Jede Menge Handlungsspielräume

BRENNSTOFF 48 | Short Cuts

HARALD WELZER (…) Worauf man beharren muss, gerade weil es einem ausgeredet wird, ist, dass es in Gesell­schaf­ten wie unserer jede Menge Hand­lungs­spielräume gibt. Es gibt aber eine Rhetorik, die einem pausenlos mitteilt, dass man nichts machen kann. Und diese Rhetorik schließt ja inzwischen die politischen Eliten selber ein. Altbundeskanzler Schröder hat ja davon gesprochen, wie fürchterlich vermachtet die Verhältnisse sind – ausgerechnet der. Dieses ganze Behauptungsuniversum, dass alles unendlich kompliziert sei, alles völlig undurchschaubar, alles von Machtstrukturen durchwirkt, weshalb eigentlich niemand etwas machen könne, das ist natürlich reine Ideo­logie, und es stimmt nicht, denn immerhin besteht die zivilisatorische Leistung dieses Typs von Gesellschaft darin, Menschen Freiheitsräume zu geben, und die kann man nutzen – ich denke, das ist eine gute Definition des Politischen; es kommt darauf an, die gegebenen Hand­lungsspielräume zu nutzen, um sie zu bewahren. Das ist ja eigentlich die Übung, um die es geht.

ILIJA TROJANOW Wie erklären Sie sich, dass Politiker in­zwischen auch dazu übergangen sind, diese Ideologie der Machtlosigkeit auf sich selber zu übertragen? Ich habe in letzter Zeit ein paarmal von Politikern die Aus­rede gehört: »Uns sind die Hände gebunden, wir können nichts tun.«

HARALD WELZER Ganz einfach, das suspendiert von der Verantwortung. Das sagt ja jeder, an jeder Stelle, in jedem Betrieb: »Ich kann nichts machen.« So lautet im Grunde genommen die Überschrift über dem gegen­wärtigen Zustand, und es stimmt nicht. Erstens gibt es natürlich jede Menge interessierte Personenkreise, die jede Menge unternehmen, um die Welt nach ihren Vorstellungen einzurichten, und umgekehrt haben wir das Privileg in freien Gesell­schaften, etwas machen zu können, aber diese Rhetorik der Entmachtung, der Ohnmacht, der Komplexität dient natürlich dazu, dass alle sich  gegenseitig sagen können: »Ja, wir können eh nichts machen.« Das führt zu dieser Talkshowisierung, bei der man vor irgendwelchen Screens sitzt, irgendwelche Menschen reden hört, selber in der Rolle dessen ist, der das alles doof findet und darüber schimpft – aber alle stimmen überein, dass es beim Schimpfen bleibt. (…)

 

Quelle: Ilija Trojanow und Harald Welzer: Der Punkt, an dem es weh tut, oder: Wie funktioniert Widerstand? Ein Gespräch. In: Welzer u.a. (Hrsg.): Die offene Gesellschaft und ihre Freunde. Welches Land wollen wir sein? Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, November 2016; Seite 101–103

Achtung – 17. Juni 2017 – Tag der offfenen Gesellschaft

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