Fabian Scheidler, CHAOS

Großer Wurf: Fabian Scheidlers neues Buch »CHAOS. Das neue Zeitalter der Revolutionen«. Rezension von Alexander Behr (Langfassung).

Es ist keineswegs übertrieben, dass sich unsere Gesellschaft in einer tiefen Krise befindet. Der Wiener Politikwissenschaftler Ulrich Brand meint, dass man seit dem Jahr 2008 von einer Vielfachkrise sprechen kann: In unserem heutigen, finanzmarktdominierten Kapitalismus setzt sie sich aus einer Banken-, Demokratie- und Energiekrise zusammen. Über alldem steht die Klimakrise, die unsere gemeinsame Lebensgrundlage existentiell bedroht und schon jetzt irreversible Schäden verursacht.

In Zeiten, in denen neugewählte Politiker uns das altbekannte »Business as Usual« als einen »Wandel« verkaufen wollen, brauchen wir dringend gute Vorschläge und Rezepte für einen Ausstieg aus einem Wirtschaftssystem, dass den Planeten bereits jetzt an den Rand des ökologischen und sozialen Kollaps bringt.

Unter den aktuellen Gesellschaftsanalysen gibt es wohl kaum eine, die die LeserInnen dermaßen erfrischt und inspiriert zurücklassen dürfte wie das neue Buch von Fabian Scheidler. Scheidler, einer der renommiertesten Kapitalismuskritiker im deutschsprachigen Raum, beschreibt detailgenau den notwendigen Umbau unserer Institutionen und Rechtsformen. Seine Prinzipien: Gemeinwohlorientierung statt Profitmaximierung, Ausstieg aus aus dem fossilbetriebenen Wirtschaftswachstum, gleiche soziale und politische Rechte für alle Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft.

Sachzwänge nicht als Begründungen zu akzeptieren, sondern hinter ihnen die mensch­lichen Entscheidungen zu erkennen, ist die erste Voraus­setzung dafür, die Ohn­macht zu überwinden. FABIAN SCHEIDLER

Scheidler gelingt es, schwierige ökonomische, soziale und gesellschaftliche Fragen verständlich zu erörtern, ohne jemals unterkomplex zu werden oder in einen belehrenden oder propagandistischen Ton zu verfallen. Er erklärt, wie es dazu kommen konnte, dass sich eine Oligarchie extrem Vermögender durch Lobbymacht, Medienbeeinflussung, Korruption und die Drehtüreffekte zwischen Politik und Wirtschaft ihre Pfründe absicherte. Dabei mag individuelle Gier und Habsucht eine Rolle spielen; viel entscheidender ist jedoch das allumfassende Konkurrenzprinzip unseres Wirtschaftssystems: Ein Konzernchef kann in seinem Umfeld ein netter Zeitgenosse sein – doch wenn er die Rendite-Erwartungen der Shareholder nicht erfüllt, ist am nächsten Tag gefeuert. Er ist dem Imperativ der Gewinnmaximierung unterworfen.

Scheidler greift die Tiefenstrukturen dieses Systems an und warnt vor falschen Lösungen: Er kritisiert nationalistische Abschottung und Sündenbocktheorien ebenso wie Verschwörungsideologien und paranoischen Weltbilder. Er schärft den Blick für die Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht und ermutigt uns zur kollektiven Organisierung. Scheidler erinnert uns daran, dass es im Grunde nicht individuelle Konsum- und Wahlentscheidungen waren, die die Gesellschaft substanziell verändert haben, sondern die vielen Menschen, die in der Arbeiter-, Frauen- oder Bürgerrechtsbewegung zusammengewirkt haben. All diese Bewegungen, so Scheidler, haben dem Staat über Jahrhunderte hinweg gemeinwohlorientierte Funktionen abgerungen. Dem Beispiel dieser Bewegungen gelte es nun zu folgen, um die akute Klimakrise aufzuhalten. Dafür brauche es zunächst eine breite gesellschaftliche Debatte. Wo, so fragt er in seinem Buch, sind beispielsweise die Fernsehsendungen um 20:15 Uhr, in denen darüber diskutiert wird, wie wir möglichst schnell vom Auto- und Flugverkehr wegkommen und stattdessen zukunftsfähige und gemeinwohlorientierte Verkehrssysteme aufbauen können? Wo sind die prominenten Talkrunden über den Umbau der Landwirtschaft vom Klimakiller Agrobusiness zur nachhaltigen Agrarökologie? Doch über diese Dinge werden wir in keiner „Elefantenrunde“ in Vorwahlzeiten erfahren. Dort wird man auch nicht zu hören bekommen, dass der heutige Stand der Produktivkräfte bereits bei weitem ausreicht, um allen Menschen auf der Welt ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Foto Thomas Priebsch:
Christa Sommerer, Phyllologia, 1991 (Österreichischer Skulpturenpark, Premstätten bei Graz)
Text Rumi (1207–1273)
Komposition Moreau

Scheidler ermutigt uns in seinem Buch auch zum zivilen Ungehorsam: Denn viele Entscheidungen, beispielsweise im Klimabereich, können nicht warten, bis wir neue demokratische Institutionen aufgebaut oder die alten transformiert haben. Mit jedem Jahr der Untätigkeit schwinden die Chancen, katastrophale und irreversible Entwicklungen, die letztlich die Zukunft der Menschheit aufs Spiel setzen, noch zu stoppen. Deshalb sind laut Scheidler Blockadeaktionen von Braunkohlegruben und -Kraftwerken ein wichtiger und legitimer Schritt. Diese Aktionen müssten, um erfolgreich zu sein, milieuübergreifend organisiert werden. Die Anti-Atom-Bewegung sei ein wichtiges Beispiel: Studenten und Bauern haben sich damals gemeinsam organisiert und waren erfolgreich!

Wie schon sein Erfolgsbuch »Das Ende der Megamaschine« sollte auch dieses Buch unbedingt in jeder Schule gelesen werden. Es sollte in die Lehrpläne der Wirtschaftswissenschaften Eingang finden, es sollte im Radio und im Fernsehen diskutiert werden, ja es sollte in den Kreisen von Bankern und politischen Entscheidungsträgern Verbreitung finden. Wir alle sind gefordert, die »tektonischen Platten der Gesellschaft« zu verschieben, um den sozialen und ökologischen Umbau zu ermöglichen!

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