Revolution der Zärtlichkeit II

BRENNSTOFF 48

Papst Franziskus: Warum die einzig lohnenswerte Zukunft jeden einschließt

»Ein Einzelner ist genug, damit Hoffnung existieren kann, und dieser Einzelne könnten Sie sein«, sagte Seine Heilig­keit Papst Franziskus in einem mitreißenden Vortrag, der im April 2017 direkt aus dem Vatikan auf eine TED-Konferenz in Vancouver übertragen wurde. In einer hoffnungsvollen Botschaft an Men­schen aller Glaubensrichtungen, an die Mäch­tigen und die Macht­losen, gibt das geistliche Ober­haupt einen Kommentar über das aktuelle Weltge­sche­hen ab und fordert, dass Gleichheit, Solidarität und Zärtlichkeit vorherrschen sollten. »Helfen wir uns alle gemeinsam dabei, uns zu erinnern, dass der Andere keine Statistik oder eine Nummer ist«, sagt er. »Wir alle brauchen einander.«

Guten Abend — oder, guten Morgen, ich bin nicht sicher, wie viel Uhr es bei Ihnen ist. Aber unabhängig davon freue ich mich, an dieser Konferenz teilzunehmen. Ich mag den Titel sehr — »The Future You« –, denn das Betrachten der Zukunft lädt heute zum Dialog ein, um die Zukunft durch ein »Du« zu betrachten. »The Future You«: Die Zukunft besteht aus »Dus«, aus Begegnungen, denn das Leben fließt durch die Beziehungen mit anderen. Etliche Jahre des Lebens haben meine Überzeugung bestärkt, dass die Präsenz jedes einzelnen eng mit der von anderen verbunden ist: Das Leben zieht nicht nur vorbei, im Leben geht es um Begegnungen.

Kein Mensch ist eine Insel. Als ich Menschen traf oder zuhörte, die unter einer Krankheit litten; Mi­granten, die unsagbares Elend erleben, auf der Suche nach einer besseren Zu­kunft; Gefangene, die unglaublichen Schmerz in ihren Her­zen tragen; und jene, viele von ihnen jung, die keine Arbeit finden können, fragte ich mich oft selbst: »Warum sie und nicht ich?« Ich selbst wurde in eine Familie von Migranten geboren: Mein Vater, meine Großeltern hatten sich, wie viele andere Italiener, nach Argentinien aufgemacht und begegneten dem Schick­sal derer, die nichts hatten. Ich hätte leicht bei den heu­tigen »ausrangierten« Men­schen enden können. Daher frage ich mich tief in meinem Herzen immer: »Warum sie und nicht ich?«

Vor allem würde ich mir wünschen, dieses Treffen könnte uns daran erinnern, dass wir alle einander brauchen. Keiner von uns ist eine Insel, ein autonomes und unabhängiges »Ich«, getrennt vom Anderen. Wir können nur eine Zukunft erschaffen, wenn ausnahmslos alle zusammenstehen. Wir denken selten darüber nach, aber alles ist miteinander verbunden, und wir müssen unsere gesunden Verbindungen wiederherstellen. Sogar das strenge Urteil, das ich in meinem Her­zen über meinen Bruder oder meine Schwester fälle, die offene Wunde, die nie heilte, die nicht vergebene Beleidigung, der Groll, der nur mich verletzen wird, sind alles Fälle eines Krieges, den ich in mir trage, eine Fackel tief in meinem Herzen, die ausgelöscht werden muss, bevor sie in Flammen aufgeht und nur Asche hinterlässt.

Der Mensch wird am Du zum Ich.MARTIN BUBER

Heutzutage glauben viele von uns, dass eine glückliche Zukunft unerreichbar ist. Während solche Be­den­ken ernst genommen werden müssen, sind sie nicht unbesiegbar. Sie können überwunden werden, wenn wir uns nicht vor der Außenwelt verschließen. Glück kann nur entdeckt werden als ein Geschenk der Har­monie zwischen dem Ganzen und jedem einzelnen Teil. Sogar die Wissenschaft — und Sie wissen das besser als ich — zielt auf das Verstehen von Wirklichkeit ab, als einem Ort, wo jedes Element mit allem anderen verbunden ist.

Solidarität. Das bringt mich zu meiner zweiten Bot­schaft. Wie wun­­derbar wäre es, wenn das Wachstum der Wissen­schaft und technologische Innovation mit mehr Gleich­heit und sozialer Integration einhergehen würden. Wie wunderbar wäre es, während wir weit ent­fernte Planeten entdecken, die Bedürfnisse unserer Brüder und Schwestern um uns herum wiederzuentdecken. Wie wunderbar wäre es, wenn Brüderlichkeit, dieses schöne und manchmal unbequeme Wort, nicht nur auf Sozialarbeit begrenzt wäre, sondern stattdessen zur Standardhaltung in Politik, Wirtschaft und bei wissenschaftlichen Entscheidungen, genauso wie in Beziehungen zwischen Menschen und Ländern werden würde. Nur indem wir Menschen wahre Brüderlichkeit vermitteln, echte Solidarität, werden wir die »Kultur der Verschwendung« überwinden können. Was nicht nur Nahrung und Güter betrifft, sondern vor allem die Menschen, die von unserem techno-ökonomischen Sys­­tem beiseite geschoben werden, das, ohne es überhaupt zu merken, Produkte statt Menschen ins Zen­trum stellt.

Solidarität ist ein Begriff, den viele gern aus den Wör­terbüchern streichen würden. Solidarität ist kein automatischer Mechanismus; sie kann nicht programmiert oder gesteuert werden. Es ist eine freiwillige Reaktion, die im Herzen jedes einzelnen entsteht. Ja, eine freiwillige Reaktion! Wenn man erkennt, dass das Leben, sogar inmitten so vieler Widersprüche, ein Geschenk ist, dass Liebe die Quelle und die Bedeutung von Leben ist, wie können Sie dann den Drang zurückhalten, einem Mitmenschen etwas Gutes zu tun?

Wahrhaft große Leute müssen in dieser Welt immer eine große Traurigkeit empfinden.FJODOR M. DOSTOJEWSKI

Der Andere hat ein Gesicht. Um Gutes zu tun, brauchen wir Er­innerung, Mut und Kreativität. Ja, Liebe braucht eine kreative, konkrete und erfinderische Haltung. Gute Ab­sichten und gängige Formeln, so oft zur Beruhi­gung unseres Gewissens genutzt, reichen nicht aus. Hel­fen wir uns alle gemeinsam dabei, uns zu erinnern, dass der Andere keine Statistik oder Nummer ist. Der Andere hat ein Gesicht. Das »Du« ist immer eine echte Präsenz, eine Person, um die man sich kümmern sollte.

Jesus erzählte ein Gleichnis, das uns den Unterschied zwischen denen verständlich macht, die nicht behelligt werden wollen, und denen, die sich kümmern. Sicher haben Sie es schon gehört. Es ist das Gleichnis des guten Samariters.

Als Jesus gefragt wurde: »Wer ist mein Nächster?« — also eigentlich: »Um wen sollte ich mich kümmern?« — erzählte er die Geschichte eines Mannes, der angegriffen, überfallen, geschlagen und auf dem Feldweg zurückgelassen worden war. Ein Priester und ein Levit, damals sehr einflussreiche Per­sonen, gingen einfach vorbei, ohne ihm zu helfen. Etwas später kam ein Sa­mariter vorbei, eine damals sehr verachtete Ethnie. Als er den Verletzten am Boden liegen sah, ignorierte er ihn nicht, so als wäre er gar nicht anwesend. Statt­dessen hatte er Mitleid mit diesem Mann, was ihn dazu brachte, ganz konkret zu handeln. Er träufelte Öl und Wein auf die Wunden des hilflosen Mannes, brachte ihn zu einer Herberge und bezahlte selbst dafür, damit ihm geholfen wurde.

