Luthers Kritik am Mammonsystem

Luther erlebte die Zeit des Frühkapitalismus. Natürlich ahnte er nicht, dass im  globalisierten Finanzkapitalismus der Moderne seit der Reformationszeit das Geld mehr und mehr einen totalitären Zugriff auf die Lebenswirklichkeit der Menschen erreichen wird. Aber er erkannte den Einfluss der Monetarisierung  auf alle  Lebensbereiche über das Wirtschaftsleben hinaus.

Mit den Kreuzzügen hatten sich für das alte Europa neue Handelswege eröffnet und die Begehrlichkeit richtete sich auf Gewürze, Seide und seltene Stoffe. Venedig, Florenz und Genua wurden zu wichtigen Umschlagsorten. Der Transport zu Land und auf dem Meer war gefährdet, man führte ungern Münzen in großen Mengen mit sich. Daraus entwickelte sich das Depositengeschäft: man hinterlegte Münzen und erhielt dafür eine schriftliche Bestätigung. Die Goldschmiede, denen die Münzprägung oblag,  verliehen auch Geld aus den hinterlegten Beträgen – Kreditgeschäfte entstanden.

Die Depositenscheine ersetzten bald als Zahlungsversprechen die Münze und die sich daraus entwickelnde Banknote erleichterte den Zahlungsverkehr. Da die Handelswege und Messen durch Raubüberfälle unsicher waren, ließen sich die Händler gegen Einzahlung von Geld in ihren Heimatbanken schriftliche, notariell beglaubigte Bestätigungen ausstellen – so entstand das Wechselgeschäft.

Fugger

Luther nahm die erdrückende Last der Verschuldung der kleinen Leute über Kredite wahr. Für ihn waren – so wird erzählt – Jakob Fugger und sein Bankhaus »der Hecht, der die anderen Fische frisst«.  Jakob Fugger vertrat bereits 1473,  im Alter von 14 Jahren, die Familienfirmen in Venedig, das die Drehscheibe für den Handel im Mittelmeerraum war.  Dort erhielt er eine fundierte Ausbildung im Banken- und Montanwesen. Später erwarb er in Tirol und Salzburg eine Art von Aktienbeteiligung am Vermögen von bergrechtlichen Gewerkschaften und konnte über diese Beteiligung immer mehr Bergbauunternehmer zwingen, das Silber direkt an die Fugger zu verkaufen. Er weitete die Geschäftsverbindungen der Fugger auch auf die Habsburger-vor allem Maximilian I, aus. Als Kaiser erhob dieser Jakob in den Adelsstand und ernannte ihn 1514 zum Reichsgrafen, damit der Augsburger Bürger seine Herrschaft ohne Widerstände aus dem Adel ausüben konnte. Dank der Finanzierung des größten Teils der Wahlgelder für die deutschen Kurfürsten wurde 1519 der spanische König Karl zum deutschen König und damit zum künftigen Kaiser Karl V des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gewählt. Die Fugger mussten zur Festigung der Stellung der Habsburger beitragen, weil deren Schulden im Bankhaus groteske Dimensionen angenommen hatten: »too big to fail« …

Jakob Fugger vor Karl V., Schuldscheine verbrennend (Karl Becker 1866)

Als einer der führenden Bankiers in Europa und durch seine engen Kontakte zum Vatikan beteiligte sich Jakob Fugger auch am Ablasswesen. Es geriet in Verruf durch die übertriebene Baulust der Kirchen und die Beteiligung der Landesfürsten an den Einnahmen.

Für die Fugger war der Ablasshandel vom wirtschaftlichen Umfang her betrachtet eher ein völlig un­be­deutendes Bankgeschäft.

Luther setzt in den 95 Thesen 1517, die sozusagen die Reformation einleiteten, aber gerade mit der Kritik am Ablasshandel an. Die Geldwirtschaft beruht immer auf Vertrauen in die Anerkennung des Wertes und der Begriff Kredit leitet sich von lat. credere ab, glauben, vertrauen ab. Im 16. Jahrhundert ersetzte in der doppelten Buchführung, die übrigens von Jakob Fugger entwickelt wurde,  der Buchhaltungsausdruck »Kredit« das ältere übliche Wort »Glauben« als Gegenwort zu »Debet« (F. Kluge, S.462).

