Mammon

Die Geldwirtschaft im Mittelmeerraum begann ca. 650 v. Chr. in Babylonien. Die Götter waren in der Antike die ersten Kapitalisten und die Tempel die ersten Geldinstitute, die Priester, die den Opferkult vorschrieben und leiteten, sozusagen die CEOs. Tempel waren Schatzhäuser. Die Opfergaben wurden nicht sofort und ständig verbraucht, sondern wieder gegen unverderbliches Edelmetall verkauft. Die Priester vergaben Kredite zur Finanzierung des Handels, vor allem des Fernhandels mit Luxusgütern, der die Ober­schicht bediente und immer riskant war. Deshalb wurde der Zins mit 30% akzeptiert.

Zinsnahme als Wertsteigerung begründet das Geldsystem, für das das biblische Wort Mammon steht. Kaum ein Christ oder eine Christin kennt Jesus’ radikale Warnung vor dem Mammon in der Bergpredigt nicht; Mt 6,24: »Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.« Und in der Tat galt das Zinsverbot in der jüdischen Bibel im deutschsprachigen Raum bis in die Zeit des Frühkapitalismus im 16. Jahrhunderts. (1)

Das Wort Mammon stammt aus dem Aramäischen, also der gesprochenen Sprache zu Jesu Zeiten. Es hat vermutlich seine Wurzel in dem hebräischen Verb für »vertrauen«, »zuverlässig sein«. Mit dieser Assoziation verbunden wird die Versuchung deutlich, denn Mammon bedeutet nicht nur Geld, sondern das gesamte System, das die Absicherung aller Lebenslagen verspricht.

Der Tempel der altitalischen Göttin Juno in Rom war eine zentrale römische Münzstätte und Bank.(2)  Die  Münze wird zum Symbol für das Opfertier und mit dem Bild des Gottes verziert, dem es gebracht werden soll.  Junos Beiname ist Moneta, die Göttin der aequitas, der Gleichheit. Das Geld schien geeignet, Gleichheit und damit Gerechtigkeit her­zustellen. Doch die Einführung der Zinsen hindert gerechte Verteilung der Mittel zum Leben: Privilegierte können die Rückzahlung der Kredite gelassen abwarten und verdienen zudem daran. Für sie – und nur für sie – »arbeitet« das Geld.

Geldwirtschaft beruht immer auf Vertrauen in die Anerken­nung des Wertes und die ursprünglich religiöse Dimension der Sprache des Geldsystems ist bis heute erkennbar. Uns vertraute Begriffe aus der Ökonomie gehen auf das historisch religiöse Umfeld zurück: Pecus = das Opfervieh, wird ersetzt durch pecunia, das Geld. Der obolus ist ur­sprüng­lich der Spieß für das Opfertier, später eine kleine griechische Münze, die für Almosen verwendet wurde.

Wir glauben und werden zu Gläubigern oder Schuldnern, wir fürchten das Bußgeld und den Offenbarungseid. Das Glaubensbekenntnis – credo – geht dem Kredit voraus. Schuld und Schulden drücken, sie lassen sich vergelten, das englische Verb to geld bedeutet übrigens »kastrieren«.

Im Spätmittelalter übernahmen Goldschmiede das Münz­wesen. Der Gewinn wurde durch das Konvertieren erzielt. Sie prüften die Münzen auf den Feingehalt der Edelmetalle, wogen und maßen an Tischen (banca) auf Märkten. Sie waren die ersten »Bankiers« (bancerii). Die Münzen, in die meist das Porträt der Herrscher mit einer Umschrift eingeprägt war, waren – modern ausgedrückt – auch Pro­pagandamittel. Mit den Kreuzzügen eröffneten sich für das alte Europa neue Handelswege und die Begehrlichkeit richtete sich auf Gewürze, Seide, seltene Stoffe u.a.m. Venedig, Florenz und Genua wurden zu wichtigen Umschlagsorten. Der Transport zu Land und auf dem Meer war gefährdet, man führte ungern Münzen in großen Men­gen mit sich. Daraus entwickelte sich das Depositengeschäft: man hinterlegte Münzen und erhielt dafür eine schriftliche Bestätigung. Die Goldschmiede verliehen auch Geld aus den hinterlegten Beträgen – Kreditgeschäfte entstanden. Konnten sie einen Depositenschein nicht mehr einlösen, wurde ihr Wechseltisch zerschlagen – banca rotta, die Zahlungsunfähigkeit also öffentlich gemacht.