Die Geschichte vom guten Samariter ist die der heu­tigen Menschheit. Die Wege der Menschen sind mit Wunden versehen, da sich alles um Geld und Dinge dreht, statt um Menschen. Häufig gibt es die Ange­wohnheit, von selbsternannten »respektablen« Leuten, sich nicht um andere zu kümmern, wodurch sie tausende Menschen oder ganze Völker am Straßenrand zurücklassen.

Glücklicherweise gibt es auch jene, die eine neue Welt erschaffen, indem sie sich um andere kümmern und selbst dafür zahlen. Mutter Teresa sagte sogar: »Man kann nicht lieben, bevor es nicht auf ei­gene Kosten geht.«

Es gibt so viel zu tun und wir müssen es gemeinsam tun. Aber wie können wir das, bei all dem Übel, das wir täglich einatmen? Gott sei Dank kann kein System unseren Wunsch beseitigen, uns dem Guten, dem Mit­gefühl, und unserer Fähigkeit, das Böse zu bekämpfen, zu öffnen. All das kommt tief aus unseren Herzen. Sie können mir jetzt sagen: »Sicher, das sind alles schöne Worte, aber ich bin weder der gute Samariter noch Mutter Teresa aus Kalkutta.« Vielmehr ist jeder einzelne von uns wertvoll. Jeder von uns ist in den Augen Gottes unersetzlich. In der Finsternis der aktuellen Kon­flikte kann jeder von uns eine leuchtende Kerze werden, eine Mahnung, dass Licht die Finsternis überwinden wird, und niemals andersherum.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. VACLAV HAVEL

Hoffnung ist wie unsichtbare Hefe. Für uns Christen hat die Zu­kunft einen Namen, und dieser Na­me ist Hoffnung. Hoffnungsvoll zu sein meint nicht, naiv-optimistisch zu sein und die Tragik zu ignorieren, der die Mensch­heit gegenüber steht. Hoffnung ist die Tugend eines Herzens, das sich nicht selbst in Fins­ternis verschließt und in der Vergangen­heit lebt, das in der Gegenwart nicht einfach klarkommt, sondern die Zukunft sehen kann. Hoffnung ist die Tür, die sich zur Zukunft öffnet. Hoffnung ist ein demütig verborgener Samen des Lebens, der sich mit der Zeit in einen großen Baum verwandeln wird. Er ist wie unsichtbare Hefe, die den Teig zum Wachsen bringt, die allen Le­bensbereichen Geschmack verleiht. Sie kann so viel er­reichen, denn ein winziger Licht­­schim­mer, der sich von Hoffnung ernährt, ist genug, um das Schutzschild der Finsternis zu durchbrechen. Es reicht ein einzelnes Indivi­duum, damit es Hoffnung gibt, und dieses In­di­viduum kannst »du« sein. Dann gibt es ein weiteres »Du« und ein weiteres »Du«, und es wird zu einem »Wir«. Beginnt Hoff­nung also, wenn es ein »Wir« gibt? Nein. Hoffnung be­ginnt mit einem »Du«. Wenn es ein »Wir« gibt, be­ginnt eine Revolution.

Revolution der Zärtlichkeit. Die dritte Bot­schaft, die ich heute mit Ihnen teilen möchte, handelt von einer Revolution: der Revolution der Zärtlich­keit. Was ist Zärtlichkeit? Das ist greifbare und konkrete Liebe. Es ist eine Bewegung, die in unseren Herzen beginnt und die Augen, die Ohren und die Hände erreicht. Zärtlichkeit meint, die Augen zu nutzen, um den anderen zu sehen, unsere Ohren, um den anderen zu hören, den Kindern, den Armen zuzuhören, jenen, die Angst vor der Zukunft haben — und auch die stummen Schreie unseres ge­mein­samen Zuhauses zu hören, unserer kranken und verschmutzten Erde. Zärtlichkeit meint, unsere Hände und unser Herz zu nutzen, um den Anderen zu trösten, um uns um die Be­dürftigen zu kümmern.