Das Mammonsystem

Die ursprünglich religiöse Dimension der Sprache des Geldsystems betrifft bis heute weit mehr Begriffe: Wir  werden zu Gläubigern oder Schuldnern, wir fürchten das Bußgeld und den Offenbarungseid. Das Glaubensbekenntnis – credo – geht dem Kredit voraus. Schuld und Schulden drücken, sie lassen sich vergelten …

Luther erkannte die religiöse Größenordnung des Geldsystems, für das die Bibel den Begriff »Mammon« nennt. So schreibt er in der Erklärung zum 1. Gebot im Großen Katechismus über den Mammon: »Mammon ist der allgemeinste Gott auf Erden. Was heißt es einen Gott haben oder was ist Gott? Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten… Worauf du nun dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich dein Gott«.

Luthers Protest gegen den Ablasshandel wandte sich gegen die Vorstellung, Geld könne Vergebung einkaufen und Reue und Busse – spirituelle Haltungen –  ersetzen. So  wendet er sich in den Thesen gegen die Berechnung der Gnade und Barmherzigkeit Gottes auf der Grundlage von Geldwert:

In der 27. These heisst es: »Menschenlehre verkündigen die, die sagen, dass die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald das Geld im Kasten klingt.«

28. These: »Gewiss, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.«
Hier unterstreicht Luther die unheilvolle Verschrän­kung von gehortetem Geld, Gewinnstreben und Habsucht und setzt die angemessene Haltung der Bitte einem grundsätzlich gnädigen Gott gegenüber dagegen.

In These 82 deckt Luther das eigentliche Motiv des Ablasshandels auf: »Warum räumt der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten Not der Seelen willen – als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er doch unzählige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau einer Kirche willen – als aus einem sehr fadenscheinigen Grund?« In der These 62 hält Luther fest: »Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.« Luther ist damals noch im Denken von dem Gnadenschatz der Kirche befangen, aus dem ausgeteilt wird. Allerdings öffnet sich ihm bereits der unverstellte Weg zu Gottes Gnade in der Frohbotschaft.

In vielen Schriften – der Auslegung des 1. und 7. Gebotes in seinem großen Katechismus etwa, in den  Schriften gegen den Wucher erhebt er die Kritik an herrschender Ökonomie zu einer  dogmatischen Frage. Es geht ihm also nicht nur um ein ethisches Problem. Die Chiffre Mammon ist ihm der verdinglichte Konkurrent zu Gott.

Luthers größtes Anliegen ist, die Vertrauenswürdigkeit von Gottes Gnade zu lehren, Gott allein soll der Urgrund der menschlichen Existenz sein, die Geborgenheit in seiner Liebe zu jener Sorglosigkeit verhelfen, die Jesus in der Bergpredigt anspricht (Mt 6, 24-34). Erst diese Befreiung bewirkt die »Freiheit eines Christenmenschen« (1520) und befähigt zum Dienst am Nächsten. Luther deckt auf, wie sehr der Mammondienst das Gottvertrauen vergiftet. Zum 1. Gebot heisst es im Großen Katechismus: »Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, darauf er all sein Herz setzt, was auch der allergewöhnlichste Abgott auf Erden ist. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes seien, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben …
Es fehlt aber leider daran, dass die Welt deren keines glaubt, noch für Gottes Wort hält, weil sie sieht, dass die, welche Gott und nicht dem Mammon trauen, Kummer und Not leiden, und der Teufel sich ihnen widersetzt und wehrt, so dass sie kein Geld, Gunst noch Ehre, dazu kaum das Leben behalten. Im Gegenteil, die dem Mammon dienen, haben Gewalt, Gunst, Ehre und Gut und alle Sicherheit vor der Welt.« (Katechismus 1985 S.10f)

In den Erklärungen zu seinem Katechismus zieht Luther die Gedanken zum 7. Gebot »Du sollst nicht stehlen« in der Fassung von 1529 hinüber in das 1. Gebot »Ich bin der Herr, dein Gott«. Grund dafür sind die sich zuspitzenden kapitalistischen Entwicklungen. Die soziale Kluft zwischen arm und reich, nicht mehr allein zwischen Feudalherren und Bürgern wird größer. Schon im Kleinen Katechismus  führt Luther mit dem Begriff »mit falscher Ware und Handel« neben dem Diebstahl den Betrug und die Täuschung als ökonomische Maßnahme ein. Er wendet sich mit aller Schärfe gegen die Möglichkeit, einseitig günstige Verträge abzuschließen, wie sie der Probabilismusstreit im 16./17. Jahrhundert eröffnete. Man diskutierte folgende Erwägungen bei Verträgen: der Vertrag wurde nicht abgeschlossen, wenn es absolut sicher war, dass einem Partner ein Schaden aus den Folgen entstehen würde. Das bezeichnete man  als opinio tutior. Wer einen Vertrag abschließt, für dessen moralische Erlaubtheit stärkere Gründe sprechen als dagegen, folgt  der wahrscheinlicheren Meinung, der opinio probabilior. Wenn man einen Vertrag  trotz erheblicher Zweifel   abschloss, schuf das der opinio minus tuta Geltung. Im 17./18. Jahrhundert setzten die Jesuiten den Probabilismus, d.h. die moralische Rechtfertigung dafür, dass möglicher Schaden des Vertragsnehmers nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne, endgültig durch. (Rauchwarter, S.49)

Zur Erklärung des 7. Gebotes stellt Luther fest: »Wer öffentlich stehlen und rauben kann, der geht sicher und frei dahin, von jedermann ungestraft und will dazu geehrt sein …« (Katechismus 1985 S.28) Er geht also über die gängige Auffassung von Diebstahl weit hinaus und klagt die  systemimmanenten Möglichkeiten, sich im Rahmen scheinbarer Legalität zu bereichern, an. So kann nach Luthers Auffassung öffentliches Wirtschaftsgebaren, also Ökonomie zu einem Problem im Bereich der Rede von Gott werden.

Zinsverbot

Luther protestierte im »Ein Sermon von dem Wucher« (1519) – »Wucher« meint das gnadenlose Eintreiben von überhöhten Zinsen – in »Von Kaufhandlung und Wucher« (1524) und in der »Vermahnung an die Pfarrherren, wider den Wucher zu predigen« (1540) gegen diese Vertragsregelung zum versteckten Schaden des Kreditnehmers an: »Darum bist du ein Wucherer, der du sogar deinen erdichteten Schaden von deines Nächsten Geld bezahlen lässt, obwohl ihn dir niemand getan hat. Solchen Schaden heißen die Juristen non verum sed phantasticum interesse ( = Zins, wie noch im Englischen »interest«), ein Schaden, den sich jeder selbst erträumt. Es gilt also nicht, zu sagen, es könnten Schäden entstehen, so dass ich nicht habe bezahlen oder kaufen können, sonst heißt es ex contingente necessarium: aus dem, was nicht ist, das machen, was sein müsste; aus dem, was ungewiß ist ein eitel gewiß Ding machen. Sollte solcher Wucher nicht die Welt in wenigen Jahren fressen? … Da sucht und erdichtet man Schaden zu Lasten des armen Nächsten, will man sich davon ernähren und reich werden, will faul und müßig prassen und prangen von anderer Leute Arbeit ohne eigene Sorge, Gefahr, Schaden.« (zit.n. Marquardt, S.191).  Auch der modernen These »Geld arbeitet« setzt er entgegen: »Geld ist von Natur aus unfruchtbar und vermehrt sich nicht. Darum ist es, wo es sich vermehrt, wie beim Wucher, wider die Natur des Geldes; denn es lebt nicht, noch trägt es wie ein Baum und Acker, die in jedem Jahr mehr geben, als sie selbst sind, weil sie nicht müßig und ohne Frucht liegen, wie es der Gulden von Natur aus tut« (Marquardt S.188).