Die Depositenscheine ersetzen bald als Zahlungsver­spre­chen die Münze und die sich daraus entwickelnde Bank­note erleichterte den Zahlungsverkehr. Da die Handels­wege und Messen durch Raubüberfälle unsicher waren, ließen sich die Händler gegen Einzahlung von Geld in ihren Heimat­banken schriftliche, notariell beglaubigte Bestäti­gungen ausstellen (Wechselbriefe).

Jakob Fugger vertrat bereits 1473,  im Alter von 14 Jahren, die Familienfirmen in Venedig. Dort erhielt er eine fundierte Ausbildung im Banken- und Montanwesen. Später erwarb er in Tirol und Salzburg eine Art von Aktienbeteiligung am Vermögen von bergrechtlichen Gewerkschaften und konnte über diese Beteiligung immer mehr Bergbauunternehmer zwingen, das Silber direkt an die Fugger zu verkaufen. Er weitete die Geschäftsverbindungen der Fugger auch auf
die Habsburger – vor allem Maximilian I, aus. Als Kaiser erhob er Jakob in den Adelsstand und ernannte ihn 1514 zum Reichsgrafen, damit der Augsburger Bürger seine Herrschaft ohne Widerstände aus dem Adel ausüben konnte. Dank der Finanzierung des größten Teils der Wahlgelder für die deutschen Kurfürsten wurde 1519 der spanische König Karl zum deutschen König und damit zum künftigen Kaiser Karl V des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gewählt. Die Fugger mussten zur Festigung der Stellung der Habsburger beitragen, weil deren Schulden im Bankhaus groteske Dimensionen angenommen hatten: too big to fail …

Als einer der führenden Bankiers in Europa und durch seine engen Kontakte zum Vatikan beteiligte sich Jakob Fugger auch am Ablasswesen. Es geriet in Verruf durch die übertriebene Baulust der Kirchen und die Beteiligung der Lan­desfürsten an den Einnahmen.

Luther setzt in den 95 Thesen 1517, die sozusagen die Re­formation einleiteten, aber gerade mit der Kritik am Ablass­handel an. Die Geldwirtschaft beruht immer auf Vertrauen in die Anerkennung des Wertes und der Begriff Kredit leitet sich von lat. credere ab, glauben, vertrauen ab.  Im 16. Jh ersetzte in der doppelten Buchführung, die übrigens von Jakob Fugger entwickelt wurde, der Buchhaltungsausdruck »Kredit« das ältere übliche Wort »Glauben« als Gegenwort zu »Debet« (F. Kluge, S.462).

Martin Luther nahm die erdrückende Last der Verschuldung der kleinen Leute über Kredite und Zinseszins wahr. Für ihn waren – so wird erzählt – Jakob Fugger und sein Bankhaus »der Hecht, der die anderen Fische frisst«.

In vielen Schriften – der Auslegung des 1. und 7. Gebotes in seinem großen Katechismus etwa, in den Schriften gegen den Wucher – erhebt er die Kritik an der herrschenden Ökonomie zu einer  dogmatischen Frage. Es geht ihm also nicht nur um ein ethisches Problem: Die Chiffre Mammon ist ihm der verdinglichte Konkurrent zu Gott.

Auch heute sind wir alle über den Konsum aktiv Beteiligte am Imperium des Mammons. Gegen unser besseres Wissen über Produktionsverhältnisse, Handelsabkommen und ökologisch unverantwortbare Transportsysteme kaufen wir. Und stehlen damit Menschen die Fülle des Lebens.

 

Anmerkungen
(1)  auch im Islam gibt es dieses Verbot.
(2)  E. Bornemann: Psychoanalyse des Geldes, Frankfurt/M. 1973, S. 141)

 

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