L’homme démachiné

Sieben Generation sind seit der Erklärung von Mensch, Gesellschaft und Natur zur seelenlosen Maschinerie auf- und wieder abgetreten. Nun ist die neue Generation aufgerufen, aus diesem Alptraum der entseelten Vernunft, der noch immer so viele »Ungeheuer gebiert« (Goya) zu er- wachen; das innere Auge wieder zu öffnen und alles Lebende wieder zu entmechanisieren!

Einer sagt, was alle denken. Um 1750 gärt es im europäischen Kulturkreis. Der Titanenkampf zwischen Newton und Leibniz ist noch vielen in Erinnerung. Dieser beschreibt den Kosmos in seiner Monadologie ganzheitlich, nicht-separabel, holistisch, er ist der Philosoph der »impliziten Ordnung«; aber Newtons Principia Mathematica haben sich letztlich durchgesetzt. Mitte des 18. Jahrhunderts zirkulieren überall deutsche, englische, französische Übertragungen des lateinischen Originals, das unser Universum als gigantische Maschine erscheinen lässt.

Der Mechanismus als Weltanschauung hat seinen Sie- geszug angetreten. Und es ist ein französischer Arzt, freundlich, lebensfroh und gebildet, welcher laut ausspricht, was sich die anderen Aufklärer in den Salons zuflüstern. L’homme machine (Der Mensch als Maschine) erscheint 1748. Der Autor dieses Pamphlets, Julien Offray de La Mettrie, muss flüchten. Zuerst in die Niederlande. Dann zu Friedrich II. nach Sanssouci. Dort wird er – vermutlich – vergiftet. Rousseau, Voltaire, Diderot distanzieren sich von La Mettrie, der nur noch »Monsieur Machine« heißt. Dabei hat dieser doch nur die letzte Konsequenz aus den Lehren seines berühmtesten Landmanns gezogen … René Descartes, der schon 100 Jahre zuvor alle Tiere zu Automaten erklärte und Menschen zusätzlich eine ungreifbare Portion von »denkendem Stoff« (res cogitans) zubilligte. Der Sprachphilosoph Gilbert Ryle prägte im 20. Jahrhundert für diesen kruden Dualismus den griffigen Ausdruck Das Gespenst in der Maschine.

Was liegt näher, als das unfassbare Geist-Gespenst zu streichen und die unbestreitbare Maschine übrig zu lassen. Genau das hat La Mettrie getan und es war nur konsequent. Was ging aber im Cartesischen System verloren, was überließ man den Dichtern und Ver- liebten? Richtig: die Seele! Aus der Trias Leib-Seele- Geist, welche bei allen Völkern als selbstverständlich vorausgesetzt wird, entstand die Dualität Hirn-Be- wusstsein.

Naturbeherrschung. Die Mechanisierung der Natur, die schließlich auch den homme machine, den Golem hervorbrachte, entspringt der Machtgier. Be- denken wir die wahnsinnige psychische Verfassung, welche der Begriff »Umweltschutz« voraussetzt: die Distanzierung von dem, was um uns herum lebt – und wovor müssen wir dieses »um« schützen? Vor uns selbst! Ein Projekt, das scheitern muss, solange wir uns selbst als Maschinen missverstehen. Solange wir den »Neurophilosophen« glauben, sind wir unfähig, der Welt ihre Seele wieder zuzuerkennen. Wir sind wie der Kohlenmunkpeter in Hauffs Märchen, der sich vom Holländer Michel einen Stein an die Stelle seines Herzens einsetzen lässt und den unermesslichen Verlust nicht einmal mehr fühlen kann …

»Einen lebenden Menschen als Automaten zu sehen, ist analog dem, irgendeine Figur als Grenzfall oder Variation einer anderen zu sehen, z.B. ein Fensterkreuz als Swastika«, bemerkt Wittgenstein und erläutert: »Meine Einstellung zu ihm ist eine Einstellung zur Seele. Ich bin nicht der Meinung, dass er eine Seele hat.«

Eine Maschine ist geplant, zusammengesetzt, sie funktioniert, sie wird erklärt, nicht verstanden. Doch das wesentliche im Sprung des Eichhörnchens entgeht mir, wenn ich ihn mechanisch zerlege in Kraft- und Fallgesetze, in sensorische und motorische Komponenten, Informationen, verarbeitet vom Gehirn-Computer im Kopf des Tieres …

Vertiefe ich mich etwa ins Antlitz einer Person, indem ich ihr Gesicht analysiere, um herauszufinden, was hinter ihrer Mimik steckt? Im Gegenteil, hier erfasse ich unmittelbar ihre Seele, ich verstehe ein strahlendes Lächeln als Ganzheit, die sich nicht zerlegen lässt, ohne dass das unmittelbare seelische Verstehen, die Resonanz, zerfällt. In diesem Sinn sagt Ludwig Klages: »Der Leib ist die Erscheinung der Seele; die Seele der Sinn des Leibes.« Und etwas auch nur entfernt Analoges lässt sich eben weder von einem Auto noch von einem Computer sagen; Maschinen verkörpern nicht Bedeutung, sondern Funktion!

Weshalb noch weitere Worte verlieren? Um von dem zu flüstern was verloren gegangen ist. Nicht aus Wehmut, sondern weil auf der Seiten des Verlusts die Hoffnungen geboren werden.JOHN BERGER

Die Wende. Meistens sind philosophische Konferenzen, schlicht gesagt, langweilig. Hunderte Denker, die sich dem Denken über das Denken verschrieben haben, sind 1994 in Tucson, Arizona, zusammengekommen, um endlich zu klären, wie die Mensch-Maschine, l’homme machine, bewusstes Erleben produziert. Die Elite der Mechanisten wartet gespannt, was der nächste Referent zu berichten hat. David Chalmers heißt er. Australier. Relativ unbekannt. Und in jeder Hinsicht unkonventionell, wie man sieht. Ein junger Mann mit schulterlangem Haar, Dreitagebart, Lederjacke, ein Philo-Hippie. Und sein Vortrag über The hard problem of consciousness wird die Metapher vom l’homme machine für immer zweifelhaft machen.

Bis heute ist Chalmers das Schreckgespenst aller hartgesottenen Materialisten. Zuerst spricht er von den einfacheren (»easy«) Problemen des bewussten Erlebens: Lernen, Schlüsse ziehen, logische Probleme lösen. Das können Automaten; sonst gäbs ja keine Schachcomputer, welche Großmeister schlagen. Und dann kommt Chalmers zu seinem Kernargument, das wie Dynamit auf die ganze Neurophilosophie wirkt: The hard problem of consciousness. Und er hat eine Menge für die Reduktionisten unangenehme Fragen auf Lager: Warum sehen wir bunte Farben, genießen Düfte, lieben, fürchten, hoffen? Weshalb dieser seelische Luxus? Hätte es der Evolution nicht genügt, Überlebensmaschinen ( Chalmers nennt sie »Zombies«; er spielt übrigens auch in der »Zombie Blues Band«) hervorzubringen, von denen die fittesten – wie Darwin es formuliert hat – überleben? Das ist die Frage, warum es überhaupt Erlebnisgehalte – oder, so der Fachterminus: »Qualia« – gibt. Er spitzt die Qualia-Frage spürbar zu. »Warum tut es etwa weh, wenn ich mir mit einer Nadel in den Finger steche?« This is the hard problem!

Und es wird immer härter für die professionellen Seelenleugner. Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, dass die »bildgebenden Verfahren« so gut wie nichts darüber aussagen, was die Versuchsperson wahrnimmt, empfindet, fühlt. Die Legende vom Gedankenlesen per Hirnscan wurde schon vor Jahren entlarvt. Und die Neurowissenschaft weiß längst, dass bei weitem nicht alles Verhalten im Schädel seinen Ursprung hat: Es gibt noch jeweils zwei autonome – oft sogar dominante – Zentralnervensysteme: ein Bauch- und ein Herz-»Gehirn«. Noch zwei harte Probleme für die Mensch-Maschinen-Theoretiker.

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 45

2 Minuten

Buchauszug Patrick Spät

Automatisch arbeitslos

11 Minuten

Essai Dschuang Dsi und Moreau

MaschinenHerz

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Das Ende der Megamaschine

8 Minuten

Essai Josef Stampfer

Genossenschaft – Illusion und Wirklichkeit

3 Minuten

Buchauszug Günther Anders

Moralische Phantasie

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

L'homme démachiné

4 Minuten

Kommentar Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika. Zeichen der Verbundenheit

3 Minuten

Empfehlung Sylvia Kislinger

Oskarl für Improvisation

2 Minuten

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