Schon Aristoteles erklärte Geld als grundsätzlich unfruchtbar und das Leihen auf Zinsen für ungerecht. Auch im Koran  erscheint das Zinsverbot (Sure al Baqara, Vers 275). Luther besteht auf dem biblischen Zinsverbot: das Ausleihen auf Gewinn ist gegen Gottes Willen.  Für Luthers Verständnis von dem Geschenk­charakter des Lebens waren beide Elemente von Zinsen maßgeblich: das Leihen von dem Mehr, das über das Genug, das man braucht und hat, hinaus vorhanden ist und die Lebenszeit, die ermöglicht, die Rückzahlung abwarten zu können. Beides versteht die Bibel  als Segen, als Gabe Gottes.

Neben den Sabbatordnungen und den Schuldenschnittgesetzen (Lev 25) sollte das Zinsverbot  Überschuldung von vornherein abwenden und die bleibende Verelendung von Familien verhindern. Das hebräische Wort für Zinsen neschek = Abbiss verschleiert die Bedrohung des Lebens nicht.  Später versuchte man die Radikalität des Zinsverbotes, auf dem Luther besteht, dadurch zu schmälern, dass es um den Zweck der Ausleihe gehe: Es bezieht sich auf Konsumationskredite, also privaten Verbrauch, an Stelle von Investitionskrediten, die einen Rückfluss auf den Handel bzw. Markt garantieren. (Dazu http://www.europarl.europa.eu/workingpapers/econ/pdf/116_de.pdf )

Luthers Kritik am zügellosen Wirtschaftsgebaren seiner Zeit ist erstaunlich hellsichtig. Was würde er dazu sagen, dass heute Geld nicht einfach das von der Zentralbank gedruckte Bargeld als Tauschmittel ist, sondern Geschäftsbanken das Recht haben, über Kredite virtuell grenzenlos mehr zinsbelastetes Schuldgeld zu schöpfen und die meisten Menschen heute zu Nettozinszahlern gemacht werden? (94 Thesen, 5.)

 

Literaturliste

F. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache Berlin 1975 (21. Aufl.)

http://www.evang.at/glaube-leben/die-95-thesen/

Martin Luther: Der große und der Kleine Katechismus, ausgew. und bearbeitet von Kurt Aland und Hermann Kunst, Göttingen 21985

U.Duchrow, Hans G.Ulrich (Hg) Befreiung vom Mammon (=Die Reformation radikalisieren Bd 2) LIT Verlag 2015

F.W. Marquardt: Gott oder Mammon in: Einwürfe 1, hg.F.W. Marquardt, D. Schellong, M.Weinrich, München 1983, S.176 -216

B. Rauchwarter: Genug für alle. Biblische Ökonomie, Klagenfurt 2012

Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise –  94 Thesen
http://www.radicalizing-reformation.com/index.php/de/thesen.html

 

 

Weiterführendes zum Thema

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

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Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

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Essai Götz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

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Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

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Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Buchauszug Urs Widmer

Midas

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Essai Karl-Heinz Brodbeck

Die unheimliche Nähe des Geldes

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Rede Gregor Gysi

Der Prophet

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Essai Huhki Henri Quelcun

Der Mammon zieht um – die Ungleichheit bleibt

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Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

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Interview Ulrich Brand und Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Gespräch)

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Buchrezension Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Buch)

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Essai Roland Rottenfußer

Heute Griechenland, morgen wir

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Interview Paul Schreyer und Jens Wernicke

Wer regiert die Welt?

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Essai Barbara Rauchwarter

Mammon

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Essai Barbara Rauchwarter

Luthers Kritik am Mammonsystem

8 Minuten

Essai Christian Wabl

Wer läßt Mammon vom Himmel regnen?

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Essai Huhki Henri Quelcun

Freie Menschen statt »freier« Markt

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Afrika-Projekte Heini Staudinger und Bernhard Wagenknecht

Books for Trees

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Buchauszug Walter Ötsch und Nina Horaczek

Populismus für Anfänger

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