Imperiale Lebensweise (Gespräch)

Unsere selbstverständliche Lebensweise – mit SUVs, Smartphones und Gemüse, das um die halbe Welt gereist ist – hinterlässt tiefe Spuren auf dem Planeten. Ihnen ist der Politikwissenschaftler Ulrich Brand nachgegangen. Im Gespräch mit Alexander Behr erklärt er seinen Begriff der »Imperialen Lebensweise«.

BRENNSTOFF Herr Brand, was ist das Neue und Innovative an dem Begriff »Imperiale Lebensweise«?

ULRICH BRAND Rund um das Krisenjahr 2008 gab es zwei wichtige Prozesse, die parallel liefen. Einerseits kam es zu einer Repoliti­sierung der ökologischen Kri­se: Der Stern-Report von 2006 zu den enormen Kos­ten, wenn der Klimawandel nicht aufgehalten wird, sowie der vierte Bericht des Weltklimarates IPCC von 2007 wurden breit diskutiert.

Doch obwohl es ein steigendes Bewusstsein für den Klimawandel gab, steuerte die Politik paradoxerweise in die gegenteilige Richtung. Die deutsche Bundes­regierung erfand beispielsweise die »Abwrackprämie«, die die Bürger ermunterte, neue Autos zu kaufen. Und die taten das; in Österreich wurde dann eine »Schrott­prämie« bezahlt. Der erhoffte wirtschaftspolitische Aus­­weg aus der Krise war also: Wachstum, Wachstum und nochmals Wachstum.
So wurde der individuelle motorisierte Verkehr mit staat­­licher Unterstützung als wichtigste Fortbewe­gungs­­art weiter festgeschrieben. Wir haben also den Begriff der imperialen Lebensweise geprägt, um deutlich zu machen, warum die Gesellschaft trotz steigendem Umweltbewusstsein nicht aus der Spirale aus Wirt­schaftswachstum und Emissionssteigerungen herauskommt.

1000 GESTALTEN. »Wir können nicht darauf warten, dass Veränderung von den Mächtigsten der Welt ausgeht, sondern müssen uns jetzt alle politisch und sozial verantwortlich zeigen.« Mehr


BRENNSTOFF
Wie manifestiert sich die imperiale Lebensweise in unserem Alltag?

ULRICH BRAND Im Kern sagt der Begriff, dass wir in unserem Alltag auf die billige Arbeitskraft und die billigen Ressourcen der Welt zurückgreifen. Die imperiale Lebensweise er­möglicht uns, dass wir uns auf eine bestimmte Art und Weise fortbewegen, kommunizieren, essen und uns kleiden. Diese Handlungen sind in die Alltagspraxen der Menschen tief eingelassen, man denkt im Alltag meist nicht mehr darüber nach.

Dabei gibt es natürlich große Unterschiede, die vor allem vom Einkommen abhängen. Aber insgesamt le­ben die allermeisten Menschen hierzulande eben auf Kosten der Natur und anderer Weltregionen. Wir wollen nun begreifbar machen, dass hinter der imperialen Lebensweise politische Entscheidungen und extrem festgefahrene Wirtschaftsstrukturen stecken. Nicht nur die Unternehmen und der Staat, auch die Gewerk­schaf­ten haben daran einen wesentlichen Anteil.

BRENNSTOFF Gibt es bei Ihrem Ansatz keine Auffor­de­rungen an die Konsumentinnen und Konsumenten?

ULRICH BRAND In der aktuellen Öko-Debatte sehen wir zwei große Strömungen: Die erste besagt, dass wir die Wende mit einer technologischen Revolution schaffen müssen. Für diesen Ansatz steht beispielsweise Ralf Fücks, der frühere Vorsitzende der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland, der stark für sogenannte Sprung­technologien argumentiert. Der zweite Ansatz richtet sich an die Bürger und sagt: »Du kannst die Welt retten, wenn Du grün konsumierst.«

Wir wollen gar nicht abstreiten, dass neue Techno­logien wichtig sein können und dass es auch Sinn macht, nachhaltig zu konsumieren. Was wir jedoch zeigen wollen, ist, dass wir in der Kritik der aktuell vorherrschenden Produktions- und Konsumnormen sowie bei der Entwicklung von gesellschaftspolitischen Al­ter­nativen viel weiter gehen müssen. Denn die imperiale Lebensweise hängt mit starken ökonomischen In­ter­essen und staatlichen Politik-Entscheidungen zu­sammen.

Dies geschieht durch die bereits genannte Schrott-Prämie, durch den Bau neuer Autobahnen oder die För­derung industrieller Landwirtschaft, die auf einen hohen Fleischkonsum ausgerichtet ist. In diesen Struk­turen reproduziert sich das kapitalistische Normalge­schäft. So wurde die imperiale Lebensweise in den letz­ten Jahrzehnten hegemonial. Und sie breitet sich in den Schwellenländern aus.

BRENNSTOFF Es gibt also breite Zustimmung zur imperialen Lebensweise?

ULRICH BRAND Ja, über das aktuelle Konsumniveau herrscht ein weitreichender gesellschaftlicher Konsens: Es gilt als »normal«, dass eine mittelständische Familie eines oder mehrere Autos besitzt, dass man Winter­gemüse aus Spanien einkauft oder dass man sich auch mal einen Südseeurlaub gönnt. Doch genau diese Hand­lungen ver­­ursachen an anderen Orten soziale und ökologische Verwerfungen.

Außerdem sind sie global auf keinen Fall verallge­meinerbar. Die CO2-Emissionen werden durch die Aus­weitung der imperialen Lebensweise weiter drastisch ansteigen. Diese Herausforderungen können wir nicht allein mit »grünem Konsum« lösen. Um die imperiale Lebensweise abzuschütteln, brauchen wir ein drastisches Umsteuern der Politik.

Doch die zeigt ja gerade mit der dritten Flughafenpiste in Schwechat, dass sie dazu nicht willens ist. Und wir benötigen eine kulturelle Revolution, dass also immer mehr Menschen bereit sind, ein wohlständiges und sinnerfülltes Leben ganz anders anzustreben und um­zusetzen. Das wird mit harten politischen und wirtschaftlichen Konflikten einhergehen.

 

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