Kain und Abel

Da ist es wieder, das erste Opfer, und das gleich zweimal, in Marmor und als Ölgemälde. »Gut.Wahr.Schön« heißt die Ausstellung, in der mir der ermordete Abel gleich zweimal begegnet. Als fragile Gestalt haben ihn Pariser Künstler des 19. Jahr­hun­derts dargestellt, fast exotisch wirkend, wie ein »Windhauch« – das ist die wörtliche Bedeutung des Namens.

»Abel, wo ist dein Bruder Kain?« möchte man den Er­schla­genen fragen. Denn es wird nur das Opfer ge­zeigt, nicht der Täter. Zufall? Wohl kaum, denn die Maler der Pariser Kunstsalons des 19. Jahrhunderts waren sich der ethischen Konzepte, die sie in ihren Bildern zeigten, sehr bewusst, genauso wie ihre Kritiker, die an den beiden Darstellungen etwa den femininen Kör­perbau monierten. Doch warum ist Kain nicht mit im Bilde?

Der Konflikt zwischen Kain und Abel ist ein klassischer Geschwister-Konflikt, der sich im biblischen Buch Genesis, hebräisch »bereschit« (»im Anfang«) findet. Die Geschichte ist bekannt: Kain, der Ackerbauer und sein Bruder Abel, ein Nomade und Viehhirte, sind die Söhne von Eva und Adam, geboren nach der Ver­treibung aus dem Paradies. Kain bringt Gott ein Brand­opfer aus Früchten seines Ackers dar, Abel nimmt etwas von den Erstgeburten seiner Herde und von ihren Fettstücken. »Adonaj beachtete Abel und seine Opfergabe, aber Kain und seine Opfergabe beachtete er nicht. Das ließ Kain auf’s Äußerste entflammen, sei­ne Gesichtszüge entglitten.« Gott fragt Kain nach dem Grund und sagt: »Ist es nicht so, wenn dir Gutes ge­lingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du – du musst sie beherrschen. Da wollte Kain seinem Bruder Abel etwas sagen – doch als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und tötete ihn.« (Gen 4, 2–7, Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache).

Foto Thomas Priebsch
Zeichnung Robert Crumb (aus Genesis)
Text Albrecht Fabri
Komposition Moreau

 

Im Namen Kain steckt vielleicht die hebräische Wurzel qnh, »erschaffen«. Kain ist der Erstgeborene von Eva (wörtlich: »Leben«), und sie sagt stolz: »Ich hab’s ge­konnt, einen Mann erschaffen – mit Adonaj.« Gott hat Menschen die Fähigkeit zu schöpferischem Tun gegeben, signalisiert die Bibel. Doch muss dazu ethische Selbstgestaltung kommen, vor allem im Blick auf Ag­gression.

Nach dem Mord an Abel wird Kain von Gott mit einem Zeichen markiert, das ihn vor Rachemord schützt – eine Unterbrechung der Aggressionsketten. Er lebt von nun an »gegenüber« (hebräisch qdmh), heimatlos »vis a vis vom Garten Eden«, heiratet eine Frau aus einem anderen Volk und gründet eine Stadt.

Das Buch Genesis erzählt »Geschichten vom Anfang« über grundlegende menschliche Befindlichkeiten. Dass zwei Brüder streiten und einer den anderen erschlägt, ist nicht überraschend. Im Unterschied zu anderen ähn­­­lichen Erzählungen aus dem Alten Orient aber ak­zen­tuiert das Buch Genesis den Handlungsspielraum, den Kain hätte, aber nicht nützt – warum, erfahren die Le­ser nicht.

Es trifft Kains Stolz, dass Gott ihn nicht beachtet, und deswegen erliegt er der Dämonie der Gewalt (»Sün­de«). Gewalt ist präsent in den Menschengeschichten: die he­bräische Bibel ist in diesem Punkt sehr realistisch. Sie lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass Gott auf Seiten der Schwachen ist, hier auf Seiten Abels.

Der erste Fortschritt war der aus dem Paradies.ALBRECHT FABRI

Die Geschichte lässt sich aber auch anders lesen – als die Geschichte vom Konflikt zwischen nomadischen Lebensformen (Abel, Viehzüchter) und seßhaften, städtischen Lebensformen (Kain, Ackerbauer und Stadt­bewohner). Liest man die Geschichte von Kain und Abel als Konflikt zwischen zwei Lebensformen, dann er­scheinen die Darstellungen der Künstler des 19. Jahr­hunderts schlüssig zu sein. Kain fehlt, denn die Euro­päer haben seine Rolle übernommen. Das begann be­reits mit der Ausbeutung und Ausrottung der Indi­genen in Lateinamerika auf den Latifundien und Sil­berminen der Kolonialherren. Der Rassismus des 19. Jahr­­­hunderts sah die Weißen dann als die Besseren, als die zur Herrschaft Bestimmten. Europäische Impe­rialisten hatten weite Teile Asiens und Afrikas zu Ko­lonien gemacht, Asiaten und Afrikaner galten als verweichlicht, unmännlich und kindisch. Es sei des »Wei­ßen Mannes Bürde«, die farbigen Völker zu be­herr­schen und zu erziehen, dichtete etwa Rudyard Kip­ling, Autor des »Dschungelbuchs«.

Was der Kolonialismus nicht vermochte, erledigt die Industriealisierung. Mikrokredite – so hilfreich sie sein können – treiben die Monetarisierung und Ab­hän­gig­keit von Banken voran, genetisch verändertes Saat­gut, aber auch die Suche nach Bodenschätzen zerstören na­türliche Lebensräume usw. Es gibt gerade noch eine Handvoll Menschen irgendwo im Amazonas­gebiet, die unberührt von technischer Zivilisation ein Leben der Jäger und Sammler leben. Wenn sie tot sind, ist der Strang, der uns mit der Vergangenheit verbindet, durch­­trennt und Abel wirklich getötet.

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 50

3 Minuten

Empfehlung Konstantin Wecker

Weltzentrisches Bewusstsein

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Kain und Abel

4 Minuten

Interview Fabian Scheidler und Alexander Behr

Kompass für politisches Engagement

10 Minuten

Buchrezension Fabian Scheidler und Alexander Behr

Fabian Scheidler, CHAOS

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Sprachlose Nähe

4 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen