zeit der Menschheitsgeschichte, haben aber am meisten Schiss. Und die negativen Beispiele fallen uns immer am stärksten auf, zum Beispiel: in der langsamsten Warteschlange zu stehen. Im Notizbuch könnten dann so banale Dinge stehen wie: Heute bin ich in der schnellsten Schlange gestanden! Die großen Dinge, die einem gelungen sind, natürlich auch …

BRENNSTOFF: Vielen Dank für den Tipp und für das Gespräch!

Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald. MARTIN KIPPENBERGER

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Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 47

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Quo Vadis?

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Kommentar Moreau

Ein Leben für den Irrtum

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Kommentar Heini Staudinger

Endlich! Endlich! Rückenwind

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Maimanifest 2015

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Essai Dr. Wilfried Ehrmann

Quo vadis Gesundheit

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Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

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Interview Rainer Wisiak

SagMeister

6 Minuten

Buchauszug Martin Buber

Der Weg des Menschen

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Kommentar Ewald Grünzweil

Diese Wirtschaft tötet

3 Minuten

Reportage Heini Staudinger

Afrika – quo vadis?

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Short Cuts Brennstoff Redaktion

Der Fluch des Reichtums

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Kommentar Christian Felber

Ethisch handeln

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