Revolution der Zärtlichkeit I

BRENNSTOFF 48

Der unbeugsame Jean Ziegler nennt die Zi­vilgesellschaft eine »mysteriöse Bruder­schaft der Nacht«, die aus all den vielfältigen Bewegun­gen zusam­men­ge­setzt ist, die an ganz verschiedenen Fron­ten gegen die kannibalische Welt­ordnung und ge­gen die Staatsraison Widerstand leisten.

Ich nenne es manchmal den Aufstand der Leisen, der deshalb auch keine wirkliche mediale Beachtung findet, aber dennoch ein Aufstand ist. Vielleicht sogar eine Revolution. Eine Revolution der Zärtlichkeit. Eine spirituelle Revolution. Eine Revolution des Mitgefühls in einer Zeit, in der soziopathische Machos die Welt be­­­stimmen.

Hass kann man nie mit Hass besiegen, sagt der Bud-d­ha. Hass kann man nur mit Liebe besiegen. Und die Liebenden gibt es, ja, ich wage zu behaupten, sie werden mehr, aber sie dürfen nicht wahrge­nom­men werden in unserer materialistischen, von der Profitlogik ge­triebenen Gesellschaft, deren Cre­do zu sein scheint: der Mensch ist ein Wolf unter Wöl­fen.

Ja, es sind diese Leisen, oftmals Unbeachteten, nicht Eitlen, die ohne ideologischen Überbau ihr Herz entde­cken und erahnen – manche haben es vielleicht schon tief in sich erfahren –, dass wir alle zu­sam­men­ge­hö­ren und eins sind, mögen wir uns noch so be­kriegen und abschlachten.

Bei Dorothee Sölle (in ihrem nicht hoch genug zu lo­benden Buch »Mystik und Widerstand«) habe ich dieses Zitat von Wendell Berry gelesen: »So, wie wir sind, sind wir Teile [Mitglieder, engl. members] von jedem Anderen. Wir alle. Alles. Der Unterschied be­steht nicht darin, wer ein Mitglied ist und wer nicht, sondern da­rin, wer es weiß und wer nicht.«

Vielleicht haben wir erst dann, wenn wir es wissen, das Recht, uns selbst und uns alle in die Pflicht zu neh­men. Vielleicht können wir dann erst selbst entscheiden, weil erst dann wirklich unser Selbst und nicht unser hin und her gerissenes, ständig fremd be­stimmtes Ego entscheidet. Eine solche Verpflichtung kann man allerdings wohl nur sich selbst auferlegen, man kann sie nicht anderen besserwisserisch abverlangen.

Freiheit – das heißt keine Angst haben, vor nichts und niemand.KONSTANTIN WECKER

Das heißt nicht, dass wir uns nicht wehren dürfen, ja müssen, gegen ungerechte, unbewusste Attacken auf die Lebendigkeit, das Miteinander-Sein, das Fürein­an­der-Fühlen. Aber ich wehre mich erst dann aufrichtig und mit ganzem Herzen, wenn ich die Verursachung des Leides nicht als etwas sehe, das außerhalb meiner Selbst liegt. Erst wenn ich den Verursacher nicht für schuldig und von mir getrennt halte, sondern für je­manden, der auf sich nehmen musste, was mir er­spart bleibt, beginne ich frei zu denken und zu entscheiden.

Thich Nhat Hanh, der 1926 geborene vietnamesische Mönch, Zen-Meister und Poet, schreibt von einem 12- jährigen Flüchtlingsmädchen, das auf der Flucht von einem Piraten vergewaltigt wurde. Daraufhin er­tränkte das Mädchen sich im Ozean.

»Wenn Sie so etwas erfahren, werden Sie zunächst sicher Wut gegenüber dem Piraten empfinden. Sie stellen sich natürlich auf die Seite des Mädchens. Wenn Sie tiefer schauen, werden Sie es allmählich anders sehen. Stellen Sie sich auf die Seite des Mädchens, ist es einfach. Sie brauchen nur ein Gewehr zu nehmen und den Piraten zu erschießen. Aber das können wir nicht tun. Ich sah in der Meditation, dass ich selbst ein Pirat wäre, wenn ich in seinem Dorf geboren und unter denselben Bedingungen aufgewachsen wäre wie er. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich dann auch Pirat geworden wäre. Ich kann mich aber selbst nicht so einfach verdammen. In meiner Meditation habe ich gesehen, dass viele Kinder, Hunderte am Tag, entlang des Golfs von Siam geboren werden. Und wenn wir Erzieher und Sozialarbeiterinnen, Politiker und Politi­kerinnen nichts an der Situation ändern, werden in 25 Jahren eine Reihe von ihnen ebenfalls Piraten sein. Das ist gewiss. Wenn Sie oder ich heute in diesen Fi­scherdörfern geboren würden, wären wir möglicherweise in 25 Jahren auch Seepiraten. Wenn Sie ein Ge­wehr nehmen und den Piraten erschießen, erschießen Sie uns alle; denn wir alle sind in gewissem Umfang für diesen Zustand verantwortlich.«

Dies ist die Pflicht: sich dem All gegenüber in jedem Augenblick verantwortlich zu wissen und sein Äußerstes einzu­setzen im Kampf gegen Schwach­heit und Lüge, gegen Halb­heit und Unwahrhaftigkeit. Dies ist die Mahnung: aus dem Bewusstsein der Einheit heraus sich als Bruder und Freund zu allem Geschaffenen zu beweisen, Milde üben, ohne schwach zu werden, Güte zu zeigen, ohne weichlich zu werden. FJODOR M. DOSTOJEWSKI

Freiheit kann nicht heißen, andere verantwortlich zu machen für das, was uns geschieht, es bedeutet, die Verantwortung dafür selbst zu übernehmen. Nur aus dieser Erkenntnis heraus beenden wir das Moralisieren, das uns immer wieder dem (gerechtfertigten) Verdacht aussetzt, nicht selbst zu entscheiden, sondern Vorur­teile und Dogmen für uns entscheiden zu lassen.

Nicht das Schlechtsein der Anderen verleiht uns ein Gütesiegel. Wenn wir Gutes tun wollen und können, dann nur, wenn wir nicht reagieren, sondern agieren. Und vor allem nicht, weil wir uns an einem schlechten Gegenüber hochranken müssen. Im Gegensatz zu den allermeisten Politikern des Erd­balls haben das viele in der von Jean Ziegler be­schwo­renen »Zivilgesell­schaft« verinnerlicht.

»Es geht ums Tun und nicht ums Siegen« habe ich in Erinnerung an Sophie Scholl in meinem Lied über die »Weiße Rose« geschrieben. Darum sollte es uns nun allen gehen. Denn nur durch »tätiges Mitgefühl« (Al­bert Schweitzer) können wir der Verrohung entgegentreten, mehr noch, da­durch können wir einen für uns alle begehbaren Weg aufzeigen, denn die Wege der Krie­­ger und Gierhälse sind uns doch sowieso alle versperrt. Sie tö­ten mit Drohnen und anderen Hightech­mordinstru­menten, sie töten in den Vorstandsetagen der Banken und Konzerne, in ihren Geldvermehrungs­tempeln an der Wall Street und in London und Genf; gegen uns sind ihre Tempel abgeschottet, gesichert, be­­wacht. Nein, wir wollen dort auch gar nicht hin, in diese Sümpfe der Unmenschlichkeit, wir wollen nicht mit ihnen den Mam­mon und den Streit, die Nieder­tracht und den Hochmut anbeten. Selbst wenn wir wollten – zerstören können wir diese Hochsicherheits­trakte Gomorr­has nicht. Aber wir können sie mit unseren Ideen, unserer Phan­tasie, unserer Hilfsbereitschaft, unserer Zärtlichkeit und unserem La­chen in die Knie zwingen, getragen vom sicheren Wis­sen, dass der Mensch mehr ist, als es sich unsere Schul­weisheit er­träumen lässt: in seinem tiefsten In­neren an­gebunden ans Geistige.

Diese Revolution, deren Tore wir bereits geöffnet ha­ben, braucht keine Führer und Dogmen, keine Ideo­lo­gien und Pamphlete. Sie wird sich mit fühlenden Men­schen vernetzen und das Leben neu erwecken.

1964 schrieb Erich Fromm: »Die Nekrophilie   (…) ist ge­nau jene Antwort auf das Leben, die im völligen Gegensatz zum Leben steht; sie ist die morbideste und gefährlichste unter allen Le­bens­orien­tie­rungen, deren der Mensch fähig ist. Sie ist eine echte Perversion: ob­wohl man lebendig ist, liebt man nicht das Lebendige, sondern das Tote. Nicht Wachs­tum sondern Destruk­tion.«

Fromm stellte der Nekrophilie, dem Angezogensein vom Leblosen und Zerstörerischen, die Biophilie, das An­gezogensein vom Lebendigen und die Liebe zum Lebendigen gegenüber. Er fragte generell nach der Eigendynamik alles Leben­den und erkannte, dass diesem über das bloße Streben nach Überleben hinaus eine »Ten­denz zur Integration und Vereinigung« eigentümlich ist.

Es sind die Nekrophilen, die derzeit das Weltgeschehen bestimmen. Kriege und Zerstörung der Erde, der Tiere und Pflan­zen, alles Lebendigen eben, sind ihre Werk­zeuge. Lassen wir uns nicht einschüchtern. Preisen wir das Leben, das Irdische wie das Himmlische, dem wir von Urbeginn an angehören.

Immanuel Kant: »Die Unmensch­lich­keit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Mensch­lichkeit in mir.« — Foto: Thomas Priebsch · Grafik: Moreau

 

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 48

2 Minuten

Buchauszug Gerald Hüther und Christa Spannbauer

Ein Plädoyer der Verbundenheit

3 Minuten

Essai Elisabeth Schrattenholzer

Wir, die Weltbevölkerung

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Der Stoff, aus dem die Träume sind

4 Minuten

Essai Konstantin Wecker

Revolution der Zärtlichkeit I

5 Minuten

TED-Vortrag Papst Franziskus

Revolution der Zärtlichkeit II

8 Minuten

Buchauszug Harald Welzer und Ilija Trojanow

Jede Menge Handlungsspielräume

2 Minuten

Interview Jean Ziegler und Alexander Behr

Der schmale Grat der Hoffnung

24 Minuten

Essai Ursula Baatz

Die Schatten des Wir

4 Minuten

Buchauszug Johann Wolfgang von Goethe

Nur alle Menschen machen die Menschheit aus

1 Minute

Essai Huhki Henri Quelcun

Gegen die drohende Bytokratie!

7 Minuten

Reportage Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika hat Pech und das Pech hat viele Namen

4 Minuten

Lyrik John Donne

No man is an island

1 Minute

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