The Future You. Zärtlichkeit ist die Sprache kleiner Kinder und derjenigen, die den anderen brauchen. Die Liebe eines Kin­des für Mutter und Vater wächst durch Berührung, Blick, Stim­me und Zärtlichkeit. Ich mag es, wenn ich Eltern mit ihren Babys sprechen höre, wie sie sich dem Kleinkind anpassen, um die gleiche Gesprächsebene zu finden. Das ist Zärtlichkeit: mit dem Anderen auf einer Ebene zu sein. Gott selbst stieg als Jesus herab, um auf unserer Ebene zu sein. Den gleichen Weg nahm der gute Samariter. Diesen Weg nahm Jesus selbst. Er erniedrigte sich, er durchlebte seine gesamte menschliche Existenz mit der konkreten Spra­che der Liebe.

Ja, Zärtlichkeit ist der Pfad der Wahl für die mächtigsten, mutigsten Männer und Frauen. Zärt­lichkeit ist kei­ne Schwäche, sondern eine Stärke. Es ist der Pfad der Solidarität, der Pfad der Demut.

Erlauben Sie mir, es laut und deutlich zu sa­gen: Je mächtiger man ist, desto mehr werden sich die eigenen Handlungen auf andere auswirken, desto mehr ist man verpflichtet, de­mütig zu handeln. Ansonsten wird Ihre Macht Sie und andere ruinieren. Es gibt ein Sprich­wort in Argen­ti­nien: Macht ist wie Gin auf leeren Ma­gen zu trinken. Man fühlt sich schwind­lig, betrinkt sich, verliert seine Balance und schadet schließlich sich selbst und allen um einen herum, wenn man seine Macht nicht mit Demut und Zärtlichkeit verbindet. Durch De­mut und konkrete Liebe hingegen wird Macht — die höchste und stärkste Form — ein Dienst, die Kraft des Guten.

Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in der Hand von Politikern, großen Anführern, großer Unter­nehmen. Ja, sie haben enorme Ver­antwortung. Aber die Zukunft liegt vor allem in den Händen der Men­schen, die den Anderen als »Du« und sich selbst als Teil eines »Wir« erkennen. Wir alle brauchen einander. Da­her denken Sie auch mit Zärtlichkeit an mich, da­mit ich die mir übertragene Aufgabe erfüllen kann, zum Wohl des Anderen, jedes Einzelnen, zu unser aller Wohl. Vielen Dank!

Übersetzung: Angelika Lueckert Leon

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 48

2 Minuten

Buchauszug Gerald Hüther und Christa Spannbauer

Ein Plädoyer der Verbundenheit

3 Minuten

Essai Elisabeth Schrattenholzer

Wir, die Weltbevölkerung

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Der Stoff, aus dem die Träume sind

4 Minuten

Essai Konstantin Wecker

Revolution der Zärtlichkeit I

5 Minuten

TED-Vortrag Papst Franziskus

Revolution der Zärtlichkeit II

8 Minuten

Buchauszug Harald Welzer und Ilija Trojanow

Jede Menge Handlungsspielräume

2 Minuten

Interview Jean Ziegler und Alexander Behr

Der schmale Grat der Hoffnung

24 Minuten

Essai Ursula Baatz

Die Schatten des Wir

4 Minuten

Buchauszug Johann Wolfgang von Goethe

Nur alle Menschen machen die Menschheit aus

1 Minute

Essai Huhki Henri Quelcun

Gegen die drohende Bytokratie!

7 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika hat Pech und das Pech hat viele Namen

4 Minuten

Lyrik John Donne

No man is an island

1 Minute

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