Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

Nach dem Kino bummle ich spätabends durch die Maria­hilferstraße zur U-Bahn, unvermeidlich an ge­fühlt tausenden Auslagen mit Kleidern, Schuhen und wasweißich vorbei. Vielleicht sind es ja nur maximal hundert, ich hab sie noch nie gezählt.  Alles ist billiger, der Sommer ein einziger Ausverkauf/Sale/Saldi. Dane­ben hängt schon die Herbstmode, und sicher gibt es be­reits jetzt Anzeichen von Weihnachtsverkauf. Das Le­ben ein einziger Kaufrausch, eine durchgehende Feier des Kaufens. Zur Erholung geht man nicht ins Grüne, sondern in die Einkaufspassage. Dort ist ewiger Som­mer. Den Winter erkennt man nur daran, dass die Leute beim Einkaufen wegen der Wintermäntel schwitzen oder sich von den warmen Umhüllungen befreien. Jah­reszeiten gibt es nur in der Schaufensterdekoration. Auch das Gefühl von Freiheit und Freude, dass endlich der Frühling kommt, wird als Kaufimpuls funktionalisiert. »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein«, sagt Faust beim Osterspaziergang, als endlich Eis und Schnee geschmolzen sind und im Tal das »Hoff­nungs­glück grünt«. Die Beschreibung des Osterspaziergangs in Goethes »Faust« ist eine der wunderbarsten deutschsprachigen poetischen Beschreibungen des Frühlings. Eine findige Drogeriekette hat daraus »Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein« gemacht.

Der Mammon und sein Sklave, Sascha Schneider, 1896

 

Eine der scharfsinnigsten Kurz-Analysen dieser Mentalität stammt von dem Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892–1940). Der Kapitalismus sei eine Religion, schreibt er  in seinem berühmten Fragment über »Kapitalismus als Religion«, und zwar »eine reine Kultreligion, vielleicht die ex­trem­ste, die es je gegeben hat«. Das Religiöse am Kapi­talismus ist die Formatierung der Mentalität: Kapitalis­mus ist nicht nur Tausch, sondern Akkumulation von Mehrwert. In der kapitalistischen Mentalität zählt nur der Mehrwert in seiner abstrakten Form als Quantität, z.B. als bezifferbare Summe. »Was bringt mir das?« fragt man bald einmal. Dass Mam­mon, der Reichtum, eine Gottheit sein kann, also eine wichtige Größe im Leben, war bereits in den altorientalischen Gesell­schaf­ten bekannt. Wie Religion ist in den nordatlantischen Gesellschaften von heute stillschweigend der geldwerte Mehrwert vorausgesetzt. Dies ist der Maßstab, der »am Ende des Tages« entscheidet. Man redet über Men­schenwürde, es zählt die Handelsbilanz. Man redet über Nachhaltigkeit, doch weder die Zerstörungen durch In­dustrialisierung noch der Verbrauch und Vernichtung von Ressourcen (z.B. natürliche Ökosysteme) wird be­rechnet. Ironie: in Öster­reich plakatiert eine Hagelver­sicherung(!), dass das Land in wenigen Jahrzehnten vor allem aus Beton bestehen wird, weil man seit Jah­ren täglich eine Fläche von der Größe eines Fussball­feldes zubetoniert, womit Arbeitsplätze und Lebens­qualität von Tausenden verloren geht. Kapitalismus ist der »ganz normale Wahnsinn« – wenn die Orientie­rung an geldwertem Mehrwert das Denken und die Wahr­nehmung so selbstverständlich beherrscht, dass man die Monstrosität der Folgen zwar sieht, aber ausblendet.

Wenn Egoismus uns isoliert, ist alles Staub. Und sobald ein Unwetter losbricht, wird alles zu Schlamm.BENJAMIN CONSTANT

Kapitalismus ist ein Kult, der nur Feiertage kennt, so Walter Benjamin: immer, auch nachts noch, kann und soll man kaufen. Es darf keine Unterbre­chung des Kultes geben, sondern nur die Steigerung: immer mehr vom selben, mehr Kleider, mehr Gadgets, mehr dies oder das. Der Mechanismus des Kults beruht auf dem Vergessen der Gegenwart. Die Schönheit, die Qualität des Augenblicks kann nicht verkostet werden, weil es noch anderes, »Mehr« gäbe, das in Zukunft zu haben wäre. Dieses »Mehr« muss jetzt erst einmal bezahlt werden. Dafür müssen die allermeisten ihre Lebenszeit als Ar­beitszeit verkaufen.

Arbeit jedoch ist nach dem Prin­zip des geldwerten Mehrwerts organisiert, Natur (=Men­schen und Res­sour­cen) werden als Mittel der Gewinnsteigerung be­trachtet. In das Bruttonationalprodukt geht die Zer­störung menschlicher wie nicht-menschlicher Ressour­cen nicht ein, worauf umsichtige Ökonomen immer wieder hingewiesen haben.

Die Metaphysik des geldwerten Gewinns zerstört das Lebendige. Nutznießer des kapitalistischen Kults sind nur wenige: 8 (acht) Mil­liardäre, die soviel wie die Hälfte der Weltbevölkerung besitzen; oder die 8 Millionen Österreicher (Österreich ist das viertreichste Land in der EU und welt­weit auf Platz 15), obwohl zirka eine Million ÖsterreicherInnen von Armut betroffen sind. Doch wer dem Mammon dient, fürchtet zu teilen, selbst wenn er oder sie zu den Verlierern im Reich des Mammon gehört.

Das ist das Paradox des Kapitalismus als Religion oder des »ungerechten Mammons« (Lk16).  »Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mehr die Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist.« (Walter Benjamin)

 

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 49

3 Minuten

Protestkunst Brennstoff

1000 GESTALTEN – legt eure Panzer ab!

1 Minute

Essai Ursula Baatz

Gott Mammon oder Kapitalismus als Religion

3 Minuten

Essai Götz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

9 Minuten

Lyrik Basilius der Große

Rede an die Reichen

1 Minute

Essai Fabian Scheidler

Tribut

6 Minuten

Buchauszug Urs Widmer

Midas

2 Minuten

Essai Karl-Heinz Brodbeck

Die unheimliche Nähe des Geldes

6 Minuten

Rede Gregor Gysi

Der Prophet

9 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Der Mammon zieht um – die Ungleichheit bleibt

4 Minuten

Short Cuts Ernst Alexander Rauter

Die Macher

3 Minuten

Interview Ulrich Brand und Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Gespräch)

3 Minuten

Buchrezension Alexander Behr

Imperiale Lebensweise (Buch)

4 Minuten

Essai Roland Rottenfußer

Heute Griechenland, morgen wir

10 Minuten

Interview Paul Schreyer und Jens Wernicke

Wer regiert die Welt?

10 Minuten

Essai Barbara Rauchwarter

Mammon

5 Minuten

Essai Barbara Rauchwarter

Luthers Kritik am Mammonsystem

8 Minuten

Essai Christian Wabl

Wer läßt Mammon vom Himmel regnen?

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

Freie Menschen statt »freier« Markt

3 Minuten

Afrika-Projekte Heini Staudinger und Bernhard Wagenknecht

Books for Trees

3 Minuten

Buchauszug Walter Ötsch und Nina Horaczek

Populismus für Anfänger

2 Minuten

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