Genossenschaft – Illusion und Wirklichkeit

Heini Staudinger: »Josef Stampfer ist für mich ein Glücksfall. Seit nunmehr zehn Jahren treiben wir uns mit dem Gedanken herum, unsere Firma GEA (GEA-Waldviertler-Brennstoff) in eine Genossenschaft umzuwandeln. Schon im Jahr 2006 besuchten wir Mondragon*, die große, unglaublich erfolgreiche Genossenschaft im Baskenland. Im Jahr 2012 veranstalteten wir ein erstes Wochenende zum Thema »Genossenschaft« bei uns in Schrems. Damals waren schon Leute von der TAZ** dabei. Seit diesem Treffen ist uns das Genossenschaftsmodell der TAZ Vorbild.
Josef Stampfer hat jahrzehntelang Erfahrungen im öster­reichischen Genossenschaftswesen gesammelt. Er hat uns immer wieder ermutigt, uns auf die Ursprünge der Genos­sen­schaftsidee zu besinnen und im Genossenschaftswesen eine Bewegung zu sehen, die von den Prinzipien der Selbst­hilfe, der Selbstverwaltung und der Selbstverantwortung geleitet ist. Josef Stampfer begleitet und unterstützt unseren Gründungsprozess und ist selbst Teil unserer Bewe­gung. Lieber Josef, ich bin dem Himmel dankbar, dass wir uns getroffen haben. Dir, Josef, will ich natürlich auch danken. Super, dass du bei uns dabei bist. Herzlich, dein HEINI

P.S.: Wir gehen ganz anderen Zeiten entgegen. Wir werden die Genossenschaftsbewegung dringend brauchen können; nicht als eine Spielvariante, sondern als Überlebenshilfe, wenn nicht gar als Überlebensnotwendigkeit.
P.P.S.: Thomas Piketty, ein wichtiger Ökonom des noch jungen Jahrhunderts, meint, entweder werden wir uns im immer schärfer werdenden Wettbewerb alle kaputt machen – oder wir lernen zu kooperieren. Mit unserem Be­mühen wollen wir den Ursprungsgeist der Genossen­schafts­bewegung wieder wach küssen – und alles tun, um der Kooperation zu dienen.
P.P.P.S.: Interesse? www.rueckenwind.coop

Genossenschaft – Illusion und Wirklichkeit
von JOSEF STAMPFER

Die Genossenschaftsbewegung ist so alt wie die Menschheit. Kooperatives Wirtschaften zeichnet den Menschen aus. Seit Urzeiten wissen wir, dass wir in der Gemeinschaft stärker sind. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche zu Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren der geeignete Nährboden, um der Genossenschaft einen entsprechenden rechtlichen Rahmen zu geben. Es war das Verdienst von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch, Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sowie das Identitätsprinzip als wesentlichen Kern des modernen Genossenschaftswesens zu präzisieren und gesetzlich zu verankern. Die Rolle des Mitglieds als Mit-Unternehmer, Risikoträger und Entscheider war damit geregelt, die Mitgliedschaft bei einer Genossenschaft und dieser bei von ihnen gegründeten Verbänden war immer freiwillig. Die Erfüllung des Förderauftrages – Förderung von Erwerb und Wirtschaft ihrer Mitglieder – war und ist zeitloser Unternehmenzweck von Genossenschaften.

Die Zusammenarbeit auf freiwilliger Basis ermöglichte eine hervorragende Entwicklung des modernen Genossenschaftswesens – bis zur Einführung von Pflichtmitgliedschaft bei einem Prüfungsverband und dem Prüfungsmonopol. Dieser Eingriff, nämlich die Umsetzung des Führerprinzips in Deutschland durch das NS-Regime, in Österreich 1934 und 1936 im Ständestaat unter Dollfuß, bedeutete eine Zäsur, von der sich das Genossenschaftswesen bis heute nicht erholt hat. Es ist höchste Zeit, diese Relikte des Faschismus endlich zu beseitigen.

Solange die Rechtsform der Genossenschaft mit der Hypothek Verbandszwang und Prüfungsmonopol be- haftet ist, ist eine freie unternehmerische Entwicklung nach den Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung nicht möglich. Wichtiger als eine bestimmte Rechtsform ist der genossenschaftliche Geist, der in jeder Unternehmensform gelebt werden kann. Bis zur Aufhebung von Verbandszwang und Prüfungsmonopol empfehlen wir interessierten Neugründern, in Rechtsformen wie eine genossenschaftliche GmbH oder genossenschaftliche AG auszuweichen.

Es gibt nur einen Weg, auf dem der Mensch das immerwährende Glück, zu dem seine Natur fähig ist, empfangen kann: die Vereinigung und die Zusammenarbeit aller zum Vorteil eines jeden. ROBERT OWEN

Gut in Erinnerung ist noch immer die Begeisterung und positive Stimmung zur Genossenschaftsidee und die Verabschiedung des Maimanifests in Schrems. Wir wollen den Genossenschaftsgedanken neu beleben und mithelfen, diesen in der Gesellschaft zu verankern. Einige Neugründungen gibt es schon, wir wünschen diesen und den vielen, die noch dazu kommen, viel Erfolg, Mut und Zuversicht!

Fragen zur Genossenschaft werde ich Ihnen gerne beantworten. Bei Bedarf können wir Seminare zur Gründung genossenschaftlich orientierter Unternehmen organisieren.

 

ANMERKUNGEN
* Mondragon wurde 1956 vom jungen Priester José María Arizmendiarrieta (1915–1976) gegründet. Sein Ziel war, das Elend der Bevölkerung mit genossenschaftlichen Strukturen der Selbsthilfe zu mindern. Daraus erwuchs die siebtgrößte Firma Spaniens mit mehr als 70.000 Beschäf­tigten. Gut die Hälfte der Be­schäftigten sind als Genossen­schafter die Eigentümer dieser riesigen Firma. Mehr darüber auf Wikipedia und auf der Mondragon-Homepage
** TAZ, die Berliner TAgesZeitung mit rund 250 MitarbeiterInnen ist im Eigentum von mehr als 16.000 GenossInnen, die das Überleben und den Erfolg der Zeitung ermöglich(t)en.

Artikel dieser Ausgabe
Editorial Heini Staudinger

Ausgabe 45

2 Minuten

Buchauszug Patrick Spät

Automatisch arbeitslos

11 Minuten

Essai Dschuang Dsi und Moreau

MaschinenHerz

3 Minuten

Essai Fabian Scheidler

Das Ende der Megamaschine

8 Minuten

Essai Josef Stampfer

Genossenschaft – Illusion und Wirklichkeit

3 Minuten

Buchauszug Günther Anders

Moralische Phantasie

3 Minuten

Essai Huhki Henri Quelcun

L'homme démachiné

4 Minuten

Kommentar Heini Staudinger und Sylvia Kislinger

Afrika. Zeichen der Verbundenheit

3 Minuten

Empfehlung Sylvia Kislinger

Oskarl für Improvisation

2 Minuten